Russland Ab nach Sibirien!

Ein Direktflug verbindet München mit Irkutsk. Aber was will man da? Bjørn Erik Sass sah herrliche Frauenbeine und hübsche Holzhäuser – aber richtig schön wurde es erst am Tag von "Germania kaputt". von Bjørn Erik Sass

Eine Händlerin auf dem Markt in Irkutsk

Eine Händlerin auf dem Markt in Irkutsk  |  © Denis Sinyakov/Reuters

An meinem zweiten Tag in Irkutsk feiert man den Jahrestag des Sieges über Nazi-Deutschland. Noch vor dem Frühstück brüllt mir jemand »Russki Germania kaputt nineteen forty-five« ins Ohr. Ich kann gar nicht sagen, wie sehr ich mich darüber freue. Das hat viel damit zu tun, wie mein erster Tag verlaufen ist. An dem sah ich jede Menge schöner Dinge: Holzhäuser mit handgeschnitzten Zierleisten, Kaufmannshäuser aus der Zeit der vorletzten Jahrhundertwende, Villen, Museen und Kirchen, herrliche Frauenbeine, den triumphierend emporgestreckten Arm von Lenin und einen Sonnenuntergang am Fluss Angara. Alles wirklich hübsch. Ich sah aber kein einziges Lächeln. Die Irkutsker sind Meister äußerster mimischer Reduktion. Und meine Unterhaltungen an diesem Tag gingen so: Der Taxifahrer vom Flughafen in die Stadt fragte mich, was meine Reisepläne seien. »Baikalsee?« Nein, ich werde drei Tage in der Stadt bleiben. »Transsibirische Eisenbahn?« Nein, ich will mir wirklich nur die Stadt ansehen, von der ich immerhin gelesen habe, man habe sie einst das Paris Sibiriens genannt. »Irkutsk, drei Tage?« Ja, welche Sehenswürdigkeit er denn empfehlen würde? »Baikalsee!« Ich hatte in einem Hostel reserviert. Hostel = lockere Atmosphäre bei hoher Gastfluktuation = extreme Sightseeing-Tipp-Dichte, hatte ich mir überlegt. Der Wirt sagte, er wäre gern behilflich, Tickets für die Transsibirische Eisenbahn zu kaufen oder einen Transfer zum Baikalsee zu finden, und er lächelte auch fast. Nein, danke, ich bleibe in der Stadt, was sollte man sich denn unbedingt ansehen? »Irkutsk, was willst du in Irkutsk, fahr zum Baikalsee. Oder mach einen geführten Stadtrundgang für vier Stunden. Dann hast du alles gesehen. Und dann fahr zum Baikalsee.«

Anreise

Yakutia (www.yakutia.aero/en) fliegt mittwochs und samstags ab München direkt nach Irkutsk (International Airport).

Einreise

Reiseagenturen übernehmen die Beantragung des Visums, zum Beispiel: Reiseservice Russland, Jägerstr. 67, 10117 Berlin, Tel. 030/20143518, www.reiseservice-russland.de

Unterkunft

Sayen International Hotel (Karl-Marx-Straße 13 B, Tel. 007-3952/500000, www.sayen.ru). Ab 6700 Rubel, circa 168 Euro; Angara (Sukhe- Batora-Straße 7, Tel. 007-3952/255105, www. angarahotel.ru), am Kirow-Platz, EZ ab 1900 Rubel, circa 48 Euro; Baikaler Hostel (Tel. 007-3952/ 336240, www.baikaler.com), Bett ab 600 Rubel, circa 15 Euro. Der Besitzer organisiert Stadtrundgänge, Fahrten zum Baikalsee und zur Olkhon-Insel

Dafür bin ich aber nicht hergekommen. Andere fliegen für ein verlängertes Wochenende, für Kultur, Shopping und feines Essen, nach New York. Ich bin, erklärte ich meinem Wirt, genauso weit nach Osten geflogen, um dasselbe in Irkutsk zu tun. Seit Ende April gibt es eine Direktflugverbindung von München hierher, mitten ins unendliche Sibirien. Irkutsk, vor 350 Jahren als Kosakenfort gegründet, ist Gebietshauptstadt und hat 580000 Einwohner. Da werde ich schon einiges erleben. Noch während ich sprach, begann mein Wirt zu telefonieren. Vielleicht fühlte er sich veräppelt.

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Frühling kann bedeuten: Vier Grad und kalter Wind vom Baikalsee

Ich brach auf, die viel gelobte Architektur der Stadt zu erkunden. Wurde müde und ging in ein Café. Drei wunder-wunderschöne Kellnerinnen hatten sich pittoresk um den Tresen drapiert. Schwarzes Haar, brünettes Haar, und eine trug Blond, eine Ampel der Sehnsüchte, aber leider schaltete sie für mich nicht auf Grün: »Einen Kaffee, bitte«, bestellte ich, und bei so viel Schönheit musste ich natürlich lächeln, aber es kam nichts zurück, kein Kaffee und keine Gesichtsmuskelregung. » Yes, coffee«, sagte die Schwarzhaarige, aber sie blieben alle drei regungslos stehen, bis ich ging.

Passanten in Irkutsk

Passanten in Irkutsk  |  © xJasonRogersx/flickr

Und so fühlte ich mich an diesem ersten Tag immer mehr, als wanderte ich unter einer Glasglocke nur für mich durch diese Stadt. An einem kleinen Platz hingen BMX-Radfahrer, Skater und ein Mädchen mit einer Gitarre herum. War das dann so etwas wie der Washington Square von Irkutsk, wo sich die hippe Jugend trifft? Ich nickte ihnen zu, sie schauten ausdruckslos durch mich hindurch in Richtung Wladiwostok, wo 2500 Kilometer entfernt gerade die Sonne unterging. Ein Skater fiel bei einem Ollie auf die Fresse, er jammerte, die ganze Clique ging wortlos davon, er schlich hinterher. Zurück im Hostel, konnte ich wenigstens den anderen Ausländern beim Telefonieren übers Internet zuhören. Alle sprachen sie über die Mongolei und über China, über die Züge und über den See, aber niemand erzählte, er habe sich Irkutsk angeschaut. Das Paris Sibiriens? Ist es vielleicht doch eher das sibirische Kassel? Alle fahren immer nur durch, niemand bleibt länger, als er unbedingt muss? Was mach ich hier bloß drei Tage lang? Wenn das so weitergeht, beruhigte ich mich zum Einschlafen, fahre ich einfach heimlich zu diesem See.

Und dann sehe ich, welchen Zauber der Krieg vollführen kann. Die Stadt ist am nächsten Morgen vollkommen ausgewechselt, die Menschen sind heiter und offen. Der zentrale Kirow-Platz ist für den Autoverkehr gesperrt worden. Im Park auf der Mitte des Platzes sind Verkaufsstände aufgebaut. Ich bekomme Fertigtütenkaffee. Die Verkäuferin reibt ihre Hände aneinander, um mir zu zeigen, dass mich das Getränk aufwärmen wird. Frühling in Irkutsk, das kann bedeuten: vier Grad und kalter Wind vom See herauf. Dann lacht sie. Einen Stand weiter gibt es Blini, Pfannkuchen mit Hack, Pilzen und saurer Sahne. Väter kaufen ihren Kindern Luftballons in Form von Kampfjets und Panzern.

Immer wieder lichtet sich das Gedränge, um Veteranen des Zweiten Weltkriegs durchzulassen, die mit ihren Stöcken zu den Tribünen an der Stirnseite des Platzes tattern. Bei jedem Schritt klimpern Orden auf Anzugjacken. Aus den Lautsprechern knallen wuchtige Reden und Lieder. Dann marschieren sie auf. Polizeieinheiten, Armeeeinheiten, Fraueneinheiten in hochhackigen, asphaltknallenden Pumps. Bei uns haben Uniformfrauen ja eine gewisse Neigung zum burschikosen Auftreten, zum Pferdeschwanz und zur Anzughose. Hier sehe ich über die Schultern wallende Blondmähnen und vereinzelt Strumpfhosen, die mit ihren neckischen Verzierungen nicht nach dienstlich gelieferter Ware aussehen.

Nachdem die letzte Uniform an den Tribünen vorbeigezogen und die letzte martialisch dröhnende Abschlussredensilbe verhallt ist, gibt es Applaus. Das war eine würdige Parade, außen zackig, dabei aber nicht ohne lässige Eleganz. Und dann habe ich Gregori am Hals. Ich bin Deutscher? »Russki Germania kaputt nineteen forty-five.« Den Satz höre ich noch oft, in vielen Variationen, aber fröhlich, nie gehässig. Gregori will seinen Kumpels zeigen, wie gut er Englisch kann, darum erklärt er mir, was um mich herum passiert. Nun gehen Leute, vor allem kleine Kinder, zu den Veteranen. Sie geben ihnen rote Nelken und bedanken sich für das Opfer des Kriegsdienstes. Die Alten freuen sich sichtlich darüber, auch wenn sie schon einen halben Strauß in der Hand halten. Einer der Veteranen spricht mich sogar an, Gregori übersetzt. Dass ich Deutscher bin, will der Alte an meinen Augen gesehen haben. Wie guckt man denn übrigens deutsch? Wie wir Deutschen den 9. Mai feiern, den Tag der Kapitulation vor dem sowjetischen Oberkommando, will er wissen. Leider ja genauso wenig wie den Tag der Kapitulation vor den Westalliierten, 24 Stunden früher, und das fühlt sich spätestens hier mal sehr falsch an. Der Großvater ist höflich genug, nicht weiter nachzuhaken.

Leserkommentare
  1. sehr schöner Artikel ich bedanke mich dafür.

    8 Leserempfehlungen
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    wurden nur erwähnt, weil Sie den Artikel sonst nicht gelesen hätten... Aber seien Sie versichert, die Frauen in Irkutsk haben wirklich Beine!

  2. die Frauenbeine ....?

    10 Leserempfehlungen
  3. Es ist immer wieder höchst interessant, bildend und einfach schön zu lesen, welche Vielfalt es auf dieser Welt und unter den Menschen gibt.

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  4. der mich "mit" auf die Reise genommen hat.
    Nur ein paar Fotos fehlen leider, die es noch besser untermalt hätten. Vielleicht hat Herr Sass diese Bilder irgendwo gepostet, evt. in einem Blog oder Ähnlichem?
    Wäre über einen Tip sehr dankbar, da ich demnächst eine Transsib-Reise machen möchte und sicherlich auch in Irkutsk lande!

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  5. Da merkt man, dass er auch wirklich da war.
    Auch die Kleinigkeiten sind sehr gut erkannt und wiedergegeben.

    Die drei Kaffee-Grazien! Super!

    Das Schnippen mit dem Zeige- und Mittelfinger an den Hals heisst so viel wie: "Lasst uns gemeinsam trinken!" Wodka natürlich.

    Sehr schön, danke.

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  6. solche Reiseberichte findet man eher selten. Wie schön, dass ich über diesen hier gestolpert bin.

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  7. reizt dorthin zu fliegen, irgendwie hatte es ja in der vergangenheit etwas geheimnisvolles, jetzt darf man

  8. Menschen die fesselnd berichten können. Danke.

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