Chatten im Internet Das Geräusch meines Herzens

Für die Autorin Melda Akbas war das Chatten im Internet so etwas wie eine Flucht: In die Freiheit, in die Liebe, in das Leben.

Lieber Chat,

in guten wie in schlechten Tagen hast Du mich begleitet, in Armut und in Reichtum. Du warst da, wenn andere mich verließen, hast nie den Glauben an mich verloren. Mit Dir ist es nie kompliziert geworden, sondern immer einfacher. Deshalb der Dank für folgende Dinge:

Freundschaften

Anzeige
Melda Akbas

20, ist eine deutschtürkische Autorin. Ihr Buch So wie ich will – Mein Leben zwischen Moschee und Minirock erschien vergangenes Jahr bei Bertelsmann. Akbas wuchs in Berlin auf und lebt heute in Hamburg.

Sara kannte ich noch aus der Grundschule, damals war sie die Außenseiterin und wurde von allen gemobbt. Zusammen mit einer anderen Freundin versuchte ich in der Hofpause, Freundschaft mit Sara zu schließen, eine meiner ersten Fragen an sie lautete: »Hast du schon Brüste?« Ich zog an ihrem Top, sodass ich reingucken konnte, aber da war noch sehr wenig. Als sie die Grundschule verließ, um auf ein Gymnasium zu gehen, gab ich ihr ein Foto von mir mit – eines von denen, die in der Schule jährlich gemacht werden –, in einem Schlüsselanhänger. Jahre später erkannte sie mich auf meinem Chatfoto und schrieb mir eine Kurznachricht. Nach einigem Hin und Her verabredeten wir uns. Ihre Brüste waren inzwischen gewachsen. Du hast uns geholfen, die verlorenen Jahre wieder aufzuholen, heute ist sie meine beste Freundin. In guten wie in schlechten Zeiten, so wie du. »Düdelüm« hat es gemacht, als wir uns wiederfanden, so wie immer, wenn ich Nachrichten über Dich bekomme.

Freiheit

Oft habe ich wegen meiner Liebe zu Dir mit meinen Eltern gestritten. Sie mochten Dein »Düdelüm« nicht. Ich saß oft stundenlang mit Dir zusammen, um mit Freunden und anderen hin- und herzuschreiben. Manchmal waren es nur zwei, manchmal plötzlich sechs Stunden. Zeit war dann nicht mehr relevant, so vertieft war ich in meine Gespräche. Meine Eltern installierten deshalb ein Passwort am Computer, sodass ich ohne ihre Einwilligung nicht mehr an Dich rankam. Aber ich brauchte Dich doch! Durch Dich konnte ich Informationen austauschen, mich mit Leuten unterhalten, ohne Rechenschaft ablegen zu müssen, wo ich war, mit wem und wann ich zurückkommen würde. Das alles verschwand in den Weiten Deiner vielen Fenster. Manchmal, wenn ich mich in ein Internetcafé geflüchtet hatte und nach Stunden zurückkam, schrie mich meine Mutter an, weil sie meinte, ich sei süchtig nach Dir. Ich schrie zurück, weil ich meinte, sie wolle mich einsperren. Am Ende bekam ich das Passwort und mit dem Passwort meine Freiheit. Die Freiheit, in alle Länder der Welt Küsse zu schicken und dort Freundschaften zu schließen. Amerika ist nicht weit weg. Es macht »Düdelüm«, und Amerika ist bei mir im Zimmer. Und ich bin mit einem »Düdelüm« in Amerika.

Jungs

Ich war in England, in Bristol, und saß dort fest in einer Jugendherberge, weil wir auf Klassenfahrt waren. Ich war verliebt in einen Jungen und wusste nicht so recht, wie ich ihn zu einem Date überreden sollte. Dank Dir konnte ich meine Schüchternheit überwinden und mit ihm reden. Nur 30 Minuten durften wir die Computer in den Gemeinschaftsräumen nutzen. Einmal blieben mir nur noch sieben Minuten, bevor das Internet wieder gesperrt werden würde und ich aus dem Chat rausmüsste. Da ließ sich der Junge, den ich begehrte, etwas einfallen und schrieb: »Dann sind wir jetzt für ein Sieben-Minuten-Date verabredet.« – »Düdelüm« hatte es gemacht, und es kommt heute noch dem Geräusch meines Herzens nahe, das es macht, wenn es springt vor Freude. Das Sieben-Minuten-Date fand dann wirklich statt, in einem Park, an meinem 16. Geburtstag, und es waren am Ende viel mehr als sieben Minuten. Ich bekam an diesem Tag meinen ersten Kuss.

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service