ZEITmagazin: Herr Vogler, wie ist Ihre Liebe zum Cello entstanden?

Jan Vogler: Meine Eltern sind Musiker, mein älterer Bruder spielt Geige. Ich war als Kind klein und pummelig, und da hat man gesagt, der ist richtig fürs Cello. Ich habe sehr schnell eine große Liebe zu diesem Instrument entwickelt, und mit etwa acht Jahren war mir klar, dass ich das als Beruf machen möchte.

ZEITmagazin: Von Cellisten heißt es, sie seien melancholisch. Trifft das auch auf Sie zu?

Vogler: Ich fühle mich meistens glücklich und optimistisch, aber die große Stärke des Cellos liegt in seiner Bandbreite der Stimmungen, von Glückseligkeit bis hin zu Traurigkeit. Im Klang des Cellos ist oft eine Farbe an der Grenze zwischen Glück und Melancholie. Das hat mich immer gereizt, ich finde diese Welt sehr attraktiv.

ZEITmagazin: Die meisten Menschen meiden diese Seiten des Lebens. Sie suchen ihre Nähe?

Vogler: Ja, ich finde es schön, die ganze Breite der Stimmungen für den Beruf zu nutzen. In der Kunst erlaube ich mir abzudriften. Wenn es mir gelänge, die dunklen Seiten in der Kunst zu belassen, wäre ich sehr zufrieden.

ZEITmagazin: Sie sind in der DDR aufgewachsen. Wie sehr hat Sie das geprägt?

Alle Interviews aus der Serie des ZEITmagazins zum Nachlesen

Vogler: Ich komme aus einer behüteten, intellektuellen Familie, die gegen den Staat eingestellt war. Mein Vater konnte nicht Professor werden, wir hatten lange kein Telefon, dafür aber hatten meine Eltern eine tolle Bibliothek, wir waren als Teenager jeden Tag im Theater oder im Konzert. Wir wussten, mit der Politik muss man vorsichtig sein, wir haben sie ausgeblendet. Der Fokus auf die Musik und das intellektuelle Leben war für mich ein Glücksfall.

ZEITmagazin: Auch eine Art innerer Emigration?

Vogler: Absolut. Mein Vater, eine sehr starke Persönlichkeit, ist Cellolehrer. Er hat uns gesagt, wenn ihr Musiker werdet, könnt ihr in diesem System überleben. Ihr könnt reisen, ihr müsst nicht in die Partei eintreten, ihr seid in einer Welt zwischen den Welten. Er hat aber auch gesagt: Ihr müsst die Besten werden.

ZEITmagazin: Mit 20 Jahren wurden Sie dann Konzertmeister an der Staatsoper in Dresden.

Vogler: Das war das Beste, das man in der DDR als Musiker werden konnte. Ich stand plötzlich auf eigenen Füßen, hatte eine Einraumwohnung in Dresden-Gorbitz. Ich konnte mich in aller Ruhe der Musik widmen, alle Opern von Strauss, alle Symphonien von Beethoven einstudieren. Dann kam 1989, für mich das wichtigste Jahr in meinem Leben.

ZEITmagazin: Wie war das für Sie?

Vogler: In der zerbröckelnden DDR hatte ich als Solist auf einmal die Chance, in den Westen zu reisen, zu einem Festival von Rudolf Serkin nach Vermont. Dort war ich mit den größten Musikerkollegen zusammen. Ich war 23 Jahre alt, ein fantastischer Sommer. Plötzlich war ich in dieser wahnsinnig reichen Welt, auch musikalisch. Danach setzte ich beim Ministerium für Kultur durch, in der Schweiz für ein Jahr bei Heinrich Schiff studieren zu dürfen. Diese Erfahrungen haben mich stark verunsichert, ich kam in eine Krise. Ich war eigentlich eher ruiniert, als dass mir geholfen war.

ZEITmagazin: Ruiniert?

Vogler: Ja, ich merkte, dass es nur in meiner zusammengezimmerten Welt ausreichte, bestimmten Anforderungen zu genügen, dort, wo ich alles perfekt beherrschte. Durch die Begegnung mit der neuen Vielfalt und diesen Persönlichkeiten geriet alles ins Wanken. Auf einmal wusste ich nicht mehr, was richtig und falsch ist.

ZEITmagazin: Wie machte sich das bemerkbar?

Vogler: Ich stellte fest, dass mein eigentlich solides Selbstbewusstsein bröckelte. Mein Instinkt war weg. Ich war nicht mehr sicher, auch am Cello. In der traditionellen deutschen Celloschule hatte ich gelernt: Wenn du diese Note so spielst, dann ist es richtig und toll, wenn du sie anders spielst, ist es falsch, dann ist das ganze Stück ruiniert. Das war natürlich relativ einfach für einen jungen Musiker, ich musste nur meine ganze Kraft dieser Art des Partiturverständnisses widmen. Die Frage kam hinzu: Soll ich emigrieren, also im Westen bleiben? Meine Eltern hatten gesagt, das kannst du ruhig machen, wenn du das richtig findest.

ZEITmagazin: Ihre Eltern waren einverstanden?

Vogler: Absolut. Mir war natürlich klar, dass ich sie aller Voraussicht nach nie wiedersehen würde. Ich hatte dieses Mordsglück, dass die Wende genau in dem Moment passierte, wo es für mich wirklich gefährlich wurde. Es ist immer so: Ein Stückchen den Horizont erweitern reicht nicht – ganz oder gar nicht! Die Wende war meine Rettung, für mich und viele andere. Es hätte für mich keinen glücklicheren Zeitpunkt geben können. Ich konnte die neue Freiheit in Ruhe verdauen und für meine musikalischen und beruflichen Pläne nutzen.