Ein rangloser Unternehmenssprecher namens Aya Omura gab die Sache bekannt, die sich außerdem schon Wochen zuvor ereignet hatte. Was konnte das Wichtiges sein? Es sollte so harmlos klingen, als sei in China gerade ein Sack Reis umgefallen. Und wirklich: Die Strategie des Sprechers ging auf. Kaum jemand hörte mehr richtig hin. Außerhalb Deutschlands, das in der Atomfrage sensibel reagiert, war Herr Omura den meisten Medien nur noch eine Agenturmeldung wert.

Dass sich die andauernde Atomkatastrophe von Fukushima derzeit so erfolgreich verschleiern lässt, hat viel mit Japan selbst zu tun. Wie nach den Atombombenabwürfen über Hiroshima und Nagasaki beugen sich die Japaner heute einer kollektiven Selbsttäuschung, die lautet: Wir sind alle Opfer von Fukushima! Das bedeutet im Umkehrschluss: Niemand trägt Schuld an der Katastrophe. Bislang hat allein der Tepco-Vorsitzende seinen Rücktritt zum 26. Juni angekündigt, nachdem er sich nach dem Atomunfall erst einmal zwei Wochen hat krankschreiben lassen. Ansonsten sitzen die Amtsträger des riesigen atomindustriellen Komplexes in Japan weiter auf ihren Plätzen. Schuld und Verantwortung für Fukushima bleiben undefiniert und unaufgeklärt.

Die neuesten Meldungen ändern daran nichts. Dabei weiß die Welt nun mit Sicherheit, dass das zuvor Unvorstellbare in Japan wirklich stattgefunden hat. Und zwar nicht nur einmal, sondern gleich dreimal hintereinander. Der große japanische AKW-Betreiber Tepco hat es nun mit den Worten des kleinen Herrn Omura gestanden, dass sich in drei seiner Reaktoren in Fukushima im März Kernschmelzen ereignet haben. Jeder von seiner Arbeit halbwegs überzeugte Atomingenieur, egal, wo auf der Welt, hätte bis zum 11. März dieses Jahres noch rundweg bestritten, dass Kernschmelzen in modernen Atomreaktoren überhaupt möglich sind.

Ein Ausfall sämtlicher Kühl- und Notkühlsysteme? Undenkbar! Am Tag der Katastrophe in Fukushima war die Betriebslüge der Atombefürworter im Grunde entlarvt. Nur gaben das die Verantwortlichen nicht zu. Der Begriff der »teilweisen Kernschmelze« machte weltweit die Runde. Die Kernschmelze schlechthin aber wurde bis in die Reihen der Internationalen Atomenergiebehörde in Wien hartnäckig geleugnet. Das geht nun nicht mehr. Das Unfassbare, der für unmöglich erklärte Fall ist dreimal eingetreten. Überall auf der Welt müssten Kernkraftbefürworter nun aufstehen und sagen: »Jetzt wissen wir es: Wir haben uns gründlich getäuscht.« Aber niemand steht auf. Nur die Deutschen wählen etwas grüner.

Die Japaner hingegen empören sich nicht über Tepco und die Atomkraft, sondern über die Regierung, die den Anwohnern der radioaktiv verseuchten Gebiete verbietet , ihre Häuser aufzusuchen. Die Gefahr wird kollektiv verdrängt. »Lasst uns gegen das Atomkraftwerk nicht verlieren! Lasst uns gewinnen!«, lautet der Slogan einer Kampagne in einem Dorf nahe den Unglücksreaktoren. Doch das Dorf ist auf Jahrzehnte nicht mehr bewohnbar, der Kampf längst verloren. Niemand aber darf das zugeben. Wer es doch tut, wie der Regierungschef, wird als Verräter beschimpft.