3-D-KinoAuf in die neue Dimension!

Das größte Wunder im 3-D-Kino sind nicht die Effekte und Actionszenen. Es ist der aufregendste Blick in das menschliche Gesicht, den es je gab.

Fans von 3-D: Wim Wenders, hier mit Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der Premiere seines letzten Films "Pina" in Berlin.

Fans von 3-D: Wim Wenders, hier mit Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der Premiere seines letzten Films "Pina" in Berlin.

Man darf mich mit Fug und Recht als Gadget-Freak bezeichnen. Vom Ur-Walkman an habe ich so ungefähr alles gekauft, was es an mobilen Tonwiedergabegeräten gab, von Kassetten über MiniDiscs und mobile CD-Spieler zu den ersten Festplatten-Musikspeichern und schließlich zum iPod.

Auch jede neue Generation von Videoaufzeichnungsgeräten habe ich wie ein Blöder gekauft. Beim ersten portablen VHS-Gerät trug man noch einen Koffer um den Hals. Dann gab es jede Menge mittlerweile obsoleter Formate, schließlich 8mm, Hi8 und die MiniDV. Ich hatte Videokameras, die man an Brillen klemmen oder im Knopfloch tragen konnte. Im Prinzip änderte sich aber nichts, außer Gerätegröße, Bildqualität und Aufnahmedauer. (Ich sollte ein Gadget-Museum aufmachen...)

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Und dann erschien vor ein paar Jahren eine weitere technische Neuerung, die so daherkam, dass man geneigt war, sie ebenfalls ins Reich der Spielereien einzuordnen: Digital 3-D. Das Kino ließ einem die Sachen nur so um die Ohren fliegen . Dieses neue Medium – wenn es denn überhaupt eins war – fand im Zuständigkeitsbereich der großen Studios statt, also in teuren Animations- und Blockbusterfilmen. Gehörte es dahin? Musste man das denen überlassen?

Wim Wenders

65, ist ein preisgekrönter Regisseur. Zuletzt war sein 3-D-Dokumentarfilm Pina im Kino zu sehen.

Bei meiner ersten unschuldigen Begegnung mit dem Format, es war der Musikfilm U2 3D, befiel mich Knall auf Fall eine andere Unruhe als das bekannte Gadget-Fieber. Ich hatte nur den einen Gedanken: heureka! Das war die Antwort auf die Frage, die wir, Pina Bausch und ich, uns seit vielen Jahren gestellt hatten: wie man eine andere Bildsprache für den Tanz finden könnte. Und hier war der Weg zu dem Dokumentarfilm, den wir machen wollten! Dieses 3-D war eine neue Sprache! Sie war wie geschaffen für den Tanz, sie würde das Beste aus Pinas Tanztheater herausholen können, und umgekehrt würde Tanz auch das Beste aus 3-D herausholen.

Noch war das reines Wunschdenken, wie ich bald herausfinden sollte. Noch konnte diese Sprache nicht viel sagen. Man musste sie fast zwingen, bis sie flüssig und natürlich klang und vor allem: sich selbst vergessen machen könnte. Eine Sprache, die alle Aufmerksamkeit auf sich selbst zieht statt auf das mit ihr Gesagte, ist zu jeder Poesie und auch jeder Realität unfähig. Also begannen wir, »Raumforschung« zu betreiben und die Grammatik und das Vokabular der neuen Technik zu erforschen.

Zu meiner größten Verwunderung waren die aufregendsten Erfahrungen der neuen Räumlichkeit nicht etwa die aufwendigen Tanzeinstellungen, auch nicht die langen Kamerafahrten – sondern das Allereinfachste: die Nahaufnahme einer Person!

Ich habe im Lauf der Dreharbeiten von jedem der Tänzer/Schauspieler ein »stummes Porträt« gedreht: Ein Mensch sitzt vor der Kamera wie bei einem Maler, der ein Porträt malt. Der Blick geht erst in die Ferne und wandert dann langsam direkt in das Auge der Kamera. Meine einzige Regieanweisung dazu war: Schaut in die Linse hinein, als ob die Kamera jemand wäre, den ihr gut kennt. Und jedes Mal, wenn der Blick der Schauspieler mich traf – beim Drehen auf dem kleinen 3D-Monitor und beim Schneiden auf einer größeren Leinwand –, habe ich Gänsehaut bekommen: Das war die große Neuerung namens 3-D! Keine Trickaufnahme, kein Effekt und kein noch so beeindruckender Actionshot kam diesen Momenten gleich. So etwas hatte ich noch nie gesehen! Die Person auf der Leinwand war nicht mehr eine flächige Abbildung wie seit eh und je auf jedem Gemälde, jeder Fotografie. Diese Person hatte ein Volumen, einen greifbaren Körper. Und dieser Körper hatte eine Aura, die selbst Mona Lisa nicht hatte – eine körperliche Anwesenheit, ein »Gegenüber«, wie es das im Kino noch nie gegeben hatte! So hatte man noch nie Auge in Auge jemandem gegenübergesessen, der dann doch nicht da war.

Erst da habe ich wirklich gewusst, dass das fantastische neue Aufgabenfeld dieses neuen Mediums nicht im Actionfilm, sondern im Dokumentarbereich liegt. Hier wird 3-D zeigen, was es wirklich kann: uns ganz anders in die Lebens- und Arbeitsräume anderer Menschen hineinführen, uns ganz anders teilhaben lassen an ihrer Wirklichkeit.

Leserkommentare
  1. Wahrscheinlich Werbung und politische Botschaften, man könnte dann auch die UFUS fliegen lassen. Das ganze geht dann per dreifach Laser.

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  2. Seht Ihr, wie Angie doch so schön hinter ihrer 3 - D - Brille lächelt.

    Sicherlich freut sie sich schon darauf, ihr Wahldesaster zur nächsten Bundestagswahl in 3 - D - Animation mitverfolgen zu können.

    Wenigstens da ist sie jetzt dem Rösler einen ganz gewaltigen Schritt voraus!

    Wäre das Brillengestell etwas dezenter - man könnte glauben, der Karl-Eduard von Schnitzler in Frauenkleidern würde zu uns rüber lächeln!

    Ja, ja, ich weiß, vermeiden Sie Polemik und diskutieren Sie sachlich.

    Leider sehe ich nur das, was mir das Bild vermittelt und jeder Betrachter interpretiert in das Gesehene das hinein, was er sehen möchte und aus seinen Lebenserfahrungen wahr zu nehmen im Stande ist.

    Wahrnehmungen, Wertungen und Interpretationen entspringen immer dem Zeitgeist der jeweiligen Epoche und sind ständigen Veränderungen unterworfen.

    Also ist dieser Vergleich durchaus statthaft, denn mir ist "Edes" Gesicht noch gut in Erinnerung!

  3. 3D gibt es seit Jahrmillionen: sobald man den Fernseher ausschaltet oder das Kino verläßt.

  4. 80% der kommentare auf dieser interessanten und inhaltsreichen website sind schlicht naiv und unkonstruktif gefolgt von dieser ekligen besserwisserhaltung die deutschland so unattraktiv macht.
    'sich auf der tastatur blödsinnig austoben wenn im bett nichts mehr erwartet wird'

    danke für diese sicht auf dieses medium, dass mich bisher nicht überzeugen könnte. admiration für herrn wim wenders der sein land durch seine künstlerischen fähigkeiten krönt.

    julien

    Eine Leserempfehlung
  5. für diesen aufschlussreichen Artikel. Ich habe mich des öfteren gefragt warum ich so merkwürdig unbeeindruckt aus den 3D Filmen die es bisher gab herausgegangen bin - und warum die prägnanteste Szene die Nahaufnahme einer Person war (Dieser Böse Militärtyp aus "Avatar").

    Sie haben vollkommen recht, wenn ein 2D Regisseur an einen 3D Film geht, kommt nur 2D mit bißchen Raumtiefe heraus. Ich bin gespannt darauf welche Schlüsse sie aus ihren Erkenntnissen ziehen und wie sie es filmisch umsetzen werden.

  6. Das beste am 3-D-Kino ist, dass man solche Filme nicht mehr einfach mit dem Camcorder abfilmen kann und der Piraterie Einhalt gebieten will. Seid doch mal ehrlich... Das bisschen 3D in den Filmen war den Aufwand doch sonst gar nicht wert.

  7. Momentan ist der 3D-Hype der Gipfel der Flachsinnigkeit. Wo zurvor mit Tiefsinnigkeit, Story und Emotionen geworben wurde, reicht es nunmehr die 3. Dimension (ist es nicht eigentlich die 4.?) als Qualitätsmerkmal zu verkünden.

    Wie einst von der Laterna Magica lassen sich die Zuschauer von der Technik selbst beeindrucken, egal welcher inhaltlicher Rümpel dargeboten wird.

    Es bleibt allein zu hoffen, dass die Kunst sich dieser Technik annimmt, um sie aus dem dumpfen technologischen Fokus herauszurücken.

    Ich wünsche mir die 4.bzw.5. Dimension im Film: Sinn.

    Eine Leserempfehlung
  8. "3D gibt es seit Jahrmillionen: sobald man den Fernseher ausschaltet oder das Kino verläßt."

    Mit dem gleichen Argument könnten Sie allen mimetischen Künsten ihren Wert absprechen. Besonders klug bzw. weitsichtig wäre das allerdings nicht.

    "Das bisschen 3D in den Filmen war den Aufwand doch sonst gar nicht wert."

    Welchen Aufwand meinen Sie? Den Forschungsaufwand, den Aufwand während der Dreharbeiten und der Nachbearbeitung, den technischen Aufwand bei der Projektion oder den Aufwand, sich eine etwas unhandliche Brille auf die Nase zu setzen? Wie auch immer: Sie sollten nicht glauben, dass das Ende der Fahnenstange erreicht ist.
    Haben zwei schlecht verständliche Dialogszenen in "The Jazz Singer" (dem "ersten Tonfilm") den Aufwand gerechtfertigt? Haben 37 Meter im freien Flug den Aufwand der Gebrüder Wright gerechtfertigt? Denken Sie mal drüber nach!

    "Es bleibt allein zu hoffen, dass die Kunst sich dieser Technik annimmt, um sie aus dem dumpfen technologischen Fokus herauszurücken."

    Das kann ich nur unterschreiben. Mich hat der Einsatz der neuen Technik bislang auch nicht gerade vom Hocker gehauen. Ich bin aber recht zuversichtlich, dass sich das noch ändern wird (war bisher immer so). Zwei Jahre Erfahrung mit 3D (den ersten 3D-Hype der 1950er Jahre mal ausgenommen) sind wahrlich keine ausreichende Bewertungsgrundlage.

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