Graue Betonquader und nackte Stahlstreben, die wie für die Ewigkeit in den Boden gerammt scheinen, ein heruntergekommener Maschendrahtzaun, ein paar Verbotsschilder und darüber ein metallener Aussichtsturm – das ist alles, was von dem Projekt übrig geblieben ist, mit dem sich die sozialistische Volksrepublik Polen ins Atomzeitalter katapultieren wollte. Mitte der achtziger Jahre war das. Täglich, erinnert sich Maria Lademann, rumpelten damals die Laster und Schwertransporter die schmale Straße am Żarnowiecer See entlang.

Ein paar Autominuten hinter dem Dorf Żarnowiec, 70 Kilometer nordwestlich von Danzig, sollte hier Polens erstes Atomkraftwerk entstehen. Dann kamen Tschernobyl , Proteste, das Ende des Kommunismus. 1990 war es vor Maria Lademanns Haus am See wieder still.

Aber Geschichte wiederholt sich. Vergangene Woche verabschiedete das polnische Parlament in Warschau weitreichende Gesetze zur Kernenergie und machte es damit sehr wahrscheinlich, dass Żarnowiec erneut zum Standort für ein polnisches Atomkraftwerk wird. Wieder würde es mit Blick auf den See gebaut, nicht weit entfernt von dem Campingplatz und den kleinen Ferienhäusern, die überwiegend Sommerfrischlern aus Warschau gehören. Natürlich habe sie von der Katastrophe in Fukushima gehört, sagt Maria Lademann, über den Gartenzaun gelehnt. Für das neue Kraftwerk ist die alte Dame trotzdem – der Wirtschaft und der Arbeitsplätze wegen. Damals sei sie nicht gegen die Atomkraft gewesen, und heute eben auch nicht.

In Deutschland wird in diesen Tagen der Ausstieg aus der Kernenergie verhandelt, in Polen ist der Einstieg derweil so gut wie beschlossen . Viele Menschen denken wie Maria Lademann. Er kenne keine Argumente, die eine reale Gefahr beim Bau moderner Atomkraftwerke belegen könnten, gab auch der Staatspräsident des Landes, Bronisław Komorowski, zu Protokoll. Für Polen gebe es "keinen anderen Weg als den der Atomkraft", fügte Umweltminister Andrezj Kraszewski hinzu.

Also will das Land nach und nach 6.000 Megawatt Strom – das ist die Leistung von sechs größeren Kohlemeilern – mit Hilfe der Kernenergie erzeugen, zunächst wohl im pommerschen Żarnowiec, später auch an einem zweiten Standort. Bis 2030, so die konservative Regierung in Warschau, sollen rund 20 Prozent des polnischen Strombedarfs aus Atommeilern gedeckt werden.

Gegen das Vorhaben gibt es bisher so gut wie keinen öffentlichen Protest. In den Medien wird es kaum diskutiert. Warum das so ist, wird deutlich, wenn man in Polens Hauptstadt an der Piękna-Straße 64a die drei Stockwerke zum Hauptquartier der Grünen Partei hinaufgestiegen ist. Das Büro besteht aus zwei kleinen Zimmern, einer schmalen Küche und einem Bad. In den Räumen stehen ein Tisch und ein Schreibtisch, ein paar Klappstühle, einige zusammengezimmerte Regale und ein einziger Computer. Rund 10.000 Euro hätten Polens Grüne für ihre politische Arbeit zur Verfügung, sagt der Parteivorsitzende Dariusz Szwed: "Nicht etwa pro Monat. Pro Jahr."

Dagegen bezuschusst die Regierung eine Aufklärungskampagne zur Kernenergie mit vorerst rund einer Million Euro. Ohne Atomkraft seien Klimaschutz und Energiesicherheit nicht zu erreichen, sagt sie. Wie alle anderen EU-Mitglieder muss auch Polen bis 2020 und darüber hinaus die Klimaziele der Europäischen Union erfüllen und nicht nur seine Wirtschaft energieeffizienter machen und den Ausbau von erneuerbaren Stromquellen vorantreiben – vor allem muss der Ausstoß des Klimagifts CO₂ scharf begrenzt werden.

Zwar hat das Land seine Kohlendioxidemissionen seit 1990 bereits um rund 30 Prozent vermindert, während die Wirtschaft um etwa das Doppelte gewachsen ist. Aber nach wie vor bezieht Polen über 90 Prozent seines Stroms aus der Verfeuerung der besonders umweltschädlichen Kohle, so viel wie kaum ein anderer Staat der Welt. Die staatliche Kompania Weglowa in Kattowitz ist der größte Kohleförderer und Bergbaukonzern Europas; die Meiler in Belchatow, nahe Łódź, bilden das weltgrößte Braunkohlekraftwerk und stoßen so viel CO₂ aus wie keine andere Klimagift-Quelle in allen 27 Ländern der EU.