Warum wird das Buch einer verkniffenen chinesisch-amerikanischen Mutter, die über das Drillen ihrer Töchter schreibt, in Deutschland ein Bestseller? Wieso beschäftigen wir uns ernsthaft mit dieser Frau, die ihren Töchtern droht, die Stofftiere zu verbrennen, wenn sie faul sind?

Woher kommt unsere Globalisierungsangst? Die Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland ist viel geringer als in Frankreich, Italien, Spanien. Unser Land ist klein, aber unsere Wirtschaft ist die viertgrößte der Welt. Wir verkaufen Autos, Windräder und Medikamente überallhin. Und sind all die Erfinder, Konzernchefs und Gewerkschaftsführer nicht dreizehn Jahre aufs Gymnasium gegangen?

In wie vielen Familien kreisen die Gespräche nur noch um Schule? Hast Du die Vokabeln drauf? Bist Du fit für die Arbeit? Schreibe eine möglichst kleine Zahl auf, indem Du jedes der folgenden römischen Zahlzeichen genau einmal verwendest: M, C, I, X, V.

Nicht dass Du mich falsch verstehst, Sophie: Die Schule ist nicht fürs Kinderglück verantwortlich. Dafür sind wir Eltern zuständig. Und Schüler müssen nun mal lernen. Aber sie müssen auch Zeit haben für eigene Entdeckungen.

Wir üben jetzt oft gemeinsam. Manchmal gibt es Krach, manchmal erleben wir innige Momente: dieses wärmende Glück, wenn wir beide wieder etwas begriffen haben, wenn die Erkenntnis durchbricht wie die Sonne nach drei Tagen Regen! Du hast gelernt, wie die Ägypter ihre Pyramiden bauten. Warum ein Londoner Vorort mit Namen Greenwich weltbekannt ist. Dass es am Horizont einen Fluchtpunkt gibt, auf den alle Linien zulaufen. Jede Schulstunde kann ein Geschenk sein. Und alles zusammen fügt sich zu einem Schatz. Kostet es zu viel Kraft, zu viel Zeit, zu viel Leben, ihn zu heben?

Euer Schuldirektor sagt: Nein. Das sei nur die übliche Sorge der Eltern, deren Kinder von der Grundschule aufs Gymnasium wechseln. Das größte Problem der Schulzeitverkürzung sei "mangelnde Akzeptanz". Also Leute wie ich!

Er sagt das aus einer privilegierten Position heraus, so wie ich diesen Brief aus einer bevorzugten Lebenslage schreibe: Dein Direktor leitet ein Vorstadtgymnasium in einer besseren Gegend. In Eurer Schulkantine servieren "Kochmütter" das Mittagessen. Es gibt aber auch Frauen, die bis abends arbeiten möchten (Du später vielleicht auch!). Alleinerziehende Eltern, die das müssen. Und Väter und Mütter, die keine Lust haben, mit ihren Kindern zu lernen, die gibt es auch.

Was wird aus diesen Schülern?

"Die Übungsphasen, die dazu da sind, Stoff zu vertiefen, sind nach Hause verlagert worden. Kinder, die niemanden haben, der ihnen bei den Hausaufgaben hilft, kommen schlecht weg", sagt Heinz-Peter Meidinger. Er ist Vorsitzender des Deutschen Philologenverbandes. Das ist ein Zusammenschluss von Lehrern, die an Gymnasien arbeiten.

Ich habe im schleswig-holsteinischen Bildungsministerium nachgefragt: Der Anteil der Schüler, die nach der sechsten Klasse die Gymnasien verlassen müssen, hat sich verdreifacht. In Bayern macht die erste G-8-Generation gerade Abitur – seit der fünften Klasse sind dort 31 Prozent aller Schüler auf der Strecke geblieben. Bei G9 waren es 22 Prozent. Diese Kinder wurden "abgeschult", so nennt man das in den Statistiken.

Es klingt fast weltfremd, wenn die Kirche gegen dieses eiskalte Wort protestiert und daran erinnert, dass "jeder Mensch mit reichen und vielseitigen Anlagen beschenkt" sei. Bildung müsse auch die "Kräfte der Fantasie, der Liebe, des seelischen Erlebens und des moralischen Wertens" wecken.

Der Pädagoge Andreas Gruschka sagt: "Es kommt nicht mehr Saft aus einer Zitrone, wenn man mehr presst." Gruschka selber ist zweimal sitzen geblieben und trotzdem Professor geworden. An der Goethe-Universität in Frankfurt am Main erforscht er, wie Lehrer unterrichten und wie Kinder lernen. Er meint: Ihr paukt zwar viel, aber Ihr habt nicht viel davon. Euch fehlt die Zeit, wirklich zu kapieren, was die Lehrer Euch erzählen. Und darüber eine eigene Meinung zu bilden. Er sagt: "Die Kinder heute lernen Organisation und Präsentation." Referate, Wochenpläne – er hält das alles für eine Vorbereitung auf ein kritikloses Büroleben, in dem der Chef in der Tür steht und sagt: "Frau Müller, stellen Sie mir bis Freitag bitte alles über die indischen Märkte zusammen!"

G8 habe "für 25 bis 30 Prozent der Gymnasiasten mehr gebracht – für die anderen wäre G9 vorteilhafter gewesen", sagt der Münchner Bildungsforscher Kurt Heller, ein Pädagoge und Psychologe. Das ist besonders interessant, weil niemand in Deutschland so gründlich zu dem Thema geforscht hat wie er: In den neunziger Jahren hat Heller in ein paar baden-württembergischen Gymnasien G8 ausprobiert – mit durchschnittlich 16 Schülern pro Klasse. Am Ende empfahl er: Es sollte G8-Schulen und G9-Schulen geben. Aber dann, sagt Heller heute, habe die Politik überall das Turbo-Abi eingeführt. Der Professor hat sehr frustriert geklungen, als er mir gesagt hat: "Ist leider so gelaufen."