Am 1. April 1998 begann im deutschen Fernsehen etwas Neues: Das Reden über Fußball wurde bedeutsamer als der Fußball selbst. An jenem Abend sollte das Champions-League-Spiel zwischen Real Madrid und Borussia Dortmund im Bernabéu-Stadion von Madrid stattfinden. Vor dem Anpfiff brach ein Fußballtor in sich zusammen, und in ganz Madrid war kein Ersatztor aufzutreiben. Die Kommentatoren des Abends, Marcel Reif und Günther Jauch, begannen dennoch mit ihrem Spielbericht. Fußballfunktionäre kratzten sich am Kopf und sprachen in ihre Handys, das Tornetz wurde geflickt, das Feld füllte sich mit Schaulustigen und Eckenstehern. Und Jauch und Reif moderierten das nahezu dörfliche Leben, das sich auf dem Rasen des Bernabéu-Stadions entwickelte. Es war eine Sternstunde des Fernsehens. Leider wurde das Spiel dann doch noch angepfiffen. Es ist heute vergessen (angeblich hat Dortmund verloren); aber sein Vorspiel wird bleiben. Seit diesem magischen Abend ist das Spiel nur noch Vorwand für etwas Größeres, für den »Fußballabend«, für das Gespräch über Fußball.

Inzwischen beherrscht dieses Gespräch das Fernsehen, und es hat längst die Unschuld verloren, die es bei Jauch und Reif noch besaß. Womit wir bei Matthias Opdenhövel wären. Der Moderator Opdenhövel, der bislang im Privatfernsehen (auf Pro 7) Sendungen wie Schlag den Raab und die Wok-WM so eisenhart jovial, unbeirrt und im Herzen kühl wegmoderierte, dass man sich gedacht hat, der Opdenhövel wäre auch ein Mann für die Live-Berichterstattung von Armageddon, dieser Opdenhövel wechselt nun zur ARD und wird dort Moderator der Sportschau . Die letzte Bastion der sturen, öffentlich-rechtlichen Fußballberichterstattung ist damit gefallen.

Nun hat das öffentlich-rechtliche Fernsehen schon länger ein Auge auf Stars und Stilmittel des Privatfernsehens geworfen (man denke nur an den Eurovision Song Contest), aber bei Opdenhövel handelt es sich um eine Königspersonalie. Er verkörpert wie kein Zweiter jene Moderations-, ja man muss sagen: Lebenskunst, die von Köln aus mit dem Erblühen der Privatsender das ganze Land erobert hat. Was Opdenhövel so an- und wegmoderiert, tut niemals weh, ist immer schon verschmerzt, macht einen Superspaß, ist hammergeil und oberlecker. Opdenhövel ist der Wortführer und erste Verkoster am großen Kantinentisch des Lebens, genießerisch, aber unüberraschbar, und er versteht es, jedes Phänomen in die trockenen Tücher der Floskel zu wickeln.

Apropos lecker: Der Schriftsteller Max Goldt hat die seltsame Konjunktur dieses Wortes mit dem Aufstieg der Privatsender in Verbindung gebracht, und tatsächlich könnte man, wenn man in den gängigen Small Talk »reinhört«, von einer zwanghaften Gutlaunigkeit und Rheinlandisierung, einer wachsenden RTL-isierung und ProSieben-haftigkeit der deutschen Gesprächskultur sprechen. Knapp, einvernehmlich, auf kleinste Pointe genäht, parliert man vor sich hin: Geht’s gut? Muss ja, mach’s besser, man sieht sich, Hammer!

Matthias Opdenhövel verkostet also künftig den Bundesligafußball. Freun wir uns. Wird super!