Bundeswehr: Neu auf der Baustelle
Josef Joffe: De Maizière verschreibt der Nation eine Dosis "Sich-ehrlich-Machen"
Die Bundeswehr ist wie der Hamburger Flughafen: eine Baustelle seit fünfzig Jahren. Richtig glücklich hat nur Helmut Schmidt zwischen den Gruben agiert; er ist der einzige Verteidigungsminister, dem danach Höheres gelang – die Kanzlerschaft Guttenberg hat gerade mal 16 Monate erreicht. Die Deutschen, die einst ihre Armeen angebetet haben, betrachten die Bundeswehr wie die Post: Man braucht sie, aber liebt sie nicht.
Der Neue – Thomas de Maizière – ist erst seit zehn Wochen im Amt. Kaum ist der Hermès-bewehrte »KT« weg, tröpfeln schon die Nörgeleien . Ein »Spieß« sei er, kein »Top Gun«. Ein »seriöses Gegenbild« wolle er sein, aber seine Reform sei weder »revolutionär« noch »radikal«. So sind wir »Pressbengel« (Bismarck); schnell langweilen wir uns. Über den kühlen Ingenieur des Apparats lässt sich in der Tat nichts Aufregendes berichten. Aber Baustellen sind nie interessant, nur gefährlich.
Und schwierig ist das Manövrieren, wenn man bedenkt, dass dieses Land, einst das aggressivste in Europa, nicht kämpfen, mithin auch nicht die Mittel bereitstellen will. Die Bundeswehr stöhnt von jeher – ob sie nun eine halbe Million Soldaten wie im Kalten Krieg umfasst oder nunmehr auf 170.000 schrumpfen soll. Die Deutschen hatten vierzig Jahre lang Glück: Das Riesenheer war nur da, um da zu sein – zum Abschrecken, nicht zum Kämpfen. Erst 1995 hat Karlsruhe die bequeme Mär durchlöchert, wonach die Bundeswehr ausschließlich der direkten Landesverteidigung dienen dürfe.
Inzwischen stehen 7000 Soldaten außerhalb der Grenzen ; de Maizière will sie auf 10.000 aufstocken. Das klingt nach wenig, muss aber mit drei multipliziert werden, weil sich jeweils weitere 10.000 in der Rotation und im Training befinden – der lange Versorgungsschwanz nicht mitgezählt. Weniger Masse, aber viel Klasse bedeutet, dass Einsatzkräfte viel mehr kosten als das Wehrpflichtheer. Mobilität in der Luft und auf dem Boden, digitale Kriegführung, Präzisionsmunition sind exponentiell teurer als das alte G-3-Gewehr.
Doch der Tagesbefehl – heute und immerdar – lautet: Sparen! Immerhin ist der Neue auf gutem Wege, einen Riesenbatzen – den Sozialplan für den Personalabbau – aus seinem Etat in den des Finanzministers zu schieben. Wichtiger noch aber ist das Ideelle. Er verabreicht der Nation eine weitere Dosis »Sich-ehrlich-Machen«. Wofür ist denn die Armee gut? In ihren Richtlinien steht nicht nur die alte Begründung namens »Bündnisnation«: Wir machen mit, um mitreden zu können. Da kommen auch »nationale Interessen«, »nationale Selbstbehauptung« und »internationale Verantwortung« ins Spiel, dazu die Vielfalt der neuen Bedrohungen durch Terror und zerfallende Staaten. Als Horst Köhler über den Schutz von Handelswegen plauderte, fielen die Medien über ihn her. Jetzt reden die Richtlinien ganz offen von »Transport- und Energiesicherheit«.
Wie auf dem Hamburger Flughafen wird die Baustelle nie geschlossen werden, aber das ist weder de Maizière noch seinen Vorgängern anzulasten. Wie sagte doch sein Vater Ulrich, der frühere Generalinspekteur? »Eine Armee ist immer in Bewegung. Sie ist niemals fertig.« Der neue Polier hat einen guten Anfang gemacht.





Joffe beschreibt das richtig.
Was fehlt - oder habe ich etwas verpasst: Hat es denn in dieser Gesellschaft eine öffentliche Debatte gegeben, ob das, was "der neue Polier" da verkündet hat, auch die Meinung der Maurer und Hilfsarbeiter ist - also der Menschen dieses Landes, die doch de Jure noch als der Souverän gelten und die ihre Söhne und Töchter und auch ein Stück Geld dafür hergeben müssen?
"Jetzt reden die Richtlinien ganz offen von »Transport- und Energiesicherheit" berichtet Joffe. Unsere Jugend sichert die Energiesicherheit mit Waffengewalt? Nicht mit Intelligenz, mit Innovationen, mit fließiger Arbeit? Sondern mit Gewalt in aller Welt??
Das ist kein Thema in Deutschland? Dann gute Nacht.
Cerberus
"Die Deutschen, die einst ihre Armeen angebetet haben, betrachten die Bundeswehr wie die Post: Man braucht sie, aber liebt sie nicht."
Die Bundeswehr wurde nie angebetet. Sie war am Anfang durchsetzt mit faschistisch NS-Offizieren durchsetzt.
Die Deutschen vorher (Kaiser, NS-Zeit) waren wohl eher propagandistisch auf Krieg einheschworene Menschen.
Die Deutschen heute haben keine Lust auf Krieg, genauso wie alle anderen Europäer. Niemand bedroht Europa, niemand erpresst Europa.
Wenn die anderen Länder in der Welt für ihre Rohstoffe Geld nehmen, genauso wie wir für einen Benz Geld nehmen, dann ist das für mich "normal". Das sollte Europa akzeptieren und nicht versuchen in den Rohstoffmarkt mit militärischen Mitteln einzugreifen.
[...]
Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/ag
die Diskussion um die sogenannten "neuen" Aufgaben findet in den Medien - zur Zeit - so gut wie nicht statt. Leider auch nicht andernorts. Offenbar verschlafen wir gerade etwas ...
sind die "neuen" Aufgaben doch die alten. Wie immer.
Herr De Maizière beschreibt hier seine ehrliche Meinung, was ja schon positiv ist. Aber was ist unsere ehrliche Meinung, was denkt das Volk? Interessiert wieder niemanden in oberen Etagen. Aber dann, wenn die Proteste ansteigen, hören wir wieder die alten Parolen der Politiker "Wir müssen die Menschen mitnehmen, schon früh an Entscheidungsprozessen beteiligen".
In so einer elementaren Frage habe ich große Debatte schon bei den ersten Einsätzen der Bundeswehr vermisst.
Wie hieß es bei der Gründung der Bundeswehr, unsere Soldaten werden nie wieder Krieg führen, höchsten zur Selbstverteidigung.
Was ist davon geblieben?
Die internationale Rüstungsindustrie befindet sich in einem harten Wettbewerb. Mehrere Nationalstaaten, wie Deutschland oder Österreich, haben ihren Verteidigungsetat drastisch gekürzt, sodass die Ausgaben für neue Rüstungsgüter am sinken sind. Rüstungsfirmen, wie Rhein Metall oder Lockheed Martin, müssen zudem damit rechnen, dass Schwellenländer wie China, Indien, Brasilien oder Südafrika noch Bedarf an neuen Waffengeräten und -systemen haben, jedoch diese teilweise versuchen, über illegale Aktionen (v.a. Cyberattacken) diesbezügliches Know-how zu erwerben. Auf jeden Fall hat Südafrika beispielweise einen großen Bedarf an US-amerikanischen und deutschen Gütern, welche bisweilen über offizielle Kanäle beschafft werden: http://2010sdafrika.wordp....
wenn man bedenkt, dass dieses Land, einst das aggressivste in Europa, nicht kämpfen, mithin auch nicht die Mittel bereitstellen will."
Da sehen Sie mal Herr Joffe, dass wir Deutschen wenigstens lernfähig sind oder wenigstens waren. Andere Länder - wie z.B. Frankreich und England - die einst genau so aggressiv waren, sonst hätten sie sich nicht ihre Kolonialreiche erobern können, haben scheinbar nichts dazu gelernt - wie man am Beispiel Libyen sehen kann.
Aber vielleicht setzt das Dazulernen ja auch voraus, dass man erst einmal eine totale Niederlage erleiden muss.
Allerdings scheint das Vergessen ehemaliger Lehren der Geschichte insbesondere bei Parlamentariern inflationär zu sein. Sonst hätten nicht alle Parteien mit Ausnahme der LINKEN zugestimmt - ohne Debatte im Bundestag, denn schließlich sind Debatten bezüglich derartiger Kleinigkeiten - wie die Teilnahme an Kriegen im Ausland - ja völlig überflüssig.
Gewaltbereites Militär, mit der Voraussetzung gewaltbereit sein
zu dürfen,egoistische Gerechtigkeit vollziehen zu wollen,
andere Völker erniedrigen zu dürfen.
Militär hat nie, so hat es die Vergangenheit aufgezeigt,den
Willen Gerechtigkeit zu vollziehen.
Militär nimmt Befehle entgegen, sich devot unterzuordnen um andere
Staaten und der Bevölkerung dieser Staaten Macht aufzuzeigen.
Diese Staaten zu erniedrigen und teilweise in Besitz nehmen zu
können.
Wenn,dann nur noch Militär, ein Außenministerium wird nicht mehr benötigt,sogenannte Diplomaten haben keinen Bestand,Gewalt ist das Ziel.
Wenn die politischen Mandatsträger versagen, weil die Qualifikation
dafür nicht vorhanden ist, sollen sie sich aus der Demokratie ver-
abschieden.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren