Neo Rauch verstehen : Mit strammer Wade

Neo Rauch in Baden-Baden: Wer den Maler verstehen will, muss seine Diplomarbeit lesen – und einen Radausflug machen.
Der Künstler Neo Rauch unterhält sich während einer Ausstellung in München mit einer Besucherin. © Johannes Simon/Getty Images

Im Juni 1985 reichte der Maler Neo Rauch seine theoretische Diplomarbeit an der Hochschule für Graphik und Buchkunst in Leipzig ein. Er war damals 25, und niemand ahnte, dass der Künstler einmal zu Weltruhm gelangen würde und sich seine Hochschulschrift heute wie eine Art Vorschau auf seinen Werdegang als Maler und auf die Entwicklung der bundesrepublikanischen Kunstgeschichte liest. Wer die Kunst des Neo Rauch verstehen will, der muss sich seine Arbeit über die Informelle Malerei in der BRD vornehmen.

Vordergründig beschäftigt sie sich mit Nachkriegskünstlern wie Gerhard Hoehme, Winfred Gaul oder Emil Schumacher, die nach den Erfahrungen des »Dritten Reichs« eine neue malerische Motiv- und Formlosigkeit pflegten. Doch im Grunde versucht Rauch in seinem programmatischen Text, die Möglichkeiten der Abstraktion und Figuration gegeneinander auszuspielen. Damit bleibt Rauch durchaus der offiziellen Kunstauffassung der DDR treu, die ja in den nicht gegenständlichen Kunstströmungen der Nachkriegszeit die Agenten des Kalten Krieges am Werk sah. Interessanter sind Rauchs Überlegungen zu den formalen Kategorien der Moderne und Nachmoderne. So meint er für das »Kunstgeschehen der BRD« eine Rückbesinnung auf das »Figurative« beobachten zu können. Im Kunstsystem der DDR wiederum scheint sich für ihn eine Orientierung an »informellen Errungenschaften« abzuzeichnen. Letztlich jedoch begreift Rauch Abstraktion und Informel als entwicklungsgeschichtliche Durchgangsstationen. Am Ende steht wieder das Figurative. »Buchstaben- und Ziffernreihungen« oder »bewegte Zeichen vor farbigen Gründen« sieht er als möglichen Weg zu einer Loslösung vom »abstrakten Akademismus«.

Der Autor

Frank Zöllner lehrt Kunstgeschichte an der Universität Leipzig und hat unter anderem große Monografien über Botticelli und Michelangelo publiziert

So weit die theoretische Seite. Neo Rauchs malerische Auseinandersetzung mit dem Informel beginnt wahrscheinlich gegen Ende des Jahres 1989, also mit dem Fall der Mauer. So ganz genau weiß das niemand. Denn offiziell findet die Malerei des Leipziger Künstlers erst seit 1993 statt. Die zuvor entstandenen Arbeiten werden nicht ins maßgebliche Werkverzeichnis aufgenommen, die von vor 1990 schon gar nicht. In Ausstellungen der jüngsten Zeit suchte man sie daher vergeblich.

Dem setzt nun die aktuelle Neo-Rauch-Ausstellung im Museum Frieder Burda in Baden-Baden einige neue Akzente entgegen, indem sie eine ebenso schlichte wie lehrreiche Periodisierung des Rauchschen Œuvres leistet. Das beginnt schon mit den ersten beiden Exponaten, die aus dem Jahr 1992 stammen und an Neo Rauchs theoretische Auseinandersetzung mit dem Informel anknüpfen. Zugleich verraten sie den Beginn einer Rückbesinnung auf das Figurative, erkennbar an kleinen, wie fragmentiert wirkenden Gestalten, die sich auf die flächigen Farbfelder geschlichen haben.

Auch die Werke der folgenden Jahre handeln von einer schrittweisen Rückeroberung des Figurativen. Das noch spärliche Bildpersonal definiert der Künstler hier zunächst grafisch und durch Auslassung: Scherenschnittartig scheint die oberste Farbschicht vorgeschnitten, die hellere Grundierung wird in Gestalt scharf konturierter Figuren sichtbar. Demselben Prinzip des freigestellten Grundes folgen die Buchstaben und Buchstabenfolgen, die sich von etwa 1993 an in großformatigen Papierarbeiten zu Bildtiteln verdichten. In den deutlich kleineren Werken der Folgejahre beginnt Neo Rauch, das Flächige der Farbfelder aufzubrechen, er strukturiert seine Bilder durch Perspektive. Die Erschließung des Bildraumes wird zu seinem Thema. Die in der Ausstellung klar erkennbare Entwicklung zum Figurativen und Bildräumlichen mündet schließlich in die bekannten Riesenformate des neuen Jahrtausends mit ihren surrealen, bisweilen bedrohlich anmutenden Szenarien. Diese Bilder vor allem haben den Ruhm Neo Rauchs als Maler begründet.

In ihnen scheint er sein eigentliches Thema gefunden zu haben. In der Ausstellung sind sie mit 16 von insgesamt 36 Exponaten vertreten. Dabei entsteht ein umfassender Blick auf ein Œuvre, das die unterschiedlichen Möglichkeiten der Abstraktion und der Figuration aufscheinen lässt. Sogar die Einzelwerke reflektieren diese Möglichkeiten. Das figurenreiche Ölgemälde Rückzug aus dem Jahre 2006 zitiert die 1993 entstandene Arbeit Plazenta und damit die Rückkehr zur Figurenmalerei. Andere Werke ironisieren die gegensätzlichen künstlerischen Positionen, so beispielsweise Unerträglicher Naturalismus von 1998 und Abstraktion aus dem Jahr 2005. Die beiden Gemälde gelten sogar als die Antwort des Künstlers auf die Kritik am Figurativen.

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