Twitter und Politik Der rasende Regierungssprecher

Früher hielt er twitternde Politiker für anbiedernd. Heute liebt Angela Merkels Sprecher es, die Botschaften der Chefin in 140 Zeichen zu verkünden.

Um es vorwegzusagen: Ich habe über Twitter schon einmal anders gedacht. Als ich noch Fernsehjournalist war, habe ich bei Kerner behauptet, wenn Politiker twitterten, sei das Ranschmeiße ans junge Publikum. 272 eigene Tweets als »RegSprecher« später fühle ich mich nicht ranschmeißerisch, habe allerdings auch keine Ahnung, ob die über 26.000 Menschen, die mir »folgen«, jung, mittel oder alt sind. Twitter ist für mich heute ein Kommunikationskanal unter vielen, einer, den viele Regierungen weltweit schon nutzten, als ich ins Amt kam.

Nach Absprache mit der Kanzlerin habe ich meinen Account eröffnet. Ein Tweet pro Tag, das müsse reichen, dachte ich; ans Antworten habe ich noch weniger gedacht, und »folgen« wollte ich auch niemandem.

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Steffen Seibert

Der 50-Jährige ist Regierungssprecher. Davor war er Journalist beim ZDF. Seit Februar twittert er als »RegSprecher«

Für so viel Autismus gab es gleich mal herbe Kritik, wie ich ohnehin schnell feststellen musste: Man twittert nicht einfach so, wie man will, man wird ständig darauf hingewiesen, wie es richtig geht. Der dogmatische Teil der Twittergemeinde, und der meldet sich gerne bei mir, erregt sich ebenso lustvoll über abweichendes Verhalten wie manch Schrebergärtner über Wildwuchs in der Parzelle nebenan.

Inzwischen twittere ich am Tag vielleicht dreimal, ich folge 15 anderen Accounts und nehme mir immer mal wieder fünf Minuten, um die Antworten auf meine Tweets zu lesen. Wer nicht grob beleidigend ist, wer eine sachliche Frage hat, auf die ich in 140 Zeichen antworten kann, und wer mich in einem günstigen Moment antrifft, dem antworte ich. Und tue es gerne, wie ich mich überhaupt selbst wundere, wie viel Freude mir das Twittern macht. Ich mag das zischende Geräusch, das mein Gerät von sich gibt, wenn ich einen Tweet absetze. Ich mag die Reduzierung auf die absolute Essenz einer Nachricht, einer politischen Botschaft, die Suche nach der Überschrift über eine ganze, lange Kanzlerinnenrede.

Die Medien interessieren sich meist nur für Ausschnitte der täglichen Arbeit einer Bundesregierung (und manchmal sind es nicht gerade die Ausschnitte, die wir beleuchtungswürdig finden). Mit Twitter bin ich Chefredakteur und kann weniger beachteten Themen wenigstens die kurzzeitige Aufmerksamkeit meiner Follower verschaffen. Wenn die Bundeskanzlerin mit der birmanischen Oppositionspolitikerin und Nobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi telefoniert, dann erfahren sie von diesem Baustein unserer Menschenrechtspolitik möglicherweise nicht aus den Zeitungen und nicht aus dem Fernsehen, aber sicher bei Twitter.

Mein Twitter-Account wurde anfangs als ein Versuch missverstanden, die Hauptstadtjournalisten zu umgehen. Das wollte ich nie, es wäre ja auch albern. Ich twittere keine wichtigen politischen Nachrichten, die wir nicht auch zumindest gleichzeitig auf den konventionellen Wegen bekannt machen. Aber viele sagen mir, es sei reizvoll für sie, vom Regierungssprecher direkt zu hören, und noch reizvoller sei es, in einen wenn auch kurzen Dialog mit ihm zu treten.

Leser-Kommentare
  1. "Ich mag das zischende Geräusch, das mein Gerät von sich gibt, wenn ich einen Tweet absetze."

    Und ich mag das zischende Geräusch, wenn die Steuermilliarden nach Griechenland und Portugal fließen. Da haben wir doch schon eine gemeinsame Basis!

    • Meykos
    • 26.05.2011 um 11:39 Uhr

    Die Hauptstadtjournalisten waren in ihren gefühlten Werten sicherlich nahe dran. Denn ihnen wurde ein wenig die Macht der "Informations-Vorauswahl" beschnitten. Ich finds sympathisch!

    btw. http://www.doppelpod.com/...

  2. zu dem Mann, Sie wissen (heute) noch nicht, welche Behörde oder welche Rundfunkanstalt er später einmal leiten wird, das könnte also der zukünftige Chef sein.

    Bislang kam ja jeder Merkel-Getreue gut unter und kritisiert hat das auch niemand, denn "legal" ist ja schon lange gleichgesetzt mit "ist ja nicht verboten" und "dann müssen es alle super finden, vor allem die Nichtwähler".

    Mir fehlt bei den ganzen neuen Medien irgendwie der Button, um eben gerade dort nicht zu folgen, zu mögen oder was auch immer zu tun.
    Da würden sich evtl. mehr als 26000 finden, aber das ist nur laut gedacht.

    Da ein Sprecher gleich welcher Art ja vor allem dann viel berichtet, wenn die über ihm in Ratlosigkeit versinken, mag die reine Zahlengewalt manchmal durchaus zu Schlüssen taugen.

  3. Unvergeßlich, wie dieser Mann den dupierten Haupstadtjournalisten Twitter erklärte, und warum er dies wie nutzt. Sternstunden des Journalismus. Geilomat! Selten so gelacht!

  4. [...] Gestern noch ein angesehener Journalist (der aber bei genauerem Hinsehen auch kein Interesse an kritischem Nachfragen hatte), heute der Karriere wegen Muttis Sprecher. Und morgen - nach Muttis Abwahl - dann die Rolle rückwärts zurück auf den Journalistensessel. [...]

    Wir bitten Sie Ihre Kritik sachlich zu formulieren und auf Beleidigungen zu verzichten. Danke. Die Redaktion/er

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    Entfernt. Bitte beachten Sie die Regeln der Netiquette, insbesondere einen höflichen und respektvollen Tonfall. Danke. Die Redaktion/km

    Entfernt. Bitte beachten Sie die Regeln der Netiquette, insbesondere einen höflichen und respektvollen Tonfall. Danke. Die Redaktion/km

  5. Ich finde es gut und wichtig, dass er (nach eigener Aussage) immer mal wieder fünf Minuten nimmt, um auch einmal Antworten zu lesen/schreiben.

    ps: Schöne Grüße an die Kanzlerin und Ihre Freunde beim G8-Gipfel in Frankreich. Dort wird wieder einmal die undemokratische Ordnung der Welt manifestiert und damit den Hungertot vieler Tausender täglich besiegelt. Aber die Regierungen werden die Demokratisierung nicht aufhalten können und irgendwann werden auch internationale Organisationen nach dem Prinzip funktionieren: one person one vote!

    • Zack34
    • 26.05.2011 um 12:41 Uhr
  6. Sehr geehrter Herr Seibert,

    treten Sie von Ihrem Amt zurück. Wer in einer hochrangigen hochbezahlten Position Autismus als Metapher verwendet, hat sich selbst disqualifiziert.

    Autismus ist eine schwerwiegende Behinderung die alle Lebensbereiche betrifft.
    Da Sie bald arbeitslos sind, biete ich Ihnen an Menschen mit Autismus zu betreuen, ich könnte Ihnen dort einen Job vermitteln.

    Mein Sohn ist ein Autist.

    Hochverachtungsvolle Grüße
    Politgirl

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    "Da Sie bald arbeitslos sind, ..."

    Wird er nicht. Denn er hat eine Rückkehrklausel mit dem ZDF vertraglich vereinbart. Somit kann es sein, daß er im Oktober/November 2013 wieder in Mainz auf dem Lerchenberg auftaucht.
    Dies bedingt, daß die CDU dann nicht mehr an der Macht ist. Wenn er dann kritisch über die Regierungsparteien berichtet, könnte man ihm das sogar abnehmen.
    Paradoxe Welt. Leider erst in 2,5 Jahren.

    "Da Sie bald arbeitslos sind, ..."

    Wird er nicht. Denn er hat eine Rückkehrklausel mit dem ZDF vertraglich vereinbart. Somit kann es sein, daß er im Oktober/November 2013 wieder in Mainz auf dem Lerchenberg auftaucht.
    Dies bedingt, daß die CDU dann nicht mehr an der Macht ist. Wenn er dann kritisch über die Regierungsparteien berichtet, könnte man ihm das sogar abnehmen.
    Paradoxe Welt. Leider erst in 2,5 Jahren.

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