Sie wohnt nicht weit entfernt von den Jachten der reichen Griechen am Ägäischen Meer. Sie geht hier manchmal spazieren und staunt über die vierstöckigen schwimmenden Paläste derer, die ihre Konten im Ausland haben und immer gerade nicht an Bord sind, wenn der Steuereintreiber vorbeikommt. Im Gegensatz zu diesen Privilegierten hat sie nur einen einzigen Pass und verfügt über keinerlei Ausreiseoption. Ihre Zukunft heißt Griechenland . Und da sieht es gerade ziemlich düster aus.

Vasso Zarkinou, Vorschullehrerin, 46 Jahre alt, Mutter von zwei Söhnen, gehört zu jenem Teil der Bevölkerung im Lande, der voll besteuert und nicht früh verrentet wird. Somit entspricht sie also nicht dem Bild, das Bundeskanzlerin Angela Merkel vergangene Woche von den Griechen entwarf. Vasso Zarkinou sieht voller Sorge, dass das Land wahrscheinlich schon im Juli seine Schulden nicht mehr bedienen kann. Für die Griechen bedeuten Kredite von der EU und dem Internationalen Währungsfonds: neue Kürzungen und Privatisierung von Staatsbesitz . Gerade hat Premier Giorgos Papandreou den Verkauf von Staatsbetrieben und Ländereien angekündigt. Wie wirkt sich der Sparkurs in Griechenland aus? Hilft er dem Land aus der Krise, damit der Euro sicherer wird?

Die erste Antwort auf die Wirkung von Einsparungen bietet Vasso Zarkinous Leben. Die Vorschullehrerin bezieht ihr Gehalt von einem Staat, der ohne ausländische Hilfe pleite wäre. Sie macht keinen Urlaub mehr wie früher. Sie sitzt nicht mehr in Cafés oder Sommerrestaurants, früher eine Art griechischer Volkssport. Sie kauft sich keine Kleidung mehr, auch wenn sie preiswert ist. »Das schwarze Kleid und die braunen Stiefel hier halten noch eine Weile«, sagt sie. Es klingt freilich etwas angestrengt. Ihr Mann und sie lieben das altmodische Kino, aber nun sehen sie lieber fern. Das ist kostenlos. Früher hat sie in der Freizeit gern gemalt, jetzt tuscht sie mit den verbliebenen Farben, bis alles aufgebraucht ist. Vasso ist noch nicht unter der Armutsgrenze, sie hat Arbeit – und trotzdem verarmt sie allmählich .

Wie, das erklären Vasso Zarkinous Zahlen. Sie verdient im Monat 1350 Euro vor Steuern. Ihr Mann, ein Versicherungsbeamter, bekommt 1300 Euro brutto. Im vergangenen Jahr strich der Staat ihnen Zuschüsse und Weihnachtsgelder. Die höchsten Kosten entstehen durch die Abzahlung ihrer Wohnung, die sie vor drei Jahren auf Kredit gekauft haben: 900 Euro im Monat. »Hätten wir gewusst, dass wir in die Krise schliddern, wir hätten nie gekauft«, sagt sie. Der Verkauf der Wohnung brächte heute einen riesigen Verlust.

Hinzu kommen die Schulkosten für die Kinder, die Ausgaben für den in Griechenland üblichen Nachhilfeunterricht, ohne den kein Kind Abitur macht: zusammen 600 Euro. Manche Griechen werden von ihren Eltern unterstützt, die in besseren Zeiten etwas zurückgelegt haben. Nicht so Vassos Eltern, die von einer Landwirtschaftskasse zusammen eine Rente von 720 Euro beziehen. Jedes neue Sparprogramm ist für Vasso Zarkinous Familie eine Probe aufs Überleben in einem immer teureren Athen. Ein Fünftel der griechischen Arbeitnehmer gehört mittlerweile zu den arbeitenden Armen.

In den Sommerferien flüchtet Vasso Zarkinou. Nicht an die Côte d’Azur, wie die Jachtenbesitzer, sondern ins Dorf ihrer Eltern in Thessalien. Nahe dem Städtchen Karditsa haben sie ein kleines Grundstück. Auf dem ziehen sie Gurken und Tomaten. Selbst säen ist wichtig, ebenso wie das Streichen der Wände in der Vorschule. Der Staat renoviert nicht mehr, das machen längst die Eltern mit den Lehrern. Auch Ausrüstung und Reinigung der Vorschule werden von den Eltern bezahlt. Zusätzlich zu den Schulgebühren. Der griechische Staat stellt das Gebäude, der Rest muss von den Bürgern kommen.

Die gehen nun regelmäßig demonstrieren . Auch Vasso. Zur Demonstration in der vergangenen Woche erschienen sie und ihre Kollegen mit weißen Hygienemasken aus der Apotheke – gegen Tränengas. Einige von ihnen wurden wegen des Verstoßes gegen das Vermummungsverbot festgenommen und erst spät in der Nacht wieder freigelassen. Von Ministerpräsident Giorgos Papandreou, der im Westen ein so freundliches Auftreten hat, erwarten sie nichts. Von der Opposition ebenso wenig. Vasso Zarkinou ist Nichtwählerin. Wie viele ihrer Kollegen.