Der Leuchtturm von Punta Nati © Xavi Gomez/Cover/Getty Images

An Stränden hat man es als Wanderer schwer. Der feste Schuh versackt im weichen Sand und wirkt sowieso fehl am Platz. Die Sonnenbadenden schauen oft etwas befremdet herüber, womöglich sogar mitleidig, doch man stapft weiter, ohne sich ins Wasser zu stürzen. Am Strand von Cavalleria in Menorcas Norden ist die Versuchung besonders groß: eine perfekt gerundete Bucht, golden glitzernder Sand feinster Körnung, nahezu transparentes Wasser von zartestem Blau, das mit sehr lässigem Ton heranschwappt. Für zwei, drei Augenblicke möchte man aus der Rolle fallen, alles ablegen, sofort in die Fluten... Doch ach, das Etappenziel ist noch weit. Und hinten links am Strandende steht schon das nächste hölzerne Pföstchen: Camí de Cavalls – hier entlang. Bald wird der Tritt wieder fester, die markierte Route führt weg vom Ufer, zwischen Felsen und Gebüsch hindurch. Der Wanderer ist zurück auf Linie. Zum Trost sagt er sich, das Wasser wäre sowieso noch zu kalt gewesen. Und er hat recht.

Der Camí de Cavalls, der »Weg der Pferde«, umrundet ganz Menorca. 20 Etappen, 180 Kilometer. Im vergangenen Jahr wurden die letzten Lücken geschlossen, die letzten Pflöcke eingeschlagen. Nur innerhalb der Orte fehlen noch ein paar Hinweisschilder. Ansonsten ist der Ring komplett. Er ist vor allem für Wanderer da, aber auch Pferde sind willkommen. Denn auf dem ursprünglichen Camí de Cavalls patrouillierten im Mittelalter Reiter, die das Meer nach nahenden Piraten und Invasoren abzusuchen hatten. Ihre Pferde markierten den Verlauf des heutigen Wanderwegs, weshalb man sie wohl nicht ausschließen möchte. Tatsächlich heben die Hinweistafeln zu Beginn jeder Etappe sogar ausdrücklich hervor, dass die Route – in dieser Reihenfolge – für Pferde, Wanderer und Mountainbikes geeignet ist.

Momentan sind allerdings weit und breit keine Pferde zu sehen, weder oberhalb noch jenseits von Cavalleria. Stattdessen taucht irgendwann ein scheinbar herrenloses Dutzend braun gefleckter Rinder auf. Die Tiere zuckeln gemütlich grasend landeinwärts, grüneren Futtergründen entgegen. Der Camí verläuft weiterhin in Küstennähe, streift zwischendurch die Strände von Binimel∙là und Cala Pregonda, führt aber meist über felsige Hügel. Hier halten Heidekraut, Mastix-Büsche und die stacheligen Bollen des balearischen Socarrell-Strauches das Jahr über auch den fiesen Attacken des schneidenden Nordwindes Tramuntana stand.

Die Felsen selbst wirken angegriffener. Das Meersalz, vom Wind unterstützt, hat sich stellenweise tief ins Gestein hineingefräst, hat Mulden, Rinnen, Schächte, ganze Verkehrsnetze für die rasende Luft geschaffen. Man sieht die durchlöcherten, zum Teil fast skelettierten Felsen an wie Miniaturmodelle einer urzeitlich organischen Architektur. Eine ganze Weile schweift der Blick nur selten hinaus in die Weite, gen Meer und Horizont. Er klebt an den Steinen, gleitet immer wieder fasziniert über die bizarren Traumlandschaften. Leider findet sich keine Miniatur der Windskulpturen zum Mitnehmen.