Schulzeitverkürzung : Liebe Sophie,
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Du bist mehr als die Summe deiner Leistungen

Vor fünf Jahren hat ein Kollege in dieser Zeitung geschrieben, er finde die verkürzte Schulzeit gut, denn es sei noch "Luft im System". Schon möglich. Aber ist Luft schlecht? Ist sie nicht zum Atmen da? Und lernt, wer atmen darf, nicht sogar mehr? Oder jedenfalls lieber?

Das Gerede von der "Luft im System" ist gefährlich, Sophie. Man kann so lange sagen, es sei "Luft im System", bis keine mehr da ist.

Wir haben Euer Leben den Regeln der Wirtschaft unterworfen: In einem Motor kann Luft schaden, in einem Windkanal ist Druck sinnvoll. Aber wer hat uns eingeredet, dass ein beschleunigtes Leben ein gelingendes Leben ist? Wenn ich sehe, wie Manager auf Flughäfen und in ICE-Abteilen ihre iPhones und BlackBerrys anstarren, auf eingehende Mails so angewiesen wie Junkies auf Rauschgift, und wenn ich höre, wie sie endlos von "Quartalszahlen", "Jahresabschlüssen" und der Marktforschung faseln, die sie nur noch "Mafo" nennen, wie sie von Hamburg nach München fahren, ohne dabei auch nur einen einzigen eigenen Gedanken zu äußern – dann glaube ich, wir sollten uns kein Beispiel an ihnen nehmen.

Es wäre schön, wenn Ihr später nicht nur Zahlen lesen könntet. Sondern auch die Menschen hinter den Zahlen erkennen würdet. Wenn Bildung hieße: mit Wissen vernünftig umgehen. Der Schriftsteller Erich Kästner, von dem Du Das doppelte Lottchen kennst, hat das viel schöner gesagt: "Der Mensch soll lernen, nur die Ochsen büffeln."

Wir haben Eure Lebensläufe begradigt wie die Flüsse. Wo wir noch mäandern konnten, uns treiben ließen, rauscht Ihr geradeaus durch. Es wäre schade, wenn dabei alles an Euch glatt geschliffen würde, wenn von Eurer Persönlichkeit nicht mehr viel übrig bliebe. Das hört sich sehr hässlich an, Sophie, aber: Ich habe nicht nur Mitleid mit Euch als Kindern. Ich habe auch ein bisschen Angst vor Euch als Erwachsenen.

Wenn Du Abitur machst, wirst Du 17 sein. Mit 17 lassen wir Euch nicht alleine Auto fahren und keine Mietverträge unterschreiben. Wenn Du Pech hast, musst Du Dich für ein Leben als Lehrerin, als Mathematikerin, als Managerin entscheiden, bevor Du überhaupt weißt, was Du kannst, was Du willst, wer Du bist. Falls Du dann ein eiliges Bachelorstudium durchhastest, wirst Du mit 20 die Universität verlassen. Worauf haben wir uns da nur eingelassen? Wollen wir, dass unsere Enkel von 21-jährigen Lehrern unterrichtet werden, die kaum mehr von der Welt gesehen haben als Legehennen? Wollen wir uns von 22-jährigen Bankern mit Geradeausbiografien betreuen lassen? Uns von 23-jährigen Unternehmensberatern begutachten lassen?

Wenn Dich Deine Lehrer, unsere Nachbarn oder die Eltern Deiner Freundinnen jetzt fragen, warum Dein Vater so aufgebracht ist, dann musst Du wissen: Es liegt nicht an Dir. Wer glaubt, ich schreibe hier gegen schlechte Noten an, der hat nichts begriffen. Deine Zensuren sind gut. Ich bin zornig, weil wir Eure Kinderzimmer zu Büros gemacht haben, Eure Schreibtische zu Werkbänken, Eure Köpfe zu Lagerhallen.

Wenn sie Dir sagen, es ist doch nur das eine Jahr, dann antworte ihnen, es geht um Millionen beschleunigter Leben. Und wenn sie Dich fragen: "Acht oder neun Jahre, ist das nicht einerlei?", dann sag ihnen: Was wäre los, wenn die Lokführer plötzlich 15 Prozent mehr arbeiten müssten? Dieses Land stünde still, über Wochen. Die Tagesschau würde Abend für Abend mit Streikmeldungen beginnen. Es gäbe Demonstrationen, auf denen wütende Männer rote Fahnen schwenken. Es gäbe aufgeregte Talkrunden im Fernsehen, in denen die Erwachsenen "Ausbeutung" und "Raubtierkapitalismus" brüllten.

Natürlich frage ich mich: Ist eine Sache nicht nur dann schlimm, wenn Du, Sophie, sie selber schlimm findest? Habe ich Dich mit diesem Brief zum Faulenzen aufgefordert, Dir Ausreden und Ausflüchte in den Mund gelegt? Habe ich Dich verwirrt? Dir überflüssige Sorgen gemacht? Ich hoffe fast, dass Du diesen Brief inzwischen zur Seite geschoben hast und irgendwo Waveboard fährst, weil Du das Geschreibsel hier dröge findest und sowieso Quatsch ist, was von den Eltern so kommt.

Aber Du sollst ruhig wissen, warum wir auf dem Weg ins Kino 17², 56 und 28 gelernt haben.

Du sollst wissen, warum ich Dich manchmal dressiere wie ein Dompteur sein Zirkuspferd – und mir dann wieder auf die Lippen beiße, statt nach der Schule zu fragen.

Du sollst wissen, dass Du mehr bist als die Summe deiner Leistungen.

Du sollst wissen, warum es manche Deiner Freundinnen nicht schaffen werden, warum ihre Stühle irgendwann leer bleiben werden.

Du sollst wissen, dass Depression keine Kinderkrankheit ist.

Du sollst wissen, dass die Schulzeit mehr sein sollte als ein Trainingslager fürs Berufsleben.

Du sollst wissen, dass die Gesellschaft an denen wächst, die sie infrage stellen.

Und Du sollst wissen, dass ich Dir das gestohlene Jahr zurückgeben möchte. An jedem Tag, an jedem Wochenende – und nach dem Abitur. Am besten kein Auslandsstudium. Kein Sommerseminar. Sondern einfach eine Reise ohne Weg und ohne Ziel. Denn wenn Du Deine Seele bis dahin nicht in einem Klassenzimmer gefunden hast, wirst Du sie auch in einem Hörsaal nicht finden. Aber vielleicht tief in einem finnischen Wald, mitten in einem äthiopischen Dorf oder auf der Sitzbank eines amerikanischen Überlandbusses. Irgendwo, irgendwann, wenn Du es nicht erwartest.

Und ich hoffe, dass Du mich dann, wenn es losgehen soll, nicht mitleidig anschaust und sagst: "Das ist doch reine Zeitverschwendung."

Dein Papa

* Name von der Redaktion geändert

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Kommentare

510 Kommentare Seite 1 von 100 Kommentieren

Der Verlust der Kindheit... Warum wieder der Run auf Waldorfschu

Es ist doch alles bekannt! Die Bildung unserer Kinder: Unter der Prämisse der Wirtschaftlichkeit!!! Diejenigen, die sich mit Pädagogik beschäftigen, wissen um den Schwachsinn der immer kürzeren Zeiten in den "Lernbetrieben". Ähnlich Legehennen soll möglichst schnell das Abfragewissen antrainiert werden... wo bleibt der Humanismus, die Zeit, sich wirklich zu bilden? Wissenschaftler haben schon lange bestätigt, dass Kinder, die Zeit zum Spielen haben, eine sehr viel komlexere Gehirnstruktur entwickeln... Auch gibt es Alternativen zu den staatlich gesteuerten Lernbetrieben: Das Konzept der Waldorfschulen ist ja teilweise bekannt. Wichtiger als das Abfragewissen ist hier die Ausbildung der Phantasie, der Kräfte in uns, die neue Ideen und Impulse ermöglichen, die heute mehr als je gefragt wären. Aber solche Menschen sind natürlich unbequem... besser, wir produzieren angepasste Bürger. Das Hamsterrad des Berufslebens - falls man eine Stelle findet - wartet! Und warum sollte die Wirtschaft und die Politik auf arbeitswilliges, konformes und gleichgeschaltetes Arbeitmaterial verzichten?

Die Entscheidung für G8...

...haben Finanz- und Wirtschaftspolitiker getroffen, die den Forderungen der Wirtschaftsverbände nach kamen und keine Pädagogen. Aus einigen Unternehmenrkreisen wurde nämlich zuvor unverholen gedroht, käme G8 nicht, würde man nicht mehr betrieblich ausbilden und statt dessen ausländische Arbeitnehmer holen. Und wie immer, wenn "vom Ergebnis her gedacht" wird, kam am Ende nur Murks heraus.

G8 ist bei weitem nicht das Problem allein

Ich selbst habe mein Abitur in der Form von G8 gemacht. Und dennoch kann Ihnen versichern, dass ich damals in der 5. Klasse (2003) keineswegs sonntags gelernt habe. Damals gab es diesem Stress einfach nicht. Die Gründe sind meiner Meinung nach viel mehr in den immer größeren Ansprüchen zu suchen, die an die Kinder gestellt werden. Oft erlebe ich Eltern, die ihrem Kindern eintrichtern auf jeden Fall besser als andere zu sein, um später im Berufsleben die besseren Chancen zu haben und möglichst früh auf eigenen Beinen zu stehen.
Es ist übrigens wichtig anzumerken, dass das Abitur mit 17 Jahren auch im Fall von G8 in der Praxis selten vorkommt. Ich habe beispielsweise dieses Semester an der Uni die Erstsemester an unserer Fakultät betreut und dabei war eine Person im Alter von 17 Jahren, auch 18 kam kaum vor, die meisten waren um die 19-20 Jahre alt. Davon das jemand einen Bachelor mit 20 Jahren hatte, habe ich persönlich (aber diese Wahrnehmung ist selbstverständlich rein subjektiv) nie gehört. Nach wie vor kann ich von persönlichen Gesprächen her sagen, dass so einige Abiturienten nicht sofort ein Studium aufnehmen.
Das System G8 ist in einigen Bundesländern, z.B. MV eigentlich das ursprüngliche gewesen, dort gab es nur ein paar Jahre G9. Schon 2008 wurde das Abi in 9 Jahren wieder abgeschafft.
Seltsamerweise höre ich auch Klagen über G8 auch hauptsächlich aus Baden-Württemberg und Hessen. Da stellt sich mir die Frage: Woran liegt das?

Mehrheit schafft es... irgendwie

Da kann ich Ihnen nur zustimmen. Ich bin Abiturient in der Q2, also G8, und bemerke zwar, dass es die "Mehrheit" schafft, aber eben nur die Mehrheit. Was heißt schon Mehrheit? Es bleiben jedes Jahr einige auf der Strecke, es gibt jedes Jahr welche, die nur mit "Ach und Krach" versetzt werden. Nicht jeder schafft es, aus welchen Gründen auch immer. Dass dies "von oben herab" nicht immer bemerkt wird ist klar. Aufsummiert dürfte das schon eine ganze Menge ergeben. Schüler, die psychische Probleme haben. Schüler die individuelle Förderung bräuchten. G8 hat Schattenseiten, als "guter Schüler" wird man natürlich sagen können dass es lächerlich ist. Aber zwei Klausuren in den Leistungskursen innerhalb einer Woche schafft. einfach. nicht. jeder!

Denkfehler

@ Dirk Helmrich: Und genau, dass ist ihr Denkfehler. Es soll nun mal nicht jeder das Abitur schaffen können. Wir haben nicht umsonst verschiedene Schulformen. Schüler die nicht dem Anforderungsniveau des Gymnasiums gewachsen sind, sollen eine Realschule besuchen. Schüler die nicht dem Anforderungsniveau der Realschule gewachsen sind, sollen eine Gesamtschule besuchen. Man wählt die Schulform entsprechend der eigenen Leistung und nicht nach dem Motto, jeder geht auf's Gymnasium, ich also auch !

Abitur ist der höchste Abschluss, der dazu befähigt Studieren zu gehen und dies erfordert nun mal ein entsprechendes Leistungsniveau.

Verstehen Sie mich nicht falsch, dass soll jetzt keine Degradierung oder Abwertung sein. Aber es ist nun mal nicht jeder für ein Studium geeignet. Diese Leute haben dafür andere Qualitäten: z.B. handwerkliches geschick

Man sollte das machen, was einem Spass macht und liegt, dann kommt der Erfolg von alleine !

Rumenigge

Lieber Herr Sußebach,

ich kenne Sie als beherzten Torjäger und begnadeten Dribbler - sprachlich wie sportlich. Mit diesem beeindruckenden Dribbling um die vor Ehrfurcht vor dem Bildungsthema erstarrten Verantworlichen, sind Sie der Rummenigge der Reporterriege.

Jetzt heißt es für mich: Mut zusammennehmen und Revolte versuchen. Caya auf dem humansitischen Gymnasium ab diesem Sommer - und ich soll auf dem Schulhof um 8.15 Uhr die Vuvuzela rausholen. Ich arbeite dran, versprochen.

Mir tuts auch leid

aber ich kann ihre Meinung nicht teilen. Der Autor beschreibt in seinem Artikel die Generation der heutigen Fünftklässler. Sagen wir, bis zur siebten Klasse. Das ist die Unterstufe. Zumindest habe ich das so rausgelesen. Wer in der 11. oder 12. Klasse ist, der hat im Normalfall das Selbstbewusstsein zu sagen, leck mich, heute geh ich an den See. Oder er speist sein Selbstwertgefühl aus Leistung und büffelt halt den Sonntag durch. Mit 10 oder 11 Jahren hat man das noch nicht. Man hinterfragt nichts, man nimmt hin. Eltern rennen dann mit ihren Kleinen zum Psychologen. "Machen sie mein Kind gesund!" Neulich in der Sendung 37 Grad hatte sich ein 9 jähriges Mädchen hingestellt und gesagt: "Ich bin krank. Ich habe ein ADS."
Man kann immer über den Lehrplan flennen und den Lehrern die Verantwortung in die Schuhe schieben. Damit macht man es sich supereinfach. Ich habe VWL studiert und verstehe auch nicht immer sofort alle Matheaufgaben meines kleinen Bruders. Und ich kenne viele Lehrer, die ihren Job sehr wohl ernst nehmen. Klar gibt es auch an dieser Stelle Versäumnisse. Aber der eigentliche Fehler liegt m.E. im System. Man sollte ein Kind auch mal ein Kind sein lassen. Viele Eltern vergessen das. Zu einem perfekten leben gehört für sie auch ein perfektes Kind. Ich bin froh, dass es Väter gibt wie Herrn Sußebach.

Ich würde...

...mal sagen, das hängt arg von der Schule ab. Ich musste definitiv auch am WE was machen und unter der Woche war die Zeit verplant, dass man kaum die Hausaufgaben schaffte und ich war NICHT der einzige. Aber das war Sachsen auf dem TG, die Vergleichbarkeit hinkt also etwas.

"Ich schätze viele Ungeeignete jammern mit denen zusammen, den man es sowieso nicht recht machen kann."

Tja, so ist das in diesem kranken dreigeteilten Schulsystem und einer Arbeitslosen-Gesellschaft. Da sieht man die eigene Lebenplanung den Bach runtergehen, wenn man es nicht aufs Gym schafft.

Wahrscheinlich nicht dein Problem, du klingst wie gesättigter oberer Mittelstand mit optimalen Voraussetzungen. Dein Pech, dass die nicht alle mitbringen. Vielleicht hättest du auf eine Privatschule gehen sollen. Eine Nicht von mir ist da und was die an Leistungsanforderungen haben, kommt mir schlicht ein bisschen pervers vor. Die müssen z.B. mal eben 5-strophige Gedichte bis zum nächsten Tag lernen und sind aber selten vor 18:00 zu Hause.

@JohnnyMcKoi:

Und was tut Ihnen jetzt leid? Dass Sie Ihr Abitur verhältnismäßig entspannt durchlebt und schließlich absolviert haben? Oder tut es Ihnen leid, dass die anderen scheinbar zu dumm sind für das Abitur und ihren Abschluss besser an einer Baumschule machen?
Sie sprechen hier lediglich für sich. Sie beurteilen einen Sachverhalt nur aus der eigenen Position – und der einiger Freunde – heraus. Argumentativ haben Sie auf jeden Fall viel über ein Jahr vergessen.
Auch ich habe im letzten Jahr mein Abitur gemacht. Und ich würde mich nie hinstellen und behaupten, dass sich der Druck für die kommenden Abiturienten mit G8 nicht drastisch erhöht, nur weil ich meine gesamte Schulzeit hindurch einen Lenz schieben konnte. Ohne eine gewisse Intelligenz und Gerissenheit – und das meine ich ganz uneitel – hätte ich mir diese Faulheit nicht leisten können. Aber selbst mir blieben Hausaufgaben und Lernen, in der Woche, sowie am Wochenende, nicht erspart.
Ja, ich könnte mich auch hinstellen und über diese ganzen "Jammerlappen" schimpfen, die zu dumm für das Abitur sind. Mach ich aber nicht! Ich bin dankbar dafür, dass ich mehr Zeit hatte für die gleiche Menge Stoff. Und ich empfinde Mitleid für diejenigen, die schon als Kinder in eine Leistungsgesellschaft gepresst werden; die einen enormen Fleiß aufbringen und sich ein kleines bisschen Opfern, damit sie eben einen guten Schulabschluss erhalten und später auf dem Arbeitsmarkt eine gute Chance erhalten.

Also was tut Ihnen jetzt leid?

Also ganz ehrlich

ich habe 2008 Abi gemacht. Also auch noch ganz entspannt mit insgesamt 13 Jahren Schule. Und trotzdem musste ich viel büffeln. Unter der Woche kamen dann ja auch noch die Hausaufgaben und normalen Klausuren dazu und am Wochenende wurde dann weiter gelernt. Ich weiß ja nicht, wie Sie das sehen, aber ich denke Sie brauchen sich nicht wundern, dass Sie und ihre Freunde "nur" gut sind und nicht sehr gut. Und Sie wissen genauso gut wie ich und die anderen hier, dass gut oftmals ncihtmehr ausreicht. Und wenn ich mir meine Schwester anschaue, 14 Jahre jung 8. Klasse, die nur 12 Jahre Schule hat, dann sehen ich einen extrem vollgepackten Wochenenplan und eine kleine junge Dame, die meist total müde ist und sich freut, wenn sie mal am Wochenende nichts tun muss.
Also ich finde schon, dass das ein durchaus diskussionswürdiges Thema ist und nicht so leicht abgetan werden sollte. Also bitte ich Sie, auf die jungen Menschen und die kleinen Menschen, die zur Zeit zur Schule gehen, nicht so respektlos herabzuschauen!!!!!

Armes Deutschland

Super, Glückwunsch, Ich bin von Ihnen begeistert... Ich war zum Glück auch noch G9 (Bay), habe nichts gelernt, auch fürs Abi nicht, bin mit 2er Schnitt raus und könnte mich aufregen dass Leute wie Sie auf der selben Bildungsebene wie Ich stehen. Was soll dieser Kommentar? Früher hieß das Abitur noch Reifeprüfung! So etwas zeigt, dass die Probleme in diesem Bildungssystem noch andere Facetten haben als die in diesem, mir von der Seele sprechenden, Artikel angedeutet.

"Ich schätze viele Ungeeignete jammern mit..."

Der Autor dieses Artikels gibt vorallem zu denken, dass Schüler keine Zeit mehr für andere Sachen haben und wie ein Fluß so begradigt werden, dass sie einfach nur "funktionieren" und sich nicht mehr so stark entfalten können. Auch Marie hat laut dem Artikel gute Noten.

Außerdem: Wer ist den Bitteschön "ungeeignet" (mal von geistig behinderten abgesehen)? Viele die auf Real- oder Hauptschule gehen sind intelligenter als so manch einer auf dem Gymnasium. Bei denen liegt es vielleicht nur an den ersten Sozialisationsinstanzen, dass sie nicht aufs Gymnasium gehen.
Und die wirklich überforderten Gymnasiasten, die trotz Pauken geradeso durchs Schuljahr kommen, können ihre Defizite nicht mehr durch Fleißarbeit ausgleichen, weil die Zeit und vielleicht auch die Kraft nicht ausreicht. Sollte ein Schulsystem nicht dafür sorgen, dass auch diese Schüler gute Aussichten auf einen guten Job haben? Sollte eine Schule nicht möglichst alle mitnehmen? Ich gebe nicht nur G8 Schuld dazu. Aber ich glaube auch nicht, dass das "neue System" ganz unschuldig ist.

Ich muss mich dazu mal äußern!

Ich bin nun ein Mensch aus entsprechendem Umfeld, ich mache dieses Schuljahr mein Abitur. G8. Mein Jahrgang war einer der Probejahrgänge in NRW und wurde nach der 9. Klasse mit der Stufe über uns zur Oberstufe zusammengelegt. Das Tempo und der viele Stoff den wir aufholen mussten (uns fehlte ja sozusagen ein Jahr, ich bin in der 5. Klasse als G9 Jahrgang eingeschult worden) war mir damals gar nicht mal bewusst. Das merkte ich erst, als ich im Deutschunterricht saß und als (eigentliche) 10. Klässlerin stofflich weiter war als die "echten" 11er. Viel zu tun habe ich seit der 11/12 (oder heute: Q1) jeden Tag. Da sitzt man schon mal Sonntags 4 Stunden an einer Deutschhausaufgabe! Und ich im Mathe-LK beschäftige mich mitnichten 2 Wochen mit einer Aufgabe. Im Gegenteil: Jede Stunde wird etwas Neues eingeführt. Das Tempo ist wirklich rasant. Wer da mal krank wird, hat Pech gehabt. Fehlen bedeutet heute leider beinahe zwangsläufig eine schlechte Note. Zu den Klausuren:ich kann behaupten seit 3 Monaten wirklich jede Woche Klausuren geschrieben zu haben - und das ist Stress. Viel Anstrengung ist sicherlich normal wenn es ans Abitur geht. Aber ich finde man darf das dennoch nicht relativieren. Meiner Meinung nach ist der Druck zu hoch. Besonders da Die Schülerinnen und Schüler in Zukunft jünger sein werden als bis her wenn sie von der Schule abgehen. G8 zwingt Kinder schneller erwachsen zu werden und das führt leider schnell zu Überforderung und Verzweiflung...

Es kommt auf den Stundenplan an...

Auch ich mache dieses Jahr Abitur nach 8 Jahren am Gymnasium und kann vieles was im Brief erwähnt wird nicht bestätigen. Ich hatte zwar nicht selten das Gefühl ich würde zu viel Zeit in der Schule verbringen, doch wenn in der Schule ein angenehmes Klima und ein gutes Verhältnis zwischen Schülern und Lehrern herrscht, ist das oft nicht einmal ein großes Problem. Das Problem liegt weniger in der Schulzeitverkürzung und der stofflichen Menge, die für das Abitur notwendig ist, sondern am direkten System des Stundenplans. Durch einen wesentlich höheren Lehrer-Schüler-Schlüssel könnte die Stundenanzahl meiner Erfahrung nach beliebig heruntergefahren werden. In den Abi-Vorbereitungskursen, die ich momentan besuche, lerne ich, dadurch dass wir nur zu Viert sind, in einer Stunde oft mehr als in 10 Stunden gemeinsamen Unterrichts.

Zudem liegt der zusätzlich, angeblich so zeitintensive, nötige Lernaufwand auch meistens an den Schülern selbst. Meiner Erfahrung nach sind weder gute noch schlechte Mitschüler stundenlang zu Hause vor den Aufgaben gesessen und haben gebüffelt. Natürlich gibt es Wochen, in denen mehr Klausuren geschrieben werden und deswegen auch mehr gelernt werden musste, doch weder ich noch die Großzahl meiner Mitschüler empfanden das als unerträgliche Belastung.

Hier wurde ein wesentlicher Unterschied übersehen...

Hallo,
ich habe noch nie einen Kommentar verfasst aber jetzt muss ich es tun.
Ich bin 20, habe letztes Jahr mein Abitur gemacht und bin jetzt in einem dualen Studium. Ich muss gestehen, dass mir nicht alles zugefallen ist und ich - im Gegensatz zu anderen - viel außerhalb des Unterrichts tun musste.

Trotzdem weiß ich: viele aus meinem Jahrgang haben sich tatsächlich keinesfalls totgearbeitet! Das ist auch wirklich kein Problem

Was aber ein Problem ist: mein kleiner Bruder ist 11, gerade in die 5. Klasse gekommen.... er ist auf einer Realschule und trotzdem hat er Berge von Hausaufgaben und muss wesentlich mehr Zeit investieren als es irgendeiner von uns es je tun musste!!!
Ich sehe wie es ihn belastet und wie meine Mutter versucht ihn zu fördern aber nicht zu überfordern, denn sie weiß, dass sie ihm mit jeder neuen Nachhile wieder sagt, dass er so wie er ist nicht ausreicht......

Man muss also definitiv beachten, dass sich innerhalb der letzten paar Jahre SEHR SEHR viel getan hat und man die heutige 5te Klasse nicht mit der des aktuellen Abiturjahrgangs vergleichen hat. Es macht mich wirklich traurig das zu sehen.

@Hr. Sußebach: Ihr Artikel geht mir wirklich unter die Haut und ich wünschte, er würde wenigstens ein bisschen was bewegen...

Mein Abitur 2014

Hallo,
meine Antwort kommt zwar etwas spät, aber lieber spät als nie.
Ich bin der 2. Jahrgang G8, bin jetzt in der Abiturvorbereitung und möchte eigentlich im letzten Jahr mit allem, was Oberstufe heißt, abschließen. Lieber meine gesamte Schullaufbahn bis auf die mittlere Reife in die Tonne treten und einfach aufhören. Durch dieses Jahr musste ich alle das, was auch nur im Entferntesten Spaß machen könnte, aufgeben. Ich bin vier mal pro Woche von halb sieben morgens bis sieben Uhr abends nicht zu Hause, nein, in der Schule, auf dem Schulweg, in einer Freistunde in der Schule. Dann kommen dazu Hausaufgaben, die ich in Hauptfächern aufbekomme, aber nicht morgens, sondern im Nachmittagsunterricht. Die liegen dann also abends auf meinem Schreibtisch.
Also selbst wenn ich jetzt beschließen würde, meine Hausaufgaben nicht zu machen, dann hätte ich immer noch keine Zeit zu irgendwas.
Und wenn ich meine Hausaufgaben nicht mache, dann zieht das meine Noten nach unten, den Stress im Unterricht nach oben und persönliche Differenzen mit Lehrern werden auch nur gefördert: Weil im Unterricht keine Zeit mehr ist, alles zu schaffen, wird das dann halt in Hausaufgaben verlagert. Und die werden natürlich umso strenger kontrolliert, bewertet und teils benotet.
Schüler sein heißt dann jetzt: im Unterricht aufpassen, nicht zu viele Fehlstunden, häufig die Hausaufgaben machen und absolut keine Freizeit mehr. Und bloß nicht ehrgeizig sein, sonst gibt's als Krönung dann Burn-Out.

Meinung

Ich will das auch nicht so stehen lassen, was manche hier behaupten. Ich hab vor einem Jahr (2012) mein Abitur gemacht und zwar von Anfang an in der G8 Schiene.
In der Unterstufe hatte ich spätestens um 1 frei, in der Mittelstufe und Oberstufe bis spätestens 3 Uhr. Danach bestand die Zeit so gut wie nur aus Freizeit und Erholung. Ich hab nie auf dem Weg ins Kino im Auto gelernt oder ähnliches (da waren wohl die Eltern/Tochter zu übermotiviert gewesen ?!). Hausaufgaben waren in ein bis maximal zwei Stunden erledigt. Für die Klausuren wurde in der Regel 1-2 Tage vorher gelernt, für anspruchsvollere Klausuren manchmal dann auch 3-4 Tage, das war aber schon in der Oberstufe und kam selten (!) vor. Für die Abiturprüfung wurde insgesamt 1,5 Wochen intensiv gelernt.
Meine Kindheit ist also eher so gewesen, wie der Vater seine eigene beschrieben hat und nicht wie das seiner Tochter, obwohl ich eig. die gleiche Schiene bestritten habe, wie sie gerade !
Außerdem soll das Gymnasium (immerhin der höchste Schulabschluss in DE, den viele aber als selbstverständlich sehen), auf das Studium (Abitur=Hochschulzugangsberechtigung) vorbereiten und wer im Gymnasium nicht dem Stoff gewachsen ist und schon unter Stress leidet, wie soll man dann in der Uni klar kommen ?

P.s Bevor jetzt einer denkt, dass hier jmd. redet der sich irgendwie durchs Abitur geschlagen hat: ich hatte einen 1,x Schnitt.

Hirn einschalten!!

Ich muss Mohamad da recht geben! Es ist ein bisschen naiv zu sagen, dass an allem das Schulsystem schuld ist. Klar ist das Schulsystem nicht perfekt, aber ich denke der Löwenanteil dieses Problems ist auf die Eltern zuzuschreiben. Der Leistungsdruck in der heutigen Gesellschaft wird schon in ganz jungen Jahren auf die Kinder übertragen. Genau da ist das Problem: Ein Kind braucht seinen Freiraum, den es aber nicht kriegt, weil es schon von jungen Jahren an mit Druck erzogen wird. Wie soll so ein Kind dann bitte die Hochschulreife erlangen?

Ich denke, dass Johnny McKoi mit seiner Überschrift ausdrücken wollte, dass es ihm wohl Leid tut, dass er nicht die Meinung vieler anderer teilt. Also immer erst Hirn einschalten bevor man mutmaßlich gegen andere Meinungen schießt!