So kennt man sie gar nicht: als unbeschwertes Radiotalent und volkstümliche Entertainerin. Ingeborg Bachmann hat als junge Frau zwei Jahre lang beim Wiener Sender Rot-Weiß-Rot gearbeitet, zunächst als Sekretärin, dann als Skript-Redakteurin. Sie hat Texte redigiert und selbst geschrieben, unter anderem das Hörspiel Ein Geschäft mit Träumen, das im Februar 1952 ausgestrahlt wurde. An Paul Celan schrieb sie über ihre neue Arbeit: »Was ich zustande bringe, ist nicht immer schlecht, für Österreich ist es sogar ziemlich gewagt...« Was sie nicht verriet: dass sie an der humoristischen Serie Die Radiofamilie über die Wiener Bürgerfamilie Floriani mitgearbeitet hat.

Rot-Weiß-Rot war der Sender der amerikanischen Besatzer, die entsprechend einer 1950 beschlossenen »psychologischen Offensive« für Deutschland und Österreich einen Programm-Mix aus politischer Aufklärung und Unterhaltung verfolgten, gemeint durchaus als Gegengewicht zum Radioprogramm der Sowjets. Es wird davon ausgegangen, dass etliche Skripte und Tonaufnahmen von Rot-Weiß-Rot vernichtet wurden, nachdem der Sender 1955 an den Österreichischen Rundfunk übergeben worden war. Ingeborg Bachmanns Mitwirkung an der Radiofamilie konnte nun dennoch rekonstruiert werden, dank des Nachlasses von Jörg Mauthe, einem Kollegen der ersten Stunde. Obwohl Ingeborg Bachmann sich zu diesem profanen Teil ihres Schaffens nie bekannte, haben die Erben einer Veröffentlichung der Radioskripte zugestimmt, was unbedingt zu begrüßen ist. Wir werden sehen, warum.

Jörg Mauthe gehörte neben Peter Weiser und der jungen österreichischen Dichterin zum Autorenteam der Radiofamilie . Sie alle waren Anfang der Fünfziger noch keine dreißig Jahre alt, unbelastet, was die nationalsozialistische Vergangenheit anging, und von jener Geisteshaltung, die den Amerikanern lieb war. Man ließ die jungen Talente gewähren, und der Erfolg der Serie zeigte, wie richtig diese Entscheidung der amerikanischen Besatzer war. Tatsächlich lief die bald von zweiwöchentlicher auf wöchentliche Ausstrahlung umgestellte Serie über die Florianis von 1952 bis 1960, das sind in achtzehn Jahren 330 Folgen unter der Regie von Walter Davy. Den Wienern war die Radiofamilie mit dem verlässlichen Personal, und nicht zuletzt den beliebten Sprechern, ans Herz gewachsen.

Zwischen Winter 1951/52 und Juli 1953 – bis zu ihrer Kündigung und ihrem Umzug nach Rom – verfasst Ingeborg Bachmann, die »kettenrauchende Meerfrau mit Engelhaar, die mehr flüsterte als sprach« (Peter Weiser), verblüffend handfeste Skripte für die Radioseifenoper. Elf Folgen hat sie ganz allein geschrieben, drei weitere in Zusammenarbeit mit jeweils Mauthe oder Weiser. Diese vierzehn Folgen sind in dem von Joseph McVeigh vorbildlich edierten, soeben bei Suhrkamp erschienenen Band Die Radiofamilie erstmals dokumentiert.

Was sofort ins Auge fällt: wie unglaublich geschickt die Serie konzipiert war. Und wie sicher Ingeborg Bachmann das Fach beherrschte, von Anfang an. Ihre Kollegen sprechen im Rückblick sogar von »Genie«. Klar ist jedenfalls, dass Bachmann, deren spätere Schreibblockaden zum literarischen Mythos wurden, mit leichter Hand die netten Florianis durch ihre kleinen und großen Alltagsabenteuer dirigiert. Es scheint ihr sichtlich Spaß bereitet zu haben, die Storys um den liebenswürdig-korrekten Oberlandesgerichtsrat Hans Floriani auszuhecken; seine scharfsinnige, für ihr Hausfrauendasein viel zu intelligente Gattin Vilma; die beiden Kinder Wolferl und Helli, deren Zank den Wiener Schmäh so niedlich variiert; den Halbbruder des braven Hans, Guido, einen überaus charmanten Aufschneider mit hellbraunem Fleck auf der Weste; und nicht zuletzt Liesl, Guidos naiv-ländliche, doch tapfer sich behauptende Ehefrau. Im erwähnten Brief an Celan teilt Bachmann mit: »...obwohl es mich in vieler Hinsicht nicht befriedigt, mache ich meine Arbeit ganz gerne und bin froh, dass ich arbeiten kann.«

Spricht hier die Scham, das eigene evidente Talent für harmlose Volkspädagogik zu verschenken? Scham, die sich über das Vergnügen an der Arbeit legt wie eine selbst auferlegte Zensur? Man wird das nicht mit Sicherheit beantworten können. Der Herausgeber nennt die Radiofamilie ein »Anti-Werk« Ingeborg Bachmanns. Womöglich lässt sich aber auch von einem Doppelleben sprechen, nicht im erotischen Sinne Gottfried Benns (»Gute Regie ist besser als Treue«), wenngleich Ingeborg Bachmann auf diesem Sektor gewiss nicht das Engelchen war, als das sie manchem erschien; Doppelleben eher im Sinne einer strengen Aufteilung des eigenen Schaffens in Kunst und Nichtkunst.