Im März und April wurde in Brasilien sechsmal so viel Regenwald gerodet wie im selben Zeitraum des Vorjahrs – eine Fläche, auf die vier Fünftel der Stadt Hamburg passen würden. Bittere Zahlen, doch sie dokumentieren auch einen Erfolg der Waldschützer: Wenn heute am Amazonas ein Farmer seine Arbeiter mit Kettensägen losschickt, kann es wenige Tage später die ganze Welt sehen.

Als Reaktion auf den sprunghaften Anstieg will Brasiliens Wissenschaftsminister Aloizio Mercadante nämlich alle Daten der Satellitenüberwachung künftig sofort online stellen. Sie haben eine Auflösung von 250 mal 250 Meter und zeigen frisch gerodete Flächen exakt an. »Das wird die Strafverfolgung in all den Gebieten verbessern, die für die Justiz bisher praktisch unerreichbar waren«, sagte Mercadante.

Der Löwenanteil der jüngsten Rodungen entfiel auf den Bundesstaat Mato Grosso im Süden des Amazonasgebiets. Und sie stehen im Kontext eines neuen Forstgesetzes, das in dieser Woche nach monatelangem Streit vom Parlament beschlossen wurde. Die Zustimmung des Senats steht noch aus. Es sieht eine Amnestie für alle bisherigen illegalen Abholzungen vor und auch einen Erlass bereits verhängter Strafen: eine Motivation, noch kurz vor der endgültigen Verabschiedung des Gesetzes vollendete Tatsachen zu schaffen.

Auch Umweltministerin Izabella Teixeira reagierte alarmiert. »Die Entwicklung in Mato Grosso ist völlig untypisch und inakzeptabel«, sagte sie vergangene Woche und bildete ein Krisenkomitee. Dieses soll 500 zusätzliche Aufsichtsbeamte in den für seine riesigen Soja-, Baumwoll- und Rinderfarmen bekannten Bundesstaat entsenden. »Wer für eine Erweiterung seiner Flächen auf Abholzung setzt, dessen Rinder und Ernte werden beschlagnahmt.«

Mato Grosso ist die Heimat von Blairo Maggi, dem größten Sojafarmer der Welt und mächtigsten Vertreter von Brasiliens Agrarlobby . Das Geschäft mit Soja als Futter brummt, weil in den Schwellenländern der Fleischkonsum boomt. Maggi und seine Familie besitzen rund 4.000 Quadratkilometer Land, Greenpeace hat ihn 2005 als obersten Regenwaldvernichter Brasiliens mit der »Goldenen Kettensäge« ausgezeichnet. Von 2003 bis 2010 war er Gouverneur des Bundesstaats Mato Grosso, seitdem ist er Senator. Im Gerangel um das Forstgesetz wirkt Maggi hinter den Kulissen.

Der Kampf um die künftige Ausrichtung der brasilianischen Regenwaldpolitik verläuft quer durch die Parteien. So hat zwar ein kommunistischer Abgeordneter den umstrittenen Entwurf des neuen Forstgesetzes eingebracht, aber auch Teile der Regierungsfraktionen unterstützen ihn. Bereits 2009 hatte Präsident Lula da Silva die Verfolgung von Verstößen gegen das bisherige Gesetz ausgesetzt. Vor der Wahl, die kürzlich seiner Wunschkandidatin Dilma Rousseff ins Amt verhalf, wollte Lula den Zorn von über einer Million Farmern mit illegal gerodetem Land vermeiden – und wurde prompt auch von Blairo Maggi unterstützt.

Sogar Umweltschützer streiten über das Forstgesetz. So kämpft Greenpeace für den Erhalt der Vorschrift, dass jeder Farmer auf 80 Prozent seines Landes den Wald unangetastet lassen muss, andere Organisationen setzen auf weichere Regeln – deren Einhaltung sich dann auch kontrollieren und durchsetzen lasse.

Denn bisher versagt der Staat weitgehend. Kaum einer zahlt Strafen. Und nach einer Schätzung der Weltbank haben 85 Prozent aller Farmer im Amazonasgebiet keinen rechtsgültigen Besitztitel für das Land, das sie bewirtschaften. Trotz alldem hat Brasilien es aber als einziges Land mit tropischem Regenwald geschafft, das Tempo der Waldzerstörung in den vergangenen Jahren insgesamt deutlich zu bremsen. 2010 fielen knapp 6.500 Quadratkilometer Amazonasdschungel den Kettensägen zum Opfer – eine Fläche, doppelt so groß wie das Saarland, doch immerhin ein Rückgang um 70 Prozent gegenüber 2002. Damit kommt Brasilien bereits heute seiner im Rahmen der Klimaverhandlungen gemachten Zusage nahe, die jährliche Rate der Waldzerstörung bis 2020 um 80 Prozent zu verringern.