ZEIT-UmfrageWissen, woran Sachsen glauben

Ob sie beten, was sie von Gott und der Kirche halten – und wie vielen Menschen im Freistaat der Sozialismus noch heilig ist: Erkenntnisse der großen ZEIT-Umfrage. von 

Das Ergebnis der ZEIT-Umfrage können Sie hier als PDF herunterladen

Franziska Opitz wird es nie langweilig mit Martin Luther. Ständig begegnet er ihr, auf der Arbeit, im Treppenhaus – und zwar immer wieder anders: Mal hat jemand Luther ein rotes Tuch übergeworfen, was so aussieht, als trüge er eine Burka. Mal hat ihn irgendwer mit dem Gesicht zur Wand gedreht. Zudem wechselt dieser heroisch blickende, 98 Zentimeter große Plastik-Luther oft seinen Standort, als könne er nicht anders. »Früher«, sagt Opitz, »habe ich geglaubt: Typisch an Kirchenmitgliedern ist, dass sie alle überaus ernste Menschen sind.«

Seit dem vorigen Herbst ist die 34-Jährige dabei, ihre Vorstellung von Christen zu reformieren. Damals bezog sie ein Büro in der Ostra-Allee, als eine von etwa hundert Leuten, die mitten in Dresden den fünftägigen Deutschen Evangelischen Kirchentag vorbereiten : seine Bibelkreise, Andachten und Debatten, all die kleinen und großen Spektakel für rund 120.000 Besucher, die kommende Woche erwartet werden. Das Haus in der Ostra-Allee, in dem sich junge Christen manchmal subtile Späße mit Luthers Plastik erlauben, ist ihr Hauptquartier.

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In Raum 131, Abteilung Thematisches Programm, sitzt Franziska Opitz neben einer Kollegin, die gerade »Fukushima macht«, ein Podium zur Atomdebatte organisiert. Sie selbst ist mit anderen Themen beschäftigt: Friedensethik, Spekulation mit Rohstoffen, Kirche gegen Neonazis. An die Wand hat die Soziologin einen Zeitungsartikel gehängt: Woran glauben Atheisten? Es ist eine ihrer Lebensfragen. Anders als ihre Eltern, die aus der Kirche austraten, ist Opitz nicht getauft. »Ich kann mir nicht vorstellen, wie es ist, an einen Gott zu glauben«, sagt sie. »Mir fehlt der emotionale Zugang.«

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Zwei von drei Sachsen geht es ähnlich, sie verneinen die Existenz Gottes oder die eines anderen »höheren Wesens«. Vor allem in 40 Jahren SED-Sozialismus, als die Zahl der Kirchenmitglieder in der DDR von 15 Millionen auf 5,5 Millionen sank, wurde das einstige protestantische Kernland zur säkularen Gegend. Wie im gesamten Osten sind hier die Kirchenmitglieder deutlich in der Minderheit: Etwa jeder fünfte Einwohner des Freistaats ist evangelisch, jeder fünfundzwanzigste katholisch – zusammen ergibt das eine Quote von 24 Prozent. In Rheinland-Pfalz, dem Bundesland mit dem höchsten Anteil an Christen, machen diese 76 Prozent der Bevölkerung aus. Es sind exakt die umgekehrten Verhältnisse.

Angesichts dieser Zahlen erscheint es gar nicht so abwegig, dass ein Kirchentag im Osten auch Atheisten wie Franziska Opitz einbezieht. Diese sieht ihre Arbeit auch als private Feldstudie, ob in Gesprächen oder beim Mittagessen, wenn ihr Gegenüber kurz den Kopf zum stillen Gebet senkt. »Die Ansichten über Gott sind hier sehr vielfältig«, sagt sie. »Noch nie habe ich einen dogmatischen Satz gehört. Jeder bastelt sich seine Religion selbst zusammen.«

Wie gottesfürchtig sind also die Sachsen? Woran glauben die Nichtchristen im Land? Für wie mächtig werden die Kirchen gehalten? Und wie sehr trägt Religion zum Lebensglück der Menschen bei? Exklusiv für die ZEIT hat das Institut für Marktforschung Leipzig 1000 repräsentativ ausgewählte Sachsen ab 18 Jahren befragt: vom Protestanten, Atheisten, Katholiken, Juden oder Aus-der-Kirche-Ausgetretenen bis zum Endzeitbotschafter und Buddhisten. Herausgekommen ist eine Reihe interessantester Glaubenserkenntnisse.

Leserkommentare
  1. "Treutmann, 48, stammt aus Niedersachsen. Dort sei der Glaube noch Teil des öffentlichen Lebens. »Im Osten ist er eher Privatsache.« Dem Geistlichen sind hier die Milchglasscheiben an einigen Gemeindehäusern aufgefallen. Viele noch aus Zeiten des SED-Atheismus, als es klüger war, wenig Einblicke zu gewähren. »Heute brauchen wir das Gegenteil«, sagt Treutmann, »offene Fenster und Türen, niedrige Schwellen.«"
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    Sachsen ist nach BW das religiöseste Bundesland, wie kürzlich von einer "Studie" befunden. Man kann es gut oder schlecht finden, dass in Dresden jetzt der Kirchentag statt findet, steuerlich subventioniert auch von vielen Nichtchristen. Man kann es gut oder schlecht finden, dass sowohl die katholische als auch die evangelische Kirche Ostdeutschland zu missionieren versucht. Aber eines sollte man nicht vergessen: eine privat gelebte Religiosität hat in Sachsen eine über die SED-Diktatur hinaus gehende protestantische Tradition. Vielleicht sollten gewisse Menschen den Mut aufbringen und einfach mal schweigen, anstatt hier einen christlichen Öffentlichkeitsaktionismus zu fordern!

    Warum sind es immer die Christen, die sich mit Atheismus oder Areligiosität nicht abfinden können? Warum findet keine islamische oder jüdische Mission statt? Solche scheinbar unpolitischen, aber zutiefst reaktionären "Studien" sind kaum zu ertragen, auch wenn sie aufgrund ihres intellektuellen Niveaus fast schon amüsant sind.

  2. "Dem Geistlichen sind hier die Milchglasscheiben an einigen Gemeindehäusern aufgefallen. Viele noch aus Zeiten des SED-Atheismus, als es klüger war, wenig Einblicke zu gewähren."

    Mein Sohn erwarb ein ehemaliges Gemeindehaus in der Nähe von Stuttgart. Alle Fenster Milchglasscheiben. Wollte man wissen, ob es regnet, musste man das Fenster öffnen.
    Vielleicht, Herr Schirmer, sollten Sie einmal auf die in einer gewissen Zeit üblichen Baustile schauen, als alles irgendwie auf den bösen Sozialismus zu schieben. Denn ich glaube im Stuttgarter Ländle existierte nie der Sozialismus.

  3. ... wie und ob die Menschen an Gott glauben? Sicher nicht. Wenn ich die hier vorgestellten Fragen beantworten sollte, käme wohl was sehr spaßiges raus. Ich wüsste ja nichtmal, ob ich mich als "Christ" bezeichnen sollte. Darüber schrieb ich mal einen Artikel. Klicken Sie hier!

  4. das man an soziale Marktwirtschaft, Kommunismus und Sozialimus glauben kann........sind das etwa auch Religionen? in der Studie werden sie mit dem christlichen Glauben in Zusammenhamg gebracht. So ein Schwachsinn!

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    Hallo gretel45,
    .
    für mich ist das ein alter Hut: der Sozialismus usw. mag vielleicht nicht als Religion geplant gewesen sein, aber das Verhältnis der Menschen dazu kann durchaus ein mit Religion vergleichbares sein. Dieser religiöse Aspekt ist von Land zu Land verschieden stark ausgeprägt.
    .
    Übrigens bitte ich Sie, auf Ausdrücke wie "Schwachsinn" im Zusammenhang mit Autoren der ZO-Community zu verzichten; es ist kein guter Diskussionsstil.

    • seschu
    • 27. Mai 2011 0:56 Uhr

    Das mag ja so sein das der Kommunismus solche Züge hatte, aber ob die "Anhänger" das auch so sehen und dann entsprechend antworten? Ich bezweifle es.

  5. Hallo gretel45,
    .
    für mich ist das ein alter Hut: der Sozialismus usw. mag vielleicht nicht als Religion geplant gewesen sein, aber das Verhältnis der Menschen dazu kann durchaus ein mit Religion vergleichbares sein. Dieser religiöse Aspekt ist von Land zu Land verschieden stark ausgeprägt.
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    Übrigens bitte ich Sie, auf Ausdrücke wie "Schwachsinn" im Zusammenhang mit Autoren der ZO-Community zu verzichten; es ist kein guter Diskussionsstil.

    Antwort auf "wußte nicht"
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    oder auch Gesellschaftsordnung, bei der die Produktionsmittel überwiegend in der Hand des Volkes sind und es auch keinen Mehrwert gibt welcher ein Zinseszinssystem bedient. Dies besagt aber auch noch nichts über die Staatsform, diese kann sowohl demokratisch oder diktatorisch sein, wie eben im Kapitalismus auch.
    Aber wenn es schon mal um Religionen geht, dann passt der Buddhismus am besten zum Sozialismus, habe mich lange damit beschäftigt. Der Sinn und die Ziele sind die gleichen.

    Und "Schwachsinn" kommt von einem schwachen Sinn und der Artikel war einfach nicht kompetent und da stehe ich auch dazu.

    Bitte argumentieren Sie sachlicher. Danke, die Redaktion/se.

  6. ("Dass der Islam zu Deutschland gehöre, dieser Aussage von Bundespräsident Christian Wulff (CDU) stimmt im Freistaat nur jeder Zehnte zu; deutschlandweit ist laut Umfragen die Zustimmungsrate mehr als doppelt so hoch. Derweil meinen ebenso viele Sachsen, 10Prozent, dass der Islam in Ostdeutschland eine große Rolle spiele – in einer Gegend, in der weniger als ein Prozent Muslime wohnen. Offenbar wird die Bedeutung des Islam für die Gegend zwischen Erzgebirge und Ostsee deutlich überschätzt.")

    Ist das denn überraschend, dass die Fragen beide zu 10 Prozent bejaht werden; worin unterscheiden sie sich denn genau? (Was für Deutschland insgesamt gilt, wird ja wohl auch im Osten Geltung haben.) Vor allem besteht der Unterschied wohl in der Interpretation des Antwortverhaltens, die hier ja auch durchklingt. Bei "Der I. gehört zu D." ist es politisch unkorrekt, die Bedeutung des Islams gering einzuschätzen; bei der Frage nach "Rolle" in Ost-D. ist es hingegen politisch unkorrekt, die Bedeutung zu hoch zu schätzen - ein Relikt der älteren Ansicht, dass es rechtsextrem sei, den Anteil Fremder zu hoch zu schätzen - was sich doch aber seit Einführung des Migrationshintergrunds in die Debatte ("zwanzig Prozent der Einwohner sind diskriminiert, her mit einer Quote") ins Gegenteil verkehrt hat.

  7. ("Sie wünschen sich vor allem größeren Einfluss auf das Alltagsleben (67 Prozent), aber auch auf die Politik im Freistaat (52 Prozent). Dabei geben doch seit der Wende in Sachsens Regierung und Parlament gerade die Christen den Ton an.")

    Was werden denn hier für Klischees gewälzt? "Die Christen" sind ja wohl nicht dasselbe wie die CDU. Und unter der eigenartig gereizten Formulierung "den Ton angeben" kann man sich auch sehr Unterschiedliches vorstellen. Eine totale Macht "der" Christen, die deswegen gefälligst wunschlos glücklich sein müssen, gibt es wohl eher nur in Fantasien ihrer Gegner.

  8. Bei uns in Regensburg haben 2010 über 1000 Menschen die großen christlichen Kirchen verlassen. Die meisten hatte man als Säuglinge einfach christlich gemacht, eine "Sünde" gegen das Selbstbestimmungsrecht.

    Wir haben eine wesentlich bessere Alternative, ein besseres Weltbild, es ist der Humanismus und die naturwissenschaftliche Weltanschauung.

    [...] Gekürzt wegen werblicher Elemente. Die Redaktion/km

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    Hallo Joachim Datko,
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    Zitat: "... ein besseres Weltbild, es ist der Humanismus und die naturwissenschaftliche Weltanschauung"
    .
    ich bin Naturwissenschaftler. Können Sie mir die Weltanschauung erklären, die Sie bei Leuten wie mir für die angemessene halten?
    .
    "Bei uns in Regensburg haben 2010 über 1000 Menschen die großen christlichen Kirchen verlassen. Die meisten hatte man als Säuglinge einfach christlich gemacht, eine "Sünde" gegen das Selbstbestimmungsrecht"
    Erziehen Atheisten ihre Kinder weltanschaulich neutral?
    .
    Ich hab früher mal eine Zeitlang in der UdSSR gelebt. Als die zusammenbrach, ließen sich alle möglichen Leute um mich herum taufen bzw. entdeckten ihr Judentum wieder.
    Man hatte die als Säuglinge einfach atheistisch gemacht.

    • Zuntz
    • 26. Mai 2011 22:52 Uhr

    Bei uns in Regensburg haben 2010 über 1000 Menschen die großen christlichen Kirchen verlassen. Die meisten hatte man als Säuglinge einfach christlich gemacht, eine "Sünde" gegen das Selbstbestimmungsrecht.
    -------------------------------------------
    gegen mich hat man auch diese "Sünde der Taufe" begangen.
    Es war eine Nottaufe im Kinderkrankenhaus und ich
    drei Monate alt.Ich sollte diese Nacht,nach allen vorherigen medizinischen Maßnahmen nicht überleben.
    8 Tage später,konnte mich meine Mutter mit nach Hause
    nehmen.Gesund und ohne Spätfolgen.
    Mich stört mein getauft sein nicht,auch wenn ich die
    gleichen Fragen und Zweifel habe wie viele andere auch.

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