Ich bin, so kommt es mir zumindest vor, die meistdiskutierte Figur der Gegenwart. Ich bin permanent im Gespräch. Mein Leben, mein Lebensmodell, mein Alltag liefern unermüdlich Stoff für Partygespräche und Streitereien im Bundestag, für Leitartikel und Zeitungskolumnen, ja für ganze Reportageserien. Ob ich zum Abendbrot Nudeln koche oder Brote schmiere und was, im Fall meiner Berufstätigkeit, günstiger ist. Ob ich bügle oder bügeln lasse. Wann und warum ich wie viele Kinder bekam und wie lange ich sie gestillt habe, beziehungsweise warum ich keine bekam. Ob es mich überfordert, gleichzeitig autonom und attraktiv, ehrgeizig und fürsorglich sein zu müssen. Ob mich stundenlanges Verharren auf Spielplätzen in den Wahnsinn treibt oder im Gegenteil entspannt. Ob ich es zeitgemäß finde, meinem Mann den Rücken frei zu halten, oder zeitgemäßer, wenn er meinen frei hält, oder ob ich nicht sowieso lieber Single bin. Wann ich in den Beruf ein-, wieder aus ihm aus- und wieder eingestiegen bin. Wie ich mich von meiner Mutter unterscheide und meine Tochter sich von mir unterscheidet. Ob ich die Quote brauche , für die Quote reif bin und so weiter.

Dazu kommen monatlich neue Bücher und Statistiken über mich. Aus ihrer Synthese ergeben sich bisweilen Widersprüche, die ihrerseits nach Erörterung verlangen. So wurde mir kürzlich der Vorwurf gemacht, ich sei zu feige, mich um wirkliche Spitzenpositionen in unserem Land zu bemühen. Gleichzeitig eröffneten mir medizinische Forschungsergebnisse, dass ich bereits eine Spitzenposition einnehme, wenn auch unter den Anwärtern auf eine Burn-out-Erkrankung. Schwierige Sache: Die Eroberung des Vorstandsvorsitzes der Deutschen Bank würde mir, ebenso wie der Kampf um einen Platz unter den Herausgebern der FAZ, eine Kräftemobilisierung abverlangen, deren Folgen mich in eine hübsch gelegene, auf Burn-out-Behandlung spezialisierte Klinik beförderten. Hinterher würde in Talkshows über meine Erfahrungen bei der Deutschen Bank und in der Klinik debattiert. Über die Kinder, die ich habe oder nicht habe, über die Schließzeiten des Hortes, in dem ich sie unterbringe, über meinen Quotenbedarf et cetera pp.

Ich bin eine beliebige deutsche Durchschnittsfrau . Ich würde mich nicht als emanzipiert bezeichnen. Denn ein emanzipiertes Subjekt befindet sich nicht in der Lage einer Labormaus. Ein emanzipiertes Subjekt hat keinen Gefallen daran, ohne Unterlass gemustert, beratschlagt, beurteilt, kurzum: gegängelt und bevormundet zu werden. Weder vom anderen, in meinem Fall dem männlichen Geschlecht. Noch von einem Dauersermon, dem allein schon durch seine Notorik etwas Erstarrtes, Verselbstständigtes, besser gesagt, etwas ausgesprochen Normatives anhaftet.

Was genau treibt das Gerede eigentlich an? Welches reale Unglücksbewusstsein stimuliert heute, im Jahr 2011, die Endlosbeschäftigung mit dem Problemkomplex namens Frauenrolle und Frauenleben? Es gibt zwei Möglichkeiten. Erstens: Die Gesellschaft ist unzufrieden mit den Frauen und redet deshalb auf sie ein. Zweitens: Die Frauen sind unzufrieden mit ihrer Lage und verspüren daher den Drang, sie zu besprechen. Für Ersteres gibt es keinen Anlass. Das weibliche Geschlecht beteiligt sich wahrhaft nach Kräften an der Bewältigung gesellschaftlicher Aufgaben. Also das Zweite. Tatsächlich kommen auf zwei Frauen, die sich allmorgendlich zu ihrem Leben beglückwünschen und zu der Tatsache, in die Epoche ihrer Befreiung hineingeboren oder -gewachsen zu sein, gefühlte acht, die mit dem Gang der Geschichte hadern. Gründe finden sich immer und, wie im Märchen vom unendlich überkochenden Brei, immer neue.

Mal sind es die Gehälter, die denen der männlichen Kollegen nicht so gleichen, wie sie sollten. Mal sind es die Kinder, die zwar geliebt, aber inmitten einer Kultur, die ungehemmte Selbstverwirklichung anbetet, doch als Störfaktor empfunden werden. Mal ist es das Gefühl entfremdeter, mal das Gefühl einzwängender Feminität. Mal wird den Karrierefrauen bewusst, dass ihr Laptop den Platz ihrer biologischen Uhr eingenommen hat, mal den nicht erwerbstätigen Frauen, dass das Prestige von Küchenarbeit neben dem einer Berufskarriere doch recht gering ist. Als Klassiker der Klagen aber darf die über die Schwervereinbarkeit von beidem gelten: von Familie und Beruf, von Kleinkindern zu Hause und Pflichtstunden am Arbeitsplatz.

Es ist, keine Frage, ein lebenspraktisch schwieriges Problem. Nur ist an der Summe all der Unzufriedenheitsbekundungen, an der gesamten Diskursmaschinerie noch etwas ganz anderes problematisch, nämlich die Kategorien, mit denen sie umgehen. Diese sind: Mangel einerseits (an beruflichen Aufstiegschancen, Vollzeitarbeitsplätzen, Kindergartenplätzen, hausarbeitswilligen Männern, Mußestunden...) und Unlösbarkeit andererseits (der Doppelbelastung, der multiplen Weiblichkeitsentwürfe...). Und diese beiden Kategorien kommen uns ja doch verdächtig bekannt vor – wenn auch aus voremanzipatorischen Zeiten. Denn hält man sie gegen’s Licht, wird, wie frisch der Mottenkiste entstiegen, jenes Wesen sichtbar, das um die vorletzte Jahrhundertwende von Dr. Freud und Co. zum letzten Mal so richtig gefeiert wurde: das defizitäre Weib. Von Natur aus mit gewissen Mängeln behaftet und nie richtig erklär- oder lösbar. Ein Wesen, das sich im Entwicklungsstadium, im Dauerzustand des Provisorischen befindet. Eine Art Labormaus eben. Immer gut für Gespräche, die sich, vor hundert Jahren wie auch heute, mit schönster Selbstverständlichkeit an den Kategorien Mangel und Unlösbarkeit orientieren, folglich Weiblichkeit und weibliches Leben als etwas Unfertiges, als Versuchsprogramm definieren.