Cameron und Tyler Winklevoss sehen fast identisch aus, sie antworten oft gleichzeitig und bestellen meist dasselbe zu essen. Die Zwillingsbrüder sind 29 Jahre alt und fühlen sich bereits um ihr Lebenswerk betrogen. Betrogen von einem der reichsten Männer der Welt: Mark Zuckerberg, dem Facebook-Chef . Die Brüder sagen: Sie waren es, die 2002 an der Harvard-Universität die Idee hatten, aus der Facebook entstand. Ihre Website hieß damals HarvardConnection, ihr Programmierer Mark Zuckerberg. Sie sind überzeugt davon, dass er ihre Idee gestohlen hat. Seit sieben Jahren führen sie einen Rechtsstreit gegen Facebook . 2008 schlossen sie einen Vergleich mit dem Netzwerk. Gegen diese Vereinbarung haben die Zwillinge allerdings in diesem Januar beim Berufungsgericht in San Francisco wieder geklagt. Im April hat das Gericht gegen sie entschieden. In der Urteilsbegründung schrieb der Richter: »An irgendeinem Punkt muss ein Rechtsstreit auch einmal enden. Der Punkt ist jetzt erreicht.« Nun wollen die beiden vor den Obersten Gerichtshof ziehen.

Die Winklevoss-Brüder sind in den USA seit dem Spielfilm The Social Network über ihren Streit mit Zuckerberg fast so bekannt wie ihr berühmter Feind. Die beiden sind in Connecticut aufgewachsen, auf Privatschulen gegangen, spielen seit ihrem sechsten Lebensjahr Klavier und sind erfolgreiche Ruderer. Bei den Olympischen Spielen in Peking traten sie im Zweier an und wurden Sechste. Momentan trainieren sie für die Olympischen Spiele 2012. Sie leben in San Diego, wo Jana Simon sie zum Interview traf.

ZEITmagazin: Cameron Winklevoss und Tyler Winklevoss, Sie kämpfen seit sieben Jahren gegen Facebook und sind trotzdem Mitglieder des Netzwerkes – warum?

Cameron Winklevoss: Warum nicht?

Tyler Winklevoss: Was sollen wir machen?

ZEITmagazin: Überleben ohne Facebook – es gibt ja auch andere Soziale Netzwerke !

Tyler Winklevoss: Wir klagen nicht gegen das Produkt, sondern gegen Mark Zuckerberg.

Cameron Winklevoss: Er hat unsere Idee geklaut. Aus HarvardConnection ist Facebook geworden, doch das Herz des Projekts hat sich nicht verändert. Wir denken, das ist unser Produkt.

ZEITmagazin: Vielleicht war es das. Aber ist es noch immer Ihr Produkt?

Cameron Winklevoss: Absolut. Ohne mich und Tyler wäre Mark nie, wo er heute ist. Facebook wäre nicht, was es heute ist. Auf der Website stehen die Inhaber. Da fehlen unsere Namen.

ZEITmagazin: Jedes Mal, wenn Sie auf Facebook gehen, denken Sie: Das gehört eigentlich alles uns?

Cameron Winklevoss: Nicht wirklich. Im Geschäft und im Sport darf man nicht zu emotional werden. Das ist nicht konstruktiv. Wir trainieren momentan mit 30 Mann für die Olympischen Spiele. Längst nicht alle 30 werden nach London fahren können. Einige von unseren Trainingspartnern sind unsere besten Freunde. Wenn wir aufs Wasser gehen, ist es unser Job, sie zu schlagen. Wir nehmen das nicht persönlich. Du bringst die Sachen vom Wasser nicht an Land und umgekehrt. Wir haben Probleme mit Mark. Das hat nichts mit dem Produkt Facebook zu tun. Wir finden Soziale Netzwerke wunderbar.

ZEITmagazin: Sie klagen jetzt gegen den Vergleich, den Sie selbst 2008 mit Zuckerberg und Facebook geschlossen haben. Davor gab es schon jahrelange Prozesse. Macht es Ihnen Spaß zu klagen?

Cameron Winklevoss: Facebook hat nicht fair gespielt. Sie haben taktiert, hinausgezögert, wichtige Beweise zurückgehalten. Als wir den Vergleich geschlossen haben, hatten wir nicht die Informationen, die wir hätten haben sollen.

ZEITmagazin: Sie meinen, Sie wussten nicht, wie viel Facebook wirklich wert ist ?

Cameron Winklevoss: Das ist das eine. Vor allem kannten wir Marks Mail noch nicht, in der er seinen Freunden schrieb: Die Jungs werde ich reinlegen. »I gonna fuck them in the air!« Er schrieb auch, dass es ein Fehler von uns war, ausgerechnet ihn zu fragen, ob er Partner von HarvardConnection wird. Diese Informationen wurden von jemandem geleakt und letztes Jahr im Internet veröffentlicht.

Tyler Winklevoss: Facebook wollte einen Vergleich, weil sie wussten, dass es bald herauskommen würde. Aber wir werden die ganze Dimension des Betrugs an die Öffentlichkeit bringen.

ZEITmagazin: Ihre Anwälte und Berater hätten all das nicht herausfinden können?

Tyler Winklevoss: Nur Facebook weiß, was Facebook wert ist. Wir haben die Bücher nicht.

ZEITmagazin: Es heißt, Sie hätten schon 65 Millionen Dollar bekommen, 45 Millionen in Anteilen und 20 Millionen Dollar in bar. Reicht das nicht?

Cameron Winklevoss: Es müsste weit mehr sein. Sie hatten gesagt, der Wert einer Facebook-Aktie liegt bei 36 Dollar, in Wahrheit war sie nur acht Dollar wert. Sie hätten uns also viermal so viele Anteile geben müssen. Wir wollen nur, was vereinbart war.

ZEITmagazin: Damals wurde das Unternehmen auf 15 Milliarden Dollar geschätzt, heute auf 50 Milliarden. Nach Ihrer Berechnung hätten Sie Anteile bekommen müssen, die heute 500 Millionen Dollar wert wären. Worum geht es Ihnen also jetzt: ums Prinzip oder um Geld?

Tyler Winklevoss: Um beides.

Cameron Winklevoss: Wenn jemand einem anderen etwas wegnimmt, ist das moralisch falsch. Und der einzige Weg, das wieder in Ordnung zu bringen, ist, es zurückzugeben. Es reicht nicht, zu sagen: Es tut mir leid...

Tyler Winklevoss: ...es tut mir leid, dass ich Ihr Auto geklaut habe, aber ich fahre es jetzt weiter.

ZEITmagazin: Was erwarten Sie? Soll Mark Zuckerberg sich bei Ihnen entschuldigen?

Cameron Winklevoss: Das wäre ein Anfang, ja! Er soll begreifen, was er getan hat. Als Mensch würde er daran wachsen. Die Bedeutung einer Entschuldigung wird unterschätzt. Vielleicht gibt es Firmen, die nun, nachdem sie sehen, was Mark mit uns gemacht hat, zögern, mit Facebook Geschäfte zu machen.

ZEITmagazin: Auch mit Ihren Rechtsanwälten gibt es Ärger. Sie haben sie ausgetauscht, und nun klagen Ihre früheren Anwälte gegen Sie, weil Sie das Honorar nicht zahlen wollen.

Cameron Winklevoss: Die Anwälte wollten nicht in Berufung gehen. Sie haben aufgegeben, wollen aber trotzdem bezahlt werden.

ZEITmagazin: Kommen wir zum Anfang Ihres Streits mit Mark Zuckerberg. Wann hatten Sie die Idee für HarvardConnection?

Tyler Winklevoss: Divya Narendra, mein Bruder und ich wollten einen Weg finden, dass Studenten in Harvard besser miteinander kommunizieren können. Das war im Dezember 2002. Wir waren frustriert. Boston ist eine große Stadt, und Harvard ist eine Riesen-Uni, aber alle sind sehr aufs Studieren konzentriert, und wenn man dann noch Sport macht wie wir, bewegt man sich in einer sehr engen Welt. Wir wollten das Internet nutzen, um die Grenzen der Zeit und der Geografie zu überwinden. Bevor wir Mark gefragt haben, hatten wir schon ein Jahr lang mit zwei anderen Programmierern gearbeitet.

ZEITmagazin: Was war Ihr erster Eindruck von Zuckerberg? In »The Social Network« wird er als Nerd und Soziopath dargestellt.

Cameron Winklevoss: Von außen sieht man nicht, was in seinem Inneren vor sich geht. Das ist das Beängstigende an ihm. Er schweigt meistens und nickt viel. Wir sind zwei Jahre älter als er – vielleicht ist er schüchtern gegenüber Älteren. Es war ja auch unser Projekt, und er war sehr interessiert daran, mitzumachen.

Tyler Winklevoss: Er war vielleicht ein bisschen unbeholfen, aber er ist ja ein Informatiker, ein Computermensch. Nach außen wirkt er harmlos.

ZEITmagazin: Warum haben Sie gerade ihn gefragt?

Tyler Winklevoss: Wir sind zu Mark gegangen, weil sein Vorgänger zu viel zu tun hatte. Er hat uns dann Mark empfohlen, er kannte ihn aus einem Informatikkurs. Gleichzeitig hatte Mark diese Seite gemacht: Facematch...