Rein in die Kirche

Wie gerne man sie gekannt hätte vor dieser Osternacht. Ob Cornelia Rabeneck eine andere war, bevor sie sich in der Frauenkirche in Dresden zu ihrem Glauben bekannte, als erwachsene Frau vor der Gemeinde, vor dem Sohn, der Mutter, den Freundinnen, ob sie schon früher diese Klarheit hatte, die Ruhe, Gelassenheit? Man wüsste es zu gerne.

Cornelia Rabeneck ist eine sehr schöne junge Frau. Im engen Sommerkleid, mit Slingpumps an den nackten Füßen, so umkurvt sie die Göttinger St. Albani Kirche, vor der wir verabredet sind, stöckelt über den Rasen, schiebt die Sonnenbrille in die blonden Haare hoch, also niemand könnte Frau Rabeneck vorwerfen, das Weltliche sei ihr entglitten. Cornelia Rabeneck ist 38 Jahre alt und Personalmanagerin eines Klinikums in Dresden, mit ihrem Team betreut sie 1400 Mitarbeiter, wir treffen uns in Göttingen, weil sie hier eine Konferenz hat und ich verstehen möchte, wie sie zu ihrem Glauben gefunden hat. Es habe, sagt sie, als wir im Garten eines Cafés zusammensitzen, in ihrer Kindheit begonnen.

Geht man mit Cornelia Rabeneck den langen Weg zurück, der sie zu ihrer Taufe vor zwei Jahren führte, gerät man an einen Ort emotionaler Unbehaustheit. In die Kindheit im sächsischen Radebeul. Ihre Eltern hatten die Kirche hinter sich gelassen und den Blick auf das Faktische konzentriert, sie hatten »vor allem den Anspruch, konform zu sein«, sagt Cornelia Rabeneck, ohne Vorwurf. Man ging wohl mal in die Kirche. In den Sommerferien an der Ostsee, da stand man im Münster vor Bad Doberan und bewunderte die herrliche Backsteingotik. Oder die Kreuzkirche in Dresden, ihre unglaubliche Schlichtheit.

Etwas Unvorhergesehenes passierte. Die Kirchenräume entfalteten in dem Kind eine große Wirkung. »Diese Ruhe!«, sagt sie, »Ruhe statt immer dieses Hopphopp.« Wir lachen. Der Alltag im Hopphopp, verstehen wir, ist wahrlich keine DDR-Spezialität.

Cornelia schließt sich einer Freundin an, die aus christlichem Elternhaus kommt, geht mit in den Gottesdienst. Rätselhaft, was da geschieht, Rabeneck spricht von »distanzierter Neugier«. Es waren die achtziger Jahre – die Endphase der DDR. Das Mädchen spürt die Nähe zwischen diesen Menschen, die einander zuhören, sich vertrauen, alles sagen, und füreinander einstehen. Die Eltern sind alarmiert, wer weiß, was da kommt, womöglich die Stasi! Die Mutter versucht, den Umgang mit der Freundin zu kappen, erfolglos natürlich. Stand das Verbot zwischen ihr und den Eltern? Langes Nachdenken, bei dem zwischen den Brauen eine tiefe Falte entsteht. »Es war ein Zeichen dafür, dass ich bei meinen Eltern keine eigenständige emotionale Gestalt haben konnte.«

Viele Jahre später wird ihr die Großmutter erzählen, wie sie, die 1945 geheiratet hatte, des nachts heimlich betete, und dann, nach einem ganzen Eheleben, vom Großvater erfuhr, dass auch er heimlich betete, so groß war das Misstrauen zwischen ihnen, dass sie sich einander nicht hatten offenbaren können. Cornelia selber heiratet einen Mann, der mit Kirche nichts am Hut hat. Der Sohn wird nicht getauft. Dann ist sie alleine mit einem Zweijährigen.

Sie sei nicht der Typ, sagt sie, der den Kopf in den Sand stecke und darauf warte, dass das Unglück vorbeiziehe. Und doch, vier, fünf schwierige Jahre. Eine Zeit der Suche. Was half? Singen.

Eine Freundin hatte sie einst in den Kinderchor der Dresdner Philharmonie gelotst. Seitdem singt sie, heute im Chor der Frauenkirche Dresden. Mozart, Mendelssohns Kantaten, Bach natürlich, am liebsten Rheinbergers geistliche Vokalwerke. »Diese Musik bringt eine Seite zum Klingen, die sonst wenig angesprochen wird«, sagt sie: »Mit anderen zu singen, mit dem Orchester einen Klang erzeugen, und dann die Zuhörer, wie alle in einem gemeinsamen Erleben zu einem tiefen Verständnis geführt werden, das ist eine unglaubliche Freude.« Ekstase? »Nein. Es ist ein ruhiges, befreiendes, ernsthaftes Gefühl.«

Wort und Klang. Wenn sie redet, spricht sie mit Bedacht, ihre Sätze sind getaktet, ihre Worte treffen den Kern. Sie liest viel, lässt, was sie liest, in sich nachhallen. Ein Gebet oder einen Psalm. Zu Hause. Immer in den Gottesdienst, das muss nicht sein. Überhaupt, diese Institutionen. Wir kommen zu den Ärgernissen: Wie ein Papst Verhütungsmittel verbiete, in einem aidsverseuchten Land, und vorgeblich alles in Gottes Hand lege, wo Gott es uns gegeben habe, uns selber zu schützen. Die Hexenverfolgungen! Wie sich die Kirchen über Jahrhunderte bereichert hätten, während sie predigten, das Materielle wäre unwichtig. Überhaupt, das patriarchale System. Manchmal bringe sie es nicht über sich, das »Vater unser« mitzubeten, ist nicht die Mutter auch lebensspendend? Aber wankend? Nie. Wirklich nie habe sie Zweifel an der Offenbarung. Am Versprechen der Auferstehung. Dass der Körper zwar zerfalle, aber die Seele andere Wege gehe, wenn auch an einen Ort, den wir uns nicht vorstellen können. Das sei ihre Gewissheit. Daraus schöpfe sie Kraft.

Es laufe ja nicht immer glatt. Wenn sie in ihrem Beruf erlebe, dass Vorgesetzte ihre Mitarbeiter demütigen, das fasse sie an. Aber dass man ein Tal durchschreiten müsse, manchmal allein, wisse sie – und dass Gott an ihrer Seite sei. Ihr Taufspruch: »Dein Wort sei meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Weg.« Ihre Kirche ist eine lichte Kirche.

Wenn man Cornelia Rabeneck nach der Osternacht fragt, in der sie ihren Glauben bekannte, dann fließen ihre Worte zu langen, innigen Sätzen. Sie habe in jener Nacht kaum geschlafen, sie habe eine so intensive Nähe zu Gott empfunden, ein Gefühl innerer Geborgenheit – und der Freiheit. Um das auch zu bekennen, genau dafür habe sie diesen Schritt getan.