Auf den Frühjahrskonferenzen der Deutschen Bundesbank geht es gewöhnlich eher gemächlich zu. Wissenschaftler führen anderen Wissenschaftlern ihre neuesten Gleichungssysteme vor, die Gespräche in den Kaffeepausen sind für Laien kaum verständlich.

Jens Weidmann hätte ein paar nette Worte über die neuesten ökonomischen Moden und Modelle fallen lassen können, als er am vergangenen Freitagnachmittag im Hamburger Park Hyatt zum Abschluss der diesjährigen Konferenz das Wort ergriff. Der neue Bundesbankpräsident und oberste deutsche Repräsentant im Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) hätte seinen ersten öffentlichen Auftritt geräuschlos hinter sich gebracht.

Weidmann aber entschied sich für den Frontalangriff. Die von der EU ins Gespräch gebrachte Umschuldung in Griechenland werde zur Folge haben, dass die EZB griechische Staatsanleihen bei ihren Geldgeschäften nicht mehr länger akzeptiere: »Große Teile des griechischen Finanzsektors wären von der Finanzierung abgeschnitten.«

Es ist das geldpolitische Äquivalent einer Drohung mit Nuklearwaffen. Der Ausschluss aus den Refinanzierungsoperationen der Zentralbank wäre der sichere Untergang des griechischen Bankensystems – und würde das Land wohl zum Austritt aus der Euro-Zone zwingen. Es wäre der Anfang vom Ende der Währungsunion in ihrer jetzigen Form. Den Herren des Geldes ist die Lust am Retten vergangen.

Damit ändert sich die Schlachtordnung im Kampf gegen die Krise fundamental. Die Euro-Banker haben sich im Hintergrund mit allen Mitteln dem drohenden Zerfall der Währungsunion entgegengestellt – auch wenn sie dabei ihre eigenen Regeln manchmal bis zur Unkenntlichkeit dehnen mussten. Für geschätzt 50 Milliarden Euro hat die EZB Staatsanleihen aus Griechenland aufgekauft, dazu kommen Papiere aus Portugal und Irland.

Mit weiteren 90 Milliarden steht die Notenbank im Risiko, weil sich die griechischen Banken bei ihr Geld geliehen haben. Die Zentralbank versorgt die Wirtschaft mit Liquidität, die sie selbst schafft und an die Geschäftsbanken verleiht. Wenn eine Bank Geld benötigt, muss sie Wertpapiere als Pfand hinterlegen. Sollte sie in Schwierigkeiten geraten, geht das Pfand in das Eigentum der EZB über und kann von dieser verwertet werden.

Was sich als Pfand eignet, ist genau festgelegt. Im Moment umfasst die Liste, die laufend aktualisiert wird, mehr als 28.000 Wertpapiere. Staatsanleihen, Pfandbriefe, Kredite. In den vergangenen Monaten hat die EZB die Anforderungen an die Wertpapiere immer mehr aufgeweicht. Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise nahm die Notenbank wie andere Zentralbanken auch bereitwillig mit Kreditforderungen abgesicherte Wertpapiere – sogenannte Asset-Backed Securities (ABS) – minderer Qualität an, um die kollabierenden Finanzmärkte zu stützen.

Im vergangenen Jahr beschloss sie, die Bonitätskriterien für griechische Staatsanleihen auszusetzen. Obwohl diese an den Finanzmärkten nur noch als Ramsch gelten, werden sie von der Zentralbank als Sicherheit akzeptiert. Nach Schätzungen der Investmentbank JP Morgan sind 77 Prozent der Geldleihegeschäfte griechischer Banken durch griechische Staatsanleihen oder Wertpapiere, für die der griechische Staat gerade steht, besichert.

Die Notenbank bringt das in eine unangenehme Lage. Kommt es zu Ausfällen – etwa wenn eine griechische Bank Konkurs anmeldet und die Sicherheiten wegen einer Staatspleite wertlos sind – sinkt der Zentralbankgewinn, der den Steuerzahlern zusteht. Schlimmstenfalls, wenn durch eine Pleite in Griechenland noch andere hoch verschuldete Länder mit in den Abgrund gerissen würden, müsste die EZB mit frischem Kapital gestützt werden – oder einen Teil ihrer enormen Goldvorräte verkaufen.

Um sich vor Verlusten zu schützen, akzeptiert die Notenbank die Risikopapiere nur mit einem Abschlag. Zudem hinterlegen die Banken im Allgemeinen mehr Sicherheiten bei der Notenbank, als sie tatsächlich für ihre Refinanzierungsgeschäfte benötigen. Das schafft einen zusätzlichen Pufffer. Alles in allem fallen laut JP Morgan erst ab einem Schuldenschnitt von 30 Prozent Verluste für die EZB an. Liegt der Schnitt bei 50 Prozent, belaufe sich das Minus auf 35 Milliarden Euro – das wäre für die Notenbank schmerzhaft, aber verkraftbar.

 Die Währungshüter fürchten einen Flächenbrand in Europa

Den Währungshütern geht es allerdings nicht in erster Linie ums Geld. Es geht ihnen darum, einen Flächenbrand in Europa zu verhindern, den sie für den Fall fürchten, dass Griechenland umgeschuldet wird. Italien und Belgien stehen bereits auf der Beobachtungsliste der Ratingagenturen , die Märkte sind hoch nervös.

Und es geht ums Prinzip. Die Notenbank hat mit der Politik beim Kampf gegen die Krise eine Art impliziten Deal abgeschlossen: Die EZB ging immer wieder in Vorleistung, weil sie nicht auf Parlamente und Wählerstimmen achten muss und deshalb schneller entscheiden kann als die nationalen Regierungen. Die Währungshüter sahen darin aber einen Noteinsatz, keine Dauerlösung. Am Ende sollte die Politik die Verantwortung für die Lösung der Schuldenkrise übernehmen.

Die Aufweichung der Bonitätsanforderungen für griechische Anleihen haben die Notenbanker mit der Erwartung begründet, dass die Griechen ihren Haushalt sanieren . Den Ankauf von Staatsanleihen setzte Trichet an einem hektischen Rettungswochenende durch – unter der Annahme, dass er sich aus dem Rettungsgeschäft bald wieder zurückziehen kann.

Immer mehr Zentralbanker zweifeln aber inzwischen daran, dass die Regierungen ihren Teil der Verabredung erfüllen. Die EZB drang darauf, dass der europäische Rettungsfonds Staatsanleihen aufkaufen darf, doch Deutschland ist dagegen. Sie warb für eine Verschärfung des Stabilititätpakts für die Staatshaushalte, doch die Reform wurde verwässert. Sie forderte neue Sparmaßnahmen in Griechenland, doch die Politik diskutiert stattdessen ganz offen über eine Umschuldung.

Käme es dazu, würde die EZB wohl noch stärker in die Rettung eingebunden. Die Notenbank dürfte dann die ohne massive neue europäische Stützungsprogramme für Griechenland und seinen Bankensektor praktisch wertlosen griechischen Anleihen nicht mehr gegen frisches Geld eintauschen. Täte sie es dennoch, würde sie bankrotte Banken am Leben erhalten und die griechische Staatsschuld de facto mit der Notenpresse finanzieren. Der Staat könnte die Anleihen, die sonst keiner haben will, über die Banken bei der Notenbank deponieren und auf diese Weise seine Ausgaben bestreiten.

Für einen Zentralbanker ist das eine Horrorvorstellung – und in der Währungsunion ist die monetäre Staatsfinanzierung sogar verboten, aus Furcht vor der Inflation, die sie nach sich ziehen kann, wenn sie außer Kontrolle gerät. Deshalb sind im Zentralbankrat nicht nur Vertreter aus hoch verschuldeten Ländern, die die Ansteckungsgefahr fürchten, gegen eine Umschuldung, sondern auch geldpolitische Hardliner wie EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark – wenn auch aus unterschiedlichen Motiven.

Am 6. Mai, einem Freitag, bricht der seit einiger Zeit schwelende Streit offen aus. Jean-Claude Trichet , der Präsident der EZB, nimmt an einem Geheimtreffen der EU im Schloss Senningen in Luxemburg teil, ein paar Kilometer vor der Hauptstadt gelegen, inmitten von Wiesen und Parks. Die Luxemburger Regierung zieht sich gern hierher zurück, wenn über brisante Dinge zu reden ist. Brisant ist das Treffen allemal. Griechenland kommt bei der Etatsanierung nicht voran. Verschiedene Optionen schwirren durch den Raum, der Luxemburgische Finanzminister Jean-Claude Juncker schlägt eine Verlängerung der Laufzeiten griechischer Staatsanleihen vor. Von »Reprofilierung« oder »Umschuldung light« ist die Rede. Da platzt dem EZB-Präsidenten der Kragen. Er steht auf und verlässt den Raum.

Trichets Kritiker, allen voran der frühere Bundesbankpräsident Axel Weber, sehen sich durch die Pläne der Regierungen bestätigt. Wenn die EZB von Anfang an hart geblieben wäre, so sagen sie, wäre die Politik gezwungen gewesen, die Rettung selbst zu organisieren. Das hätte an den Kosten nichts geändert, aber sie wären von gewählten Volksvertretern zu verantworten gewesen und nicht von unabhängigen Geldtechnikern ohne Mandat für allgemeinpolitische Fragen. »Die hätten das Ding nicht explodieren lassen. Wir haben zu früh gezuckt«, sagt ein Währungshüter.

Damit soll jetzt Schluss sein, das wurde bei der letzten Sitzung des Zentralbankrats vereinbart. Die Staatsanleihekäufe hat die Notenbank vor einigen Wochen eingestellt, verschärfte Anforderungen für ABS-Papiere sind am 1. März in Kraft getreten. Zugleich läuft eine öffentliche Kampagne gegen eine Umschuldung in Griechenland. Chefvolkswirt Jürgen Stark nannte sie jüngst ein »Rezept für eine Katastrophe«, für seinen Luxemburger Kollegen Yves Mersch ist sie schlicht »keine Option«.

Bundesbankpräsident Weidmann pocht währenddessen in Gesprächen mit der Bundesregierung auf eine klare Aufgabentrennung zwischen Geldpolitik und Finanzpolitik. Wenn die Regierungen retten wollen, sollen sie gefälligst dafür geradestehen, statt Risiken bei der EZB abzuladen.

Die Notenbank hat sich klar positioniert, und Zentralbanker lieben klare Positionen. Doch auch die bergen Risiken. Wenn die Politik sich davon nicht beeindrucken lässt, müsste ausgerechnet der überzeugte Europäer Jean-Claude Trichet den Anstoß für ein mögliches Auseinanderbrechen der Währungsunion geben – oder einlenken und doch wieder die Schleusen öffnen.

Immerhin: Bei Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble scheint die neue Härte Wirkung zu zeigen. Jedes weitere Vorgehen, verkündete er am Wochenende, werde mit den Notenbankern abgestimmt. Vielleicht zuckt diesmal die Politik zuerst.