Gesundheit Gefährliche Überdosis
Stadtbewohner und Privatpatienten werden medizinisch viel stärker versorgt als nötig – das macht sie krank und ist teuer.
Die City BKK ist pleite, und andere Kassen wehren sich, deren alte und kranke Versicherte aufzunehmen. Eine »schäbige« Reaktion? Klaus Jacobs, Leiter des Wissenschaftlichen Institutes der AOK, hält das eher für ein Missverständnis: »Der Risikostrukturausgleich fängt die wirtschaftlichen Risiken solcher Versicherten weitgehend auf«, sagt er. »Die Kassen, die solche kranken Versicherten aufnehmen, bekommen einen finanziellen Ausgleich, damit sie keinen wirtschaftlichen Nachteil haben.«
Magnus Heier ist Journalist und praktizierender Neurologe in Castrop-Rauxel
Eine Besonderheit bei der City BKK weist auf ein Kernproblem der Gesundheitsversorgung hin: Sie hatte vor allem Kunden in den Großstädten Berlin und Hamburg: »In großen Städten entstehen bei den Versicherten bei gleicher Krankheit in der Regel höhere Ausgaben – einfach durch das Überangebot«, sagt Jacobs. Stadtbewohner gelten als medizinisch überversorgte Hochkostenpatienten, die sich aus Kassensicht nur mit Niedrigkostenpatienten vom Lande ausgleichen lassen. »Die Mengenausweitung ärztlicher Leistungen ist in Großstädten um ein Vielfaches höher als in ländlichen Gegenden«, sagt Stephan Feldmann vom Bundesverband der AOK.
»Ungebremstes Wachstum der technischen Leistungen«
Extrem ist es bei Privatpatienten. »Zehn Milliarden Euro zahlen privat Versicherte pro Jahr mehr, als wenn sie in der gesetzlichen Versicherung wären«, sagt Frank Wild vom Wissenschaftlichen Institut der Verbands der privaten Krankenversicherungen (PKV). In einem aktuellen Diskussionspapier hat das Institut die Ausgaben etwa für Laborleistungen im Vergleich zwischen gesetzlich und privat Versicherten untersucht. Die Pro-Kopf-Laborkosten betrugen bei gesetzlich Versicherten im Jahr 2008 durchschnittlich 26 Euro, die der privat Versicherten 129 Euro. In nur vier Jahren hatten sich die Ausgaben für privat Versicherte dabei um 19 Prozent erhöht. Ein möglicher Grund: Ärzte können Laborleistungen bei Privatpatienten separat und ohne Beschränkung abrechnen. Eine Kontrolle gibt es nicht. Genauso im Bereich Radiologie: Die Ausgaben für ambulante Diagnostik betrugen bei gesetzlich Versicherten im Jahr 2006 genau 27 Euro pro Jahr, bei Privatpatienten 99 Euro. Die Überversorgung gerät außer Kontrolle.
Die National Physicians Alliance warnt vor zu viel Diagnostik und Therapie in den USA. Zu viele Röntgen-, CT- und Kernspin-Aufnahmen bei Rückenschmerzen sind nicht nur wegen der Kosten und der Strahlenbelastung problematisch: Sie können auch erheblich dazu beitragen, dass die Schmerzen chronisch werden. »Die Prognose korreliert negativ mit dem Gewicht der radiologischen Befunde«, sagt Christoph Maier, Leiter der Schmerztherapie der Bochumer Uniklinik Bergmannsheil. Ein Zuviel wird zum Gesundheitsrisiko.
»Wir können nichts tun, den Vertrag mit den Ärzten haben nicht die privaten Kassen sondern die Patienten«, sagt PKV-Mann Wild. »Wir würden gerne Vertragspartner der Ärzte werden – dann könnten wir auch eine bessere Behandlungsqualität gewährleisten und den Wildwuchs der Überversorgung eindämmen.« Bis dahin müssen sich die Privatkassen darauf beschränken, ihre Patienten aufzuklären und vor den Nachteilen von Überdiagnostik und -behandlung zu warnen.
Auch die gesetzlichen Kassen sind sauer. »Wir wünschen uns eine Neuordnung der Gebühren – denn das System verführt im Augenblick zu einem ungebremsten Wachstum der technischen Leistungen ohne erkennbaren Nutzen für Patienten«, sagt Feldmann von der AOK. Das gilt vor allem für fachärztliche Dienste. Je höher die Facharztdichte, desto größer der Leistungszuwachs. Die Barmer GEK berichtet vom Boom der Kernspintomographie: »Rund 5,9 Millionen Deutsche, also 7,2 Prozent der Bevölkerung lagen 2009 mindestens einmal in der Röhre.« Ein Weltrekord, der eine Milliarde Euro kostete. Weniger als die Hälfte der Bilder ergaben sinnvolle therapeutische Konsequenzen.
Die Qualität der Versorgung lohnt sich für den Arzt nicht. Schon eher die Menge. Zurzeit bekommen Stadtbewohner und Privatpatienten eine gefährliche Überdosis.
- Datum 27.05.2011 - 17:34 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 26.5.2011 Nr. 22
- Kommentare 42
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Zu viele Röntgen-, CT- und Kernspin-Aufnahmen bei Rückenschmerzen sind nicht nur wegen der Kosten und der Strahlenbelastung problematisch: Sie können auch erheblich dazu beitragen, dass die Schmerzen chronisch werden. »Die Prognose korreliert negativ mit dem Gewicht der radiologischen Befunde«
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Also dazu würde ich die Studie doch gerne sehen. Korrelation ist hier auch nicht gleich Kausation: Der Verdacht liegt nahe, dass chronische Schmerzpatienten einfach häufiger einen Arzt aufsuchen und die Diagnose länger dauert als z.B. bei jemanden mit einem Unfall.
... wäre gegebenenfalls längerfristig gesehen der Schaden durch Röntgenstrahlen, der sich aber nicht unbedingt in Rückenschmerzen äussern wird.
... wäre gegebenenfalls längerfristig gesehen der Schaden durch Röntgenstrahlen, der sich aber nicht unbedingt in Rückenschmerzen äussern wird.
...denn unterlässt ein Arzt Diagnostik, steht er schnell mit einem Bein im Gefängnis. Mit dem zweiten, wenn er keine rechtfertigende Indikation für seine Diagnostik nachweisen kann.
in 99 Prozent der Fälle idiopathischer gutartiger Schwindel kann eben auch mal ein Schlaganfall sein. Natürlich hat man nie eine 100% Diagnosesicherheit. Normalerweise ist da ein MRT nicht sofort nötig und auch unsinnig und kostenintensiv. Aber wehe es passiert doch etwas, dann muss der Arzt den Kopf hinhalten. Durch diese existentielle Gefährdung einer auch unwahrscheinlichen Fehldiagnose die aber auch nicht verhindert werden kann, werden Kosten massiv in die höhe getrieben, da sich Ärzte immer mehr absichern. Es braucht endlich vom Gesetzgeber klare Richtlinien. Es muss gesagt werden was bezahlt wird und was nicht.
Das macht natürlich kein Politiker man will sich es ja nicht verscherzen.
in 99 Prozent der Fälle idiopathischer gutartiger Schwindel kann eben auch mal ein Schlaganfall sein. Natürlich hat man nie eine 100% Diagnosesicherheit. Normalerweise ist da ein MRT nicht sofort nötig und auch unsinnig und kostenintensiv. Aber wehe es passiert doch etwas, dann muss der Arzt den Kopf hinhalten. Durch diese existentielle Gefährdung einer auch unwahrscheinlichen Fehldiagnose die aber auch nicht verhindert werden kann, werden Kosten massiv in die höhe getrieben, da sich Ärzte immer mehr absichern. Es braucht endlich vom Gesetzgeber klare Richtlinien. Es muss gesagt werden was bezahlt wird und was nicht.
Das macht natürlich kein Politiker man will sich es ja nicht verscherzen.
dass das gesamte Kassenwesen, egal ob privat oder gesetzlich durch die Bank krank ist.
Bei welcher Versicherung gibt es denn das sonst noch dass es keinerlei Kontrolle gibt?
Beim nächsten "Kratzer" am Auto lasse ich mir gleich einen neuen Motor und neue Reifen verpassen...
...Psychotherapeuten, Krankenhäuser und Krankenkassen bestimmt die Richtlinien des Leistungskataloges der Krankenkassen, an den alle Mitglieder mit Kassenzulassungen gebunden sind.
...Psychotherapeuten, Krankenhäuser und Krankenkassen bestimmt die Richtlinien des Leistungskataloges der Krankenkassen, an den alle Mitglieder mit Kassenzulassungen gebunden sind.
...Psychotherapeuten, Krankenhäuser und Krankenkassen bestimmt die Richtlinien des Leistungskataloges der Krankenkassen, an den alle Mitglieder mit Kassenzulassungen gebunden sind.
Kassen machen sich mit ihren Gehältern ein schönes Leben...
Es wird Zeit dass noch mehr Kassen pleite gehen, bzw. fusionieren müssen.
Ich kann doch nicht den Nutzniesern des gesamten Systems eine uneingeschränke Richtlinienkompetenz einräumen.
Wer erfindet denn so einen Schwachsinn und in welchem anderen Land ist das ebenso?
Ca. 2 % der Einnahmen der Kassenärzte u.A. kassiert die Kassenärztliche Vereinigung für die Abrechnung der Kassen Leistungen.
Da die Leistungskataloge dicker wie die alten Tefonbücher sind müßte jeder Arzt für eine transparente Rechnungsstellung eine Fachkraft einstellen.
Kassen machen sich mit ihren Gehältern ein schönes Leben...
Es wird Zeit dass noch mehr Kassen pleite gehen, bzw. fusionieren müssen.
Ich kann doch nicht den Nutzniesern des gesamten Systems eine uneingeschränke Richtlinienkompetenz einräumen.
Wer erfindet denn so einen Schwachsinn und in welchem anderen Land ist das ebenso?
Ca. 2 % der Einnahmen der Kassenärzte u.A. kassiert die Kassenärztliche Vereinigung für die Abrechnung der Kassen Leistungen.
Da die Leistungskataloge dicker wie die alten Tefonbücher sind müßte jeder Arzt für eine transparente Rechnungsstellung eine Fachkraft einstellen.
im Bundeshaushalt. Wegen der starken Durchsetzung vieler Lobby Verbände ist er unbeherrschbar geworden.
Die Kernspintomographie ist hier sicher das kleinere Übel allerdings ein gutes Beispiel. Die Pharmalobby hat in unserem Land einen wesentlich höheren "Gewinn" Anteil.
Die Politik traut sich nicht ran - Ohne wirksame Kontrolle und Transparenz wird sich da auch nicht viel tun.
Die Kassenbeiträge könnten bei einem seriösen Geschäft im Gesundheitswesen um mindestens 3 % gesenkt werden ohne das irgend ein Patient darunter leiden müßte.
...und die Beschreibung der Aufgabenbereiche des GBa in Wikipedia.
...der Gesundheitsetat ist eher einer der kleineren, zum Vergleich: Arbeit und Soziales 143 Mrd., Verteidigung 31 Mrd., Verkehr 26 Mrd., Gesundheit 16 Mrd. (in €, für 2010, Quelle: Wikipedia)
...und die Beschreibung der Aufgabenbereiche des GBa in Wikipedia.
...der Gesundheitsetat ist eher einer der kleineren, zum Vergleich: Arbeit und Soziales 143 Mrd., Verteidigung 31 Mrd., Verkehr 26 Mrd., Gesundheit 16 Mrd. (in €, für 2010, Quelle: Wikipedia)
...und die Beschreibung der Aufgabenbereiche des GBa in Wikipedia.
Kassen machen sich mit ihren Gehältern ein schönes Leben...
Es wird Zeit dass noch mehr Kassen pleite gehen, bzw. fusionieren müssen.
Ich kann doch nicht den Nutzniesern des gesamten Systems eine uneingeschränke Richtlinienkompetenz einräumen.
Wer erfindet denn so einen Schwachsinn und in welchem anderen Land ist das ebenso?
...der Kostenträger, 5 Vertretern der Leistungserbringer, 3 Unparteiischen - alle jeweils stimmberechtigt - und jeweils bis zu 5 Patientenvertretern, die allerdings nur mit beratender Stimme - und genau dies ist der Knackpunkt, da gebe ich Ihnen recht. Es sollten Patientenvertreter Stimmrechte erhalten, wofür sich im übrigen Ulla Schmidt einsetzte.
...der Kostenträger, 5 Vertretern der Leistungserbringer, 3 Unparteiischen - alle jeweils stimmberechtigt - und jeweils bis zu 5 Patientenvertretern, die allerdings nur mit beratender Stimme - und genau dies ist der Knackpunkt, da gebe ich Ihnen recht. Es sollten Patientenvertreter Stimmrechte erhalten, wofür sich im übrigen Ulla Schmidt einsetzte.
...der Gesundheitsetat ist eher einer der kleineren, zum Vergleich: Arbeit und Soziales 143 Mrd., Verteidigung 31 Mrd., Verkehr 26 Mrd., Gesundheit 16 Mrd. (in €, für 2010, Quelle: Wikipedia)
dazu und die Rentenversicherung ebenfalls, dann merken Sie sehr schnell was zum eigentlichen Gesundheitsetat noch dazu gehören sollte.
Arbeit und Soziales wird aus Steuern finanziert, in den Gesundheitsetat müsste man aber ehrlicherweise auch noch die Beiträge zur Krankenversicherung der Arbeitnehmer und Arbeigeber dazu rechnen, denn auch das Geld wird verteilt.
Der "Krankheitsmarkt" umfasste in 2010 um die 275 Mrd. Euro – weitestgehend über die gesetzlichen und privaten Krankenkassen und somit Mitgliederbeiträge bezahlt – und der Artikel von Magnus Heier verweist auf den simplen Punkt, dass Angebot offensichtlich Nachfrage generiert. Jetzt kann man natürlich trefflich über Marktmechanismen diskutieren oder die Berufsethik des medizinischen Personals beschwören oder die Politik in die Haftung nehmen, einen Aspekt sollten Diskutanten aber nicht außer Acht lassen: Die Eigenverantwortung der Versicherten respektive der Patienten.
Wenn die Gesellschaft nicht begreift, dass der Reparaturbetrieb die teuerste Variante der Gesundheit ist, werden sich die Kosten weiter erhöhen - der Versicherungsgedanke in der heutigen Form führt nur dazu, dass die ungewissen Risiken des Einzelnen in den Ausgleich durch das Kollektiv übertragen werden. Wikipedia schreibt dazu: „Die Förderung und Erhaltung der Gesundheit erfordert geringe finanzielle Mittel. Teuer ist dagegen der Versuch, Gesundheit wiederherzustellen, die sog. kurative Medizin.“ Somit darf sich jeder auch an die eigene Nase fassen.
dazu und die Rentenversicherung ebenfalls, dann merken Sie sehr schnell was zum eigentlichen Gesundheitsetat noch dazu gehören sollte.
Arbeit und Soziales wird aus Steuern finanziert, in den Gesundheitsetat müsste man aber ehrlicherweise auch noch die Beiträge zur Krankenversicherung der Arbeitnehmer und Arbeigeber dazu rechnen, denn auch das Geld wird verteilt.
Der "Krankheitsmarkt" umfasste in 2010 um die 275 Mrd. Euro – weitestgehend über die gesetzlichen und privaten Krankenkassen und somit Mitgliederbeiträge bezahlt – und der Artikel von Magnus Heier verweist auf den simplen Punkt, dass Angebot offensichtlich Nachfrage generiert. Jetzt kann man natürlich trefflich über Marktmechanismen diskutieren oder die Berufsethik des medizinischen Personals beschwören oder die Politik in die Haftung nehmen, einen Aspekt sollten Diskutanten aber nicht außer Acht lassen: Die Eigenverantwortung der Versicherten respektive der Patienten.
Wenn die Gesellschaft nicht begreift, dass der Reparaturbetrieb die teuerste Variante der Gesundheit ist, werden sich die Kosten weiter erhöhen - der Versicherungsgedanke in der heutigen Form führt nur dazu, dass die ungewissen Risiken des Einzelnen in den Ausgleich durch das Kollektiv übertragen werden. Wikipedia schreibt dazu: „Die Förderung und Erhaltung der Gesundheit erfordert geringe finanzielle Mittel. Teuer ist dagegen der Versuch, Gesundheit wiederherzustellen, die sog. kurative Medizin.“ Somit darf sich jeder auch an die eigene Nase fassen.
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