Während in den arabischen Staaten Aufruhr herrscht, ist es in den Straßen Teherans ruhig. Niemand protestiert öffentlich gegen das Regime. Die Gefängnisse sind voll. Die Oppositionsführer in Haft. Die Zahl der Hinrichtungen ist auf Rekordhöhe geklettert. Die Angst ist allgegenwärtig und lähmend. Manch gefallener oder noch um die Macht kämpfender arabischer Despot könnte neidvoll nach Teheran blicken. Doch das wäre unangebracht. Denn das Regime erlebt die größte Erschütterung seit den Massenprotesten vor zwei Jahren. Allerdings entfaltet sie sich im Inneren der Macht. Präsident Mahmud Ahmadineschad und der oberste Religiöse Führer des Landes sind heftig aneinandergeraten. Das gesamte Machtgefüge wankt.

Vordergründig geht es um einen Mann namens Esfandiar Rahim-Maschaei. Ahmadineschad hat seinen Schwager in einflussreiche Positionen gehievt, gegen den ausdrücklichen Willen des obersten Religiösen Führers Said Ali Chamenei. Dann hat er vor wenigen Wochen den Geheimdienstchef gefeuert und im vergangenen Jahr den Außenminister. In beiden Fällen, ohne Chamenei zu konsultieren. Das ist ein Tabubruch. Denn der oberste Religiöse Führer hatte bislang in allen wichtigen Fragen das letzte Wort. Seine Autorität ist der Kern des Systems.

Seit der Geburt der Islamischen Republik Iran gab es zwar immer wieder heftige Kämpfe innerhalb der herrschenden Elite . Doch sie fanden stets unter der Oberaufsicht des Führers statt, dessen Entscheidungen von allen – wenn auch manchmal zähneknirschend – akzeptiert wurden. Nur wenn jener seine Schiedsrichterrolle ausüben kann, wird das System davor bewahrt, in Fraktionskämpfen zerrissen zu werden. Das ist eines der Erfolgsgeheimnisse für die Überlebensfähigkeit der Islamischen Republik.

Dies ist auch der Grund, warum in Iran der Gegensatz konservativ/gemäßigt weniger erklärt als Outsider/Insider . Wer »drinnen« ist, der mag Kämpfe verlieren und mitunter marginalisiert werden. Doch irgendwann schlägt das Pendel wieder zu seinen Gunsten aus, und er wird erneut an der Macht teilhaben – vorausgesetzt, er respektiert die Unantastbarkeit des Führers. Iran hat sich dadurch eine gewisse Flexibilität erhalten. Wenn der Druck von außen groß wird, wie das während der Protestwelle im Juni 2009 geschehen ist, hält die Elite zusammen. Gerade dann stellt niemand Chameneis Allmacht in Frage.

Chamenei hatte bei den Protesten vor zwei Jahren sein gesamtes politisches Gewicht zugunsten Ahmadineschads eingesetzt. Er riskierte damit sehr viel. Denn die Proteste haben gezeigt, dass die Insider unter weiten Teilen der Bevölkerung jede Legitimation verloren haben. Ohne Chameneis Hilfe wäre Ahmadineschad heute nicht mehr im Amt.

Achmadinedschads unbotmäßiges Verhalten ist mehr als die Undankbarkeit eines aufgepäppelten Ziehsohnes. Es ist eine Kampfansage. Es geht ihm um seine eigene Zukunft, aber auch um ein anderes Iran. Die Krise vom Juni 2009 hat bei der Elite Spuren hinterlassen. Sie muss sich fragen, wie sie auf den dramatischen Vertrauensverlust im Volk reagieren soll. Mehr Repression? Mehr Öffnung?

Iran ist eine Diktatur, doch sie folgt immer noch ein paar Regeln. Das tut sie nicht etwa, weil sie den Bürger respektiert, sondern weil diese Regeln vor verkrusteten Strukturen schützen. So darf kein Präsident mehr als zwei Amtszeiten bleiben. 2013 wird ein neuer Präsident gewählt. Ahmadineschad, der 2005 zum ersten Mal gewählt wurde, könnte nicht mehr antreten. Das ist der Grund, warum er seinen engen Vertrauten Maschaei zunächst zum Vizepräsidenten und später zum Kabinettschef gemacht hat. Er wollte ihn als Kandidaten in Position bringen. Dadurch könnte er seine eigene Macht weiterhin sichern – und er hätte die Option, nach fünf Jahren Auszeit noch einmal anzutreten. Die Verfassung erlaubt dies. Ahmadineschad könnte man als einen religiös grundierten Bonapartisten beschreiben. Chamenei stoppte ihn. Er zwang ihn dazu, den bereits abgesetzten Geheimdienstminister wieder einzusetzen.