Um es vorwegzusagen: Ich habe über Twitter schon einmal anders gedacht. Als ich noch Fernsehjournalist war, habe ich bei Kerner behauptet, wenn Politiker twitterten, sei das Ranschmeiße ans junge Publikum. 272 eigene Tweets als »RegSprecher« später fühle ich mich nicht ranschmeißerisch, habe allerdings auch keine Ahnung, ob die über 26.000 Menschen, die mir »folgen«, jung, mittel oder alt sind. Twitter ist für mich heute ein Kommunikationskanal unter vielen, einer, den viele Regierungen weltweit schon nutzten, als ich ins Amt kam.

Nach Absprache mit der Kanzlerin habe ich meinen Account eröffnet. Ein Tweet pro Tag, das müsse reichen, dachte ich; ans Antworten habe ich noch weniger gedacht, und »folgen« wollte ich auch niemandem.

Für so viel Autismus gab es gleich mal herbe Kritik, wie ich ohnehin schnell feststellen musste: Man twittert nicht einfach so, wie man will, man wird ständig darauf hingewiesen, wie es richtig geht. Der dogmatische Teil der Twittergemeinde, und der meldet sich gerne bei mir, erregt sich ebenso lustvoll über abweichendes Verhalten wie manch Schrebergärtner über Wildwuchs in der Parzelle nebenan.

Inzwischen twittere ich am Tag vielleicht dreimal, ich folge 15 anderen Accounts und nehme mir immer mal wieder fünf Minuten, um die Antworten auf meine Tweets zu lesen. Wer nicht grob beleidigend ist, wer eine sachliche Frage hat, auf die ich in 140 Zeichen antworten kann, und wer mich in einem günstigen Moment antrifft, dem antworte ich. Und tue es gerne, wie ich mich überhaupt selbst wundere, wie viel Freude mir das Twittern macht. Ich mag das zischende Geräusch, das mein Gerät von sich gibt, wenn ich einen Tweet absetze. Ich mag die Reduzierung auf die absolute Essenz einer Nachricht, einer politischen Botschaft, die Suche nach der Überschrift über eine ganze, lange Kanzlerinnenrede.

Die Medien interessieren sich meist nur für Ausschnitte der täglichen Arbeit einer Bundesregierung (und manchmal sind es nicht gerade die Ausschnitte, die wir beleuchtungswürdig finden). Mit Twitter bin ich Chefredakteur und kann weniger beachteten Themen wenigstens die kurzzeitige Aufmerksamkeit meiner Follower verschaffen. Wenn die Bundeskanzlerin mit der birmanischen Oppositionspolitikerin und Nobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi telefoniert, dann erfahren sie von diesem Baustein unserer Menschenrechtspolitik möglicherweise nicht aus den Zeitungen und nicht aus dem Fernsehen, aber sicher bei Twitter.

Mein Twitter-Account wurde anfangs als ein Versuch missverstanden, die Hauptstadtjournalisten zu umgehen. Das wollte ich nie, es wäre ja auch albern. Ich twittere keine wichtigen politischen Nachrichten, die wir nicht auch zumindest gleichzeitig auf den konventionellen Wegen bekannt machen. Aber viele sagen mir, es sei reizvoll für sie, vom Regierungssprecher direkt zu hören, und noch reizvoller sei es, in einen wenn auch kurzen Dialog mit ihm zu treten.

Das Echtzeitgefühl ist es, was vielen gefällt

Als der Zivildienst fünfzig Jahre alt wurde, hat zum Beispiel jemand geschrieben, für ihn sei das nie mehr als Zwangsarbeit und Ausbeutung gewesen. Da habe ich mich in Erinnerung an meine anderthalb Jahre in der ambulanten Altenpflege gemeldet und ihm widersprochen, jemand anders meldete sich mit seinen Erfahrungen, und schon hatten wir ein schönes Hin und Her.

Twittern bedeutet in der ohnehin rasanten politischen Kommunikation eine weitere Beschleunigung. Das Echtzeitgefühl ist es wahrscheinlich, das vielen so daran gefällt. Für einen Regierungssprecher ist so viel Rasanz aber gefährlich: Ständig will einer mit einem diskutieren, ständig wird man provoziert. Wie viel Lust hätte ich manchmal, da richtig mitzumischen! Aber – lieber nicht, lieber nüchtern und sachlich bleiben, nicht im Affekt twittern. Bevor ich einen Beitrag absetze, lese ich ihn mir dreimal durch, warte fünf Minuten und schaue noch mal drauf – dann erst schicke ich ihn ab.

So kann das weitergehen, solange ich Regierungssprecher bin. Und wenn das vorbei ist, dann ist für mich auch Schluss mit dem Getwitter. Mein privates Mitteilungsbedürfnis entwickelt sich immer weiter zurück, je mehr Kommunikationsmittel mir zur Verfügung stehen. Ich schreibe am liebsten wieder Postkarten.