Giovanni di Lorenzo: Lieber Herr Schmidt, darf man Freude empfinden, wenn jemand wie Osama bin Laden getötet wird ?

Helmut Schmidt:(denkt lange nach) Ich will drei verschiedene Antworten geben. Erstens: Ich weine Osama bin Laden keine Träne nach. Zweitens: Es ist eine zweischneidige Sache, jemanden mit militärischer Gewalt auf pakistanischem Boden, ohne Rücksicht auf die Souveränität dieses Staates, gefangen zu nehmen oder zu töten. Und drittens: Man kann nur schwer vorhersehen, welche psychologischen Folgen die Tötung in den islamisch geprägten Gesellschaften haben wird.

di Lorenzo: Haben die Amerikaner nicht das Recht, einen Massenmörder zu eliminieren, der sie angegriffen hat – auch wenn das auf fremdem Gebiet geschieht?

Schmidt: Sie haben dazu kein Recht. Es gibt klare völkerrechtliche Vorschriften, zum Beispiel die Satzung der Vereinten Nationen. Diese Satzung verbietet den Mitgliedsstaaten, zu denen auch die USA gehören, einen Angriff auf einen souveränen Staat – es sei denn, der Sicherheitsrat hat einen anderslautenden Beschluss gefasst.

di Lorenzo: Bis der Sicherheitsrat eine Entscheidung getroffen hätte, wäre bin Laden längst über alle Berge gewesen.

Schmidt: Das mag so sein. Mir geht es aber um die grundsätzliche Frage: Rechtfertigt die Empörung der Amerikaner über bin Laden, die ich vollkommen verstehe und billige, wirklich einen Bruch des Völkerrechts? Es kann Fälle geben, in denen ein solcher Bruch gerechtfertigt ist. Nehmen Sie den Mord an den europäischen Juden durch Adolf Hitler. Da würde ich sagen: Aus moralischen Gründen wäre ein Angriff auf Hitler von außen auch dann gerechtfertigt gewesen, wenn er gegen Völkerrecht verstoßen hätte. Die Angriffe der Alliierten waren allerdings vom Völkerrecht gedeckt, weil Hitler den Krieg erklärt hatte.

di Lorenzo: Wenn man so argumentiert, war selbst die Entführung Adolf Eichmanns ein Verstoß gegen das Völkerrecht. Sie war aber doch gerechtfertigt!

Schmidt: Da bin ich im Zweifel. Ich bin immer im Zweifel, wenn Rache das vorherrschende Motiv menschlichen Handelns ist.

di Lorenzo: Aber muss es nicht einen Weg geben, den Opfern Gerechtigkeit widerfahren zu lassen? Soll das Prinzip der staatlichen Souveränität Vorrang haben vor der Gerechtigkeit auf Erden?

Schmidt: Die Gerechtigkeit auf Erden ist eine ziemlich fragwürdige Angelegenheit. Viele Sachen sind völlig ungerecht, viele Menschen sind völlig zu Unrecht getötet worden. Die Gerechtigkeit auf Erden ist genauso fragwürdig wie die Gerechtigkeit Gottes.

di Lorenzo: Zweifeln Sie daran, dass bin Laden ein Massenmörder war, dass er Amerika den Krieg erklärt und terroristische Anschläge angeordnet hat?

Schmidt: Daran ist gar nicht zu zweifeln.

di Lorenzo: Gibt es nicht ein Recht, so eine Macht des Bösen auszuschalten?

Schmidt: Nein, ich bleibe bei meiner Meinung. In diesem Fall ist für mich das Völkerrecht erst mal das Wichtigste.

di Lorenzo: Auch auf die Gefahr hin, bin Laden dann vielleicht nie zu fassen zu kriegen?

Schmidt: Ja. Wobei es schon einen Unterschied macht, ob es darum geht, ihn gefangen zu nehmen oder ihn zu töten. Barack Obama hat in einer Rede an die Nation gesagt, er habe kurz nach seinem Amtsantritt den Direktor der CIA angewiesen, "die Tötung oder Gefangennahme bin Ladens zur ersten Priorität in unserem Krieg gegen al-Qaida" zu machen. Er hat also beides angeordnet: Tötung oder Gefangennahme. Ich hätte auch gegen die Gefangennahme von bin Laden mit militärischer Gewalt und auf dem Boden eines souveränen Staates ganz erhebliche Bedenken gehabt. Aber meine Bedenken gegen die Tötung und die Beseitigung der Leiche sind noch ein bisschen stärker.

di Lorenzo: Hat das auch mit den möglichen Konsequenzen in islamischen Ländern zu tun, die Sie eingangs ansprachen?

Schmidt: Ja. Ein Viertel der knapp 200 Staaten auf der Welt ist islamisch geprägt. Und es kann durchaus sein, dass wir es eines Tages mit dem zu tun haben werden, was Samuel Huntington als clash of civilizations beschrieben hat. Nicht allein wegen der Tötung bin Ladens, aber das könnte einer von vielen Gründen sein. Der Westen hat ja schon seit Jahrhunderten sehr überheblich auf den Islam herabgeschaut – und keineswegs nur einen Muslim umgebracht. Denken Sie nur an die Kreuzzüge!

di Lorenzo: Das klingt ein bisschen so, als würde die Geschichte der Kreuzzüge die Taten Osama bin Ladens legitimieren.

Schmidt: Nein, sie legitimiert diese Taten überhaupt nicht. Osama bin Laden war ein Verbrecher. Daran besteht gar kein Zweifel.