Italien In der Peepshow des organisierten Verbrechens

Wie die sizilianische Mafia Vittorio Sgarbi, den Verrückten der italienischen Kulturpolitik, für ihre Zwecke eingespannt hat

S alemi. Ockergelber Tuffstein, 11000 Einwohner, die während der Mittagszeit weggeschlossen werden, wie es sich in Sizilien gehört. Das Museum der Mafia ist bis eins geöffnet, es ist kurz nach zwölf, aber die Kassiererin sagt: Tut mir leid, kommen Sie am Nachmittag wieder, die Kasse schließt jetzt. Erst will ich rebellieren, doch Empörung verfängt bei sizilianischen Frauen nicht. Ich kann nur auf Mitleid hoffen. Also Tränen, Verzweiflung. Widerwillig rückt sie eine Karte heraus.

Das Label des Mafiamuseums, ein Blutfleck, leuchtet dem Reisenden bereits am Flughafen von Palermo entgegen. Die größte Glanznummer von Salemi aber ist der Bürgermeister: Vittorio Sgarbi, der zur Treibmine der italienischen Kultur mutierte Kunstkritiker. Ein Hysteriker von hohen Gnaden; was er anfasst, zerfällt sofort. Weshalb Sgarbi vor allem Ex ist: Ex-Kulturstaatssekretär, Ex-Kulturdezernent von Mailand, Ex-Denkmalschützer von Venedig. Auch der diesjährige italienische Biennale-Pavillon wurde ihm anvertraut – und versank nach seiner Ernennung umgehend im Chaos.

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2008 wurde Sgarbi mit 60 Prozent der Stimmen zum Stadtoberhaupt von Salemi gewählt, eine Bühne, die der Egozentriker umgehend für sich nutzte: Er ernannte den ehemaligen Benetton-Fotografen Oliviero Toscani zum Kulturdezernenten, versprach, die Altstadt vor dem Verfall zu retten, indem finanzstarke Prominente für einen Euro Häuser in Salemi kaufen und renovieren sollten und ließ die fünf Buchstaben von »MAFIA« als Marke eintragen.

Nun ist Bürgermeister Sgarbi selbst in den Akten einer Mafiaermittlung aufgetaucht. Dem in Salemi ansässigen Politiker Giuseppe Giammarinaro wird vorgeworfen, als Schattenmann der Mafia die Fäden hinter Sgarbi gezogen zu haben, weshalb Güter des Verdächtigen im Wert von 35 Millionen Euro beschlagnahmt wurden. Giammarinaro habe auch Sgarbi als Bürgermeister ausgewählt, berichtete Toscani, der bald als Kulturdezernent zurücktrat: Der als mafios zu bezeichnende Kontext habe ihm nicht erlaubt, frei zu handeln, sagte der Fotograf den Ermittlern; von Anfang an habe Giammarinaro an den Gemeinderatssitzungen teilgenommen und die Entscheidungen getroffen. Nun sprechen die Ermittler von »mafioser Einflussnahme auf die gesamte Verwaltungstätigkeit der Gemeinde Salemi«. Sgarbi habe auf Geheiß des mafiosen Schattenmanns auch verhindert, dass der Antimafia-Organisation Libera ein Grundstück zur Verfügung gestellt wurde. Als die Zeitung Il Fatto davon berichtete, drohte Sgarbi in seiner Fernsehsendung auf Rai Uno Journalisten, Staatsanwälten und Ermittlern Rache an. Doch die Italiener ließ das kalt, inzwischen wurde Sgarbis TV-Show wegen zu geringer Quoten eingestellt.

Das Museum in Salemi zeigt die Mafia gleichberechtigt neben Pop-Art-Gemälden von Garibaldi, Altarbildern und archäologischen Gegenständen. Außerdem gibt es eine Peepshow: zehn Kabinen, bei deren Betreten ein Video über mafiose Praktiken abläuft, von Schutzgelderpressung bis hin zum Verhältnis der Kirche zum Organisierten Verbrechen. Eigentlich keine schlechte Idee. Plötzlich taucht im Dunkel ein Wächter auf, der mir die von Sgarbi verfasste Museumsbroschüre in die Hand drückt. Die Mafia als Organisation gebe es in Sizilien schon lange nicht mehr, lese ich da, das Wort »Museum« bezeichne ihr Ende.

Als ich den Wächter nach Sgarbis Mafiaverwicklungen frage, sagt er, der eigentliche Mafioso sei Toscani gewesen, der stets mit dem Motorrad bis zum Rathaus fuhr, obwohl das verboten sei. Dank Sgarbi hingegen wisse die Welt nun, wo Salemi liege. Und was den mafiosen Schattenmann betreffe: Das sei eben so in der sizilianischen Politik.

Dann ist Mittagspause. Endlich.

 
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