Sotheby's Die große Nacht im Auktionshaus

Der Sammler Christian Graf Dürckheim lässt bei Sotheby’s in London bedeutende Werke von Sigmar Polke, Georg Baselitz und Gerhard Richter versteigern.

Zwei junge Männer unterhalten sich. Über Gott und die Welt und die Kunst. Der eine ist Geschäftsführer der Münchner Dependance des Galeristen Heiner Friedrich, der andere Student. Er hat angefangen, ein bisschen Kunst zu kaufen, Papierarbeiten, ein Baselitz-Aquarell, etwas von Penck. Die Idee, eine Sammlung aufzubauen, gefällt ihm, dazu gehört ein Konzept, er will planerisch vorgehen.

Der Begriff Leidenschaft scheint in den vielen Gesprächen von Fred Jahn und Christian Graf von Dürckheim-Ketelhodt, damals beide noch keine dreißig, nicht die größte Rolle gespielt zu haben. Es ging zunächst vielmehr um grundsätzliche Fragen, auch um eine Positionierung. Wo stand die Kunst Anfang der siebziger Jahre, wohin ging ihre Entwicklung? Wie konnte es nach den sichtlich am Ende der Straße angekommenen Bestrebungen von Tachismus, Monochromie und Pop Art weitergehen? Jahn sah Zukunft, gar Überlebenschance der Kunst einzig in der Malerei. Zeitbezug musste die Kunst haben, geschichtliche Elemente einarbeiten, ikonografische Themen behandeln. War es das, was den Sammler interessierte, was er von der Kunst erwartete? Darüber sollte er sich erst mal klar werden. Gerhard Richter, Sigmar Polke, allen voran Georg Baselitz waren nach Fred Jahns Auffassung die Protagonisten des Aufbruchs, die in der Lage waren, mit Verve und Pranke das feinsinnig Ungefähre der ausgeklügelten Geste zu verabschieden. Sie waren jung, respektlos und hungrig. Heiner Friedrich übrigens wetterte aus New York: »Grauenvoll! Reaktionär! Geschmier!« Er war der Vertreter der Donald-Judd- und Fred-Sandback-Gemeinde: Unversöhnliche Gegenwelten, die dann später auch zur Trennung führten.

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Als der Galerist Jahn sich 1978 also selbstständig machte, war Dürckheim weiterhin loyaler, dabei selektiver Kunde, der sich sehr schnell Expertise angeeignet hatte, stets fordernd in der Debatte, wie Jahn sich erinnert, doch immer auch dem Rat folgend, dass, wenn man sich einer neuen künstlerischen Theorie zuwendet, man auch wirklich die frühen hierzu gehörenden Werke kaufen sollte. Die Radikalität des Versuchs, die Frische des Gedankens, das Tastende, auch das grandiose Scheitern, dies alles ist dem Frühwerk eingeschrieben, erhabene Reife, so sie denn eintritt, ist dann zwar überzeugend, vielleicht sogar makellos, aber weit weniger aufregend – und auf jeden Fall viel teurer. In diesem Zusammenhang liegt es auch nahe, und der Graf folgte diesem Konzept, dass eine Gemäldesammlung immer auch von begleitenden Skizzen, Studienblättern und Zeichnungen flankiert werden sollte. Der Sammler nähert sich so dem Schaffensprozess – und dem Künstler selbst. Freundschaften entstehen, die Interessengebiete weiten sich, zweigen ab, schwinden auch zugunsten eines neuen Fokus, ein komprimiertes Programm lässt die unverwechselbare Handschrift sichtbar werden. So entsteht eine große Sammlung.

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