Ja, meint Götz Hamann: Viele Anleger werden ihr Geld verlieren – der Schaden ist enorm.

Eine mittelständische Internetfirma namens LinkedIn macht 243 Millionen Dollar Umsatz und 15 Millionen Gewinn, aber kurz nach dem Börsengang sind ihre Aktien 8 Milliarden Dollar wert . Wer glaubt, so eine Rechnung könne aufgehen, ist realitätsflüchtig. Nun ja, leider sind viele Anleger genau das.

Sie behandeln Internetaktien wie Kinokarten für Fluch der Karibik 4 . Sie zahlen, weil sie unbedingt erleben wollen, wie Captain Sparrow (Johnny Depp) versucht, die physikalischen Gesetze auszuhebeln. Danach werden sie eine Erinnerung mit nach Hause nehmen, mehr nicht. Ihr Geld ist weg. Wieder einmal.

Die Rolle des Oberpiraten beim Remake der Internetblase übernimmt erst mal Reid Hoffman. Er ist Hauptfigur, Regisseur und Produzent in einem, ein genialer Investor aus dem kalifornischen Silicon Valley. Seine Firma LinkedIn, ein Soziales Netzwerk, ist vergangene Woche an die Börse gegangen. Sie hat sich auf Berufstätige spezialisiert, die monatlich ein paar Dollar zahlen, um bei LinkedIn ihre Kontakte zu pflegen – oder Arbeit zu suchen. Seit vielen Jahren wächst die Firma stabil. Die Betonung liegt aber mehr auf »stabil« als auf »wachsen«.

Nie hätte Hoffman so viel Geld beim Börsengang erlösen dürfen, nie hätte der Kurs danach weiter in die Höhe schießen dürfen. Aber so sind Blasen. Und Hoffman erweist sich als der bessere Captain Sparrow, weil er mit einer von Edelsteinen überquellenden Schatztruhe tatsächlich entkommt.

Und die Anleger? Viele werden wieder Geld verlieren. Und damit wird auch diese Blase einen enormen Schaden anrichten.

Wahr ist, LinkedIn und andere begehrte Internetfirmen haben ein funktionierendes Geschäftsmodell. Das unterscheidet die Blase des Jahres 2011 von der Blase des Jahres 2000. Immerhin. Damals hatten viele Start-ups nicht mehr vorzuweisen als eine Vision, eine PR-Abteilung und ein gigantisches Spesenkonto. Wer also Blasenbildungen etwas Gutes abgewinnen möchte, wird diesen Unterschied vermerken. Doch sollte eine Firma, bloß weil sie etwas Geld im Internet verdient, gleich mehr wert sein als die Lufthansa bei 27 Milliarden Umsatz und 900 Millionen Ergebnis?

Den Anfang der Übertreibung machte Facebook . Das Soziale Netzwerk ist vielleicht die wichtigste Kommunikationsplattform im Internet. Doch kann es mit rechten Dingen zugehen, dass es seinen Wert zwischen Oktober 2010 und Januar 2011 von 35 Milliarden Dollar auf 60 Milliarden Dollar gesteigert hat? Was kann passiert sein, dass diese Entwicklung rechtfertigt? Nichts.

Da Facebook nicht börsennotiert ist, verkaufen Mitarbeiter und frühe Investoren ihre Aktien auf spezialisierten Handelsplattformen. Das sind quasi Minibörsen für die Anteile von Start-up-Unternehmen, und sobald Facebook-Aktien angeboten werden, setzt dort offenbar der Verstand aus. Gier ist nun mal ein mächtiger Trieb.

Facebook hat große Werte geschaffen, aber doch keine 60 Milliarden Dollar! Die Internetfirma macht geschätzte zwei bis drei Milliarden Dollar Umsatz und wächst nach allem, was bekannt ist, langsamer als Google kurz vor dem Börsengang, bei dem die Internetsuchmaschine mit 23 Milliarden Dollar bewertet wurde. Außerdem ist das Geschäftsmodell von Facebook noch ein großes Experimentierfeld. Werbekunden sollen mithilfe verschiedener Werbeformen mit potenziellen Kunden in ein lockeres Gespräch kommen. Aber der Wert eines Gesprächs ließ sich schon immer schlecht in Euro messen – außer beim Psychiater.

Und so werben zwar alle großen Firmen bei Facebook, aber bisher eben nur ein bisschen.

Nebenbei bemerkt: Firmengründer Mark Zuckerberg würde sich genauso anstrengen, wenn sein Anteil an Facebook nur sechs und nicht zwölf Milliarden Dollar wert wäre. Seinen Lebensstil könnte Zuckerberg ohnehin mit einem Bruchteil dieses Vermögens finanzieren. Bis vor Kurzem hatte er ein bescheidenes Einfamilienhaus gemietet, er fährt einen Mittelklassewagen, und sein Kleiderschrank enthält T-Shirts, Jeans und Badelatschen. Auch Zuckerbergs frühe Finanziers würden bei einer halb so hohen Bewertung einen guten Schnitt machen.

Was für Facebook und LinkedIn gilt, trifft auf Dutzende, wenn nicht Hunderte von Internetfirmen in den USA, in Europa, in Russland und in China zu, die an die Börse gehen oder auf andere Weise den Besitzer wechseln: interessante Geschäfte, aber die Preise sind total überzogen.

Microsoft kaufte den Internettelefonanbieter Skype für 8,5 Milliarden Dollar, obwohl der nur ein paar Hundert Millionen Dollar Umsatz und keinen Gewinn macht. Ein Finanzinvestor übernahm die Mehrheit an der deutschen Firma Bigpoint, die Computerspiele im Internet anbietet, und taxierte sie auf rund 400 Millionen Euro – bei 52 Millionen Euro Umsatz und 12 Millionen Euro Gewinn.

Das chinesische Online-Videoportal Youku kostet an der Börse fast 6 Milliarden Dollar, bei knapp 20 Millionen Dollar Umsatz.

Die russische Internetholding Mail.ru bilanzierte zuletzt rund 300 Millionen Euro Umsatz, ist an der Börse aber knapp 8 Milliarden Dollar wert.

Was zur Frage führt, wie groß der Schaden sein wird, wenn diese Blase noch lange wächst, bevor sie platzt.

Als Erstes werden Anleger für unbestimmte Zeit mit einer wachsenden Risikoscheu reagieren. Sie werden Neues dann nicht so leicht und gerne finanzieren. Wagniskapitalgeber haben mehr Mühe, Geld einzusammeln, große Fonds ziehen sich aus risikoreichen Anlagen zurück. So war es schon nach der ersten Internetblase.

Zum jetzigen Zeitpunkt kommt hinzu: Ein Platzen wird das nationale Selbstbewusstsein der USA empfindlich treffen – und den Glauben im Ausland an die technologisch-wirtschaftliche Supermacht zerstören. Nicht Öl-, Finanz- oder Autoindustrie, sondern allein die IT- und Internetbranche hat derzeit globale Strahlkraft. In ihr lebt der Mythos vom freien, fortschrittlichen und Wohlstand schaffenden Amerika fort. Bis die Blase platzt.

Last, but not least: Es fließt Kapital in die falschen Hände, das anderswo dringend gebraucht würde, zum Beispiel in der Umwelttechnik. Das ist kein Tränendrüsen-Argument. Greentech zu entwickeln, braucht zehnmal so viel Zeit und viel mehr Geld als Internetgeschäftsmodelle, weil man eben nicht in ein paar Monaten ein Verfahren zur Energiegewinnung oder -speicherung entwickeln kann oder eines zum Recyceln von Plastikbergen, die im Meer schwimmen. Deshalb ist der Drang, mit Internetfirmen schnell reich zu werden, verständlich, bedeutet aber auch: Pech für Klima-Tech.

Je schneller die Blase platzt, umso kleiner bleibt der Schaden. Hoffen wir, dass es bald dazu kommt. Zu jeder Blase gehört allerdings auch eine Ausnahme – ein Unternehmen, das so schnell wächst, dass es alle Hoffnungen erfüllt. Nach der letzten Blase gelang es dem Internethändler Amazon. Dieses Mal heißt der heißeste Anwärter Groupon. Die Firma vermarktet Rabattgutscheine von lokalen Händlern, sie wächst rasant und sitzt schon heute auf einem ziemlich großen Berg Bargeld.