Intel-Chef Paul Otellini, Archivbild vom September 2009 © Justin Sullivan/Getty Images

Emotionslos trägt Vorstandschef Paul Otellini die jüngsten Geschäftszahlen vor. Es sind gute Zahlen für den amerikanischen Chiphersteller Intel , sensationelle Zahlen sogar. Rekordumsätze. Traumgewinne. Das Quartal war fantastisch, jeder andere Konzernchef wäre spürbar begeistert. Aus Otellinis Mund aber klingt der Satz »Ich bin sehr erfreut«, als hätte man ihn gezwungen, das Telefonbuch von Santa Clara vorzulesen.

Das war Mitte April. Und Intels Chief Executive Officer ahnte wohl schon, dass auf den Erfolg ein Schatten fällt.

Es ist der Schatten einer kleinen Firma aus Cambridge in Großbritannien. Dort liegt das Hauptquartier von Advanced Risc Machines. Das Unternehmen, kurz ARM genannt, entwickelt ebenfalls Computerchips. Und wenige Tage nach Intel präsentierte es ebenfalls gute Zahlen. Sensationelle Zahlen sogar. Rekordumsätze. Traumgewinne. Und so weiter.

Für Intel hätte es kaum schlimmer kommen können. Ausgerechnet die Briten. Zwar ist das Schaltkreisimperium aus dem Silicon Valley um ein Vielfaches größer als sein britischer Gegenspieler. Wenn es aber um Prozessoren für all die neuen Tablets und Smartphones geht, also um die Herzstücke der Technik von morgen, dann ist ARM der Riese. Und Intel der Zwerg. Denn ARM steckt in praktisch allen diesen neuen Geräten. Intel nicht.

Otellini weiß, wie gefährlich das werden kann, er hat die Bibel aller Intel-Manager gelesen: das Buch Only the Paranoid Survive seines Amtsvorgängers und Intel-Mitgründers Andrew Grove. Der schrieb schon in den neunziger Jahren davon, dass in der Geschäftswelt bloß überleben werde, wer überall eine Bedrohung wittere. Wer sich hingegen unangreifbar fühle, habe so gut wie verloren, warnte Grove, denn: »Früher oder später wird sich etwas Grundlegendes ändern.«

Dieser Tag ist heute. Der Chipkrieg hat begonnen, die Front verläuft zwischen Intel und ARM. Zum zweiten Mal bedroht die technologische Entwicklung ein Hightechimperium: erst Microsoft, jetzt Intel.

Bei Prozessoren hat Intel eine ähnliche Bedeutung wie Microsoft bei Betriebssystemen: Beide haben die Standards gesetzt. Beide erkannten bereits vor Jahrzehnten, das Computer über kurz oder lang den Alltag der Menschen prägen würden. So schuf Microsoft Windows, und Intel lieferte die passenden Motoren. Gemeinsam wurden beide zu Monopolisten, die der Welt ihre Vorstellung von Computern aufzwangen und immer wieder den Argwohn staatlicher Wettbewerbshüter auf sich zogen. Dem Erfolg haben die zahlreichen Verfahren nicht geschadet: Täglich werden heute weltweit eine Million Personal Computer verkauft, auf praktisch allen läuft Microsoft Windows, und in mehr als 80 Prozent davon schlägt ein Herz von Intel.

ARM ist wie Google: Gegründet zu einer Zeit, als der Gegner längst übermächtig schien und der Kampf aussichtslos. Von Menschen wie Tudor Brown , die von der Idee getrieben waren, alles Bestehende infrage zu stellen und etwas vollkommen anders zu machen. So erfand Google das neue Betriebssystem Android, das auf vielen Smartphones und Tablets läuft. Und ARM, das aus einer Kooperation der beiden Computerfirmen Apple und Acorn hervorging, erfand neue Chips.

Anders als Intel stellt ARM selbst aber keine Prozessoren her, sondern entwickelt sie bloß. Deswegen hat ARM auch keine Fabriken und deutlich weniger Personal als Intel. Hunderte Firmen wie Nvidia, Qualcomm oder Texas Instruments bauen und verfeinern die ARM-Prozessoren als Lizenznehmer. Gemeinsam haben sie Chiparchitekturen geschaffen, die sehr viel weniger Strom benötigen als die von Intel.

Solange Computer noch Stromkabel hatten und dauerhaft an der Steckdose hingen, machte das keinen Unterschied. Aber jetzt ist das Kabel ab.