Meist vollziehen sich Revolutionen unerwartet und sprunghaft. In kürzester Zeit verschwindet dann, was für die Ewigkeit gemacht schien. Solch einen Umbruch durchlebten offenbar in den vergangenen zwei Jahren auch die deutschen Ärzte. Zuvor hatte unter ihnen offiziell ein Dogma gegolten: Selbst wenn ein sterbenskranker Patient mit unstillbaren Schmerzen den Tod herbeisehnte, selbst wenn das Hinauszögern des Todes nur das Leiden verlängerte – ein Arzt unterstützte seinen Patienten nicht bei der Selbsttötung. Er begleitete ihn allenfalls im Sterben.

Doch dieses eherne Gesetz weichte zusehends auf. Unter dem Druck der Öffentlichkeit und der Rechtsprechung schien plötzlich das Undenkbare denkbar. Begonnen hatte es im Jahr 2009 mit dem neuen Gesetz zur Patientenverfügung , das die Selbstbestimmung Kranker am Lebensende stärkt. Dann gaben in zwei Umfragen überraschenderweise 30 Prozent der Ärzte an, sie könnten sich vorstellen, einem unheilbar Kranken tödliche Medikamente bereitzustellen. Und im Juni vergangenen Jahres sprach der Bundesgerichtshof den Arzt und Anwalt Wolfgang Putz frei . Der hatte einer Frau empfohlen, die Magensonde ihrer todkranken, leidenden Mutter zu durchtrennen. Die Tochter folgte seinem Rat, ihre Mutter starb.

Eine Behandlung abzubrechen, argumentierte damals das Gericht, sei gerechtfertigt, wenn das dem Patientenwillen entspreche. Ein klarer Beleg dafür, dass sich das Denken in Sachen Sterbehilfe gerade grundlegend veränderte. Als Bekräftigung wurde interpretiert, was Bundesärztekammerpräsident Jörg-Dietrich Hoppe im vergangenen Jahr öffentlich über die Grauzone im eigenen Standesrecht sagte: »Wenn ein Arzt es ethisch mit sich vereinbaren kann, beim Suizid zu helfen, dann kann er das auch unter heutigen Bedingungen schon tun.«

Doch nun das. Konterrevolution. Auf dem 114. Ärztetag in Kiel steht eine Neuordnung des Standesrechts auf der Tagesordnung. Diese Musterberufsordnung gibt vor, wie ein Arzt seinen Beruf auszuüben hat. Die Normen reichen von der Schweige- bis zur Aufklärungspflicht. Im Paragrafen 16 (»Beistand für Sterbende«) soll fortan jede Möglichkeit zur Begleitung im Suizid ausgeschlossen sein. Nehmen die Delegierten die Änderung an – und das ist sehr wahrscheinlich –, bedeutet dies das Ende aller Interpretationsspielräume. Fortan dürfte kaum ein Mediziner mehr bereit sein, einem Todkranken bei seinem Sterbenswunsch zu helfen. Tut er es doch, riskiert er ein Verfahren und den Verlust der Approbation.

Befürwortet aber die Gesellschaft, dass die Mediziner auf ihrem Ärztetag das Rad zurückdrehen? Dies darf man zumindest bezweifeln, schließlich war es die von weiten Teilen der Bevölkerung akzeptierte Stärkung des Selbstbestimmungsrechts von Patienten, die 2009 als Initialzündung für die Lockerung wirkte. »Die Geräte abschalten«, eine »Erlösung« für leidende Patienten – diese Redewendungen existierten in der Öffentlichkeit ja schon lange. Bloß hatten Ärzte zuvor den Wunsch eines Sterbenden meist ignoriert. Das neue Gesetz aber zwingt nun Mediziner, den erklärten Willen eines sterbenden Patienten zu respektieren.

Diesem gestärkten Selbstbestimmungsrecht soll nun auch die Berufsordnung Rechnung tragen. »Ärztinnen und Ärzte haben Sterbenden unter Achtung ihres Willens beizustehen«, heißt es deshalb im neu formulierten Paragrafen 16. Aber diesem Satz folgt unmissverständlich ein zweiter: »Es ist ihnen verboten, Patienten auf deren Verlangen zu töten. Sie dürfen keine Hilfe zur Selbsttötung leisten.« In der bestehenden, alten Fassung heißt es lediglich: »Ärztinnen und Ärzte dürfen das Leben der oder des Sterbenden nicht aktiv verkürzen.« Genau diese Formulierung ließ bisher Spielraum für Interpretationen. Sogar die Unterstützung beim Suizid lag unter bestimmten Bedingungen im Ermessen des Arztes.

Damit soll nun offenbar Schluss sein. Die Schärfe und Eindeutigkeit der Neuformulierung ist überraschend. Noch im Februar hatte es in den ebenfalls neuen »Grundsätzen zur ärztlichen Sterbebegleitung« lediglich geheißen, dass die Begleitung eines Suizids »keine ärztliche Aufgabe« sei. Viele fassten dies als eine weitere Öffnung in Richtung des ärztlich assistierten Suizids auf. »Da haben manche hoffnungsvoll gedacht: Ich gehe als Arzt aus dem Zimmer und komme als Freund wieder rein«, sagt Frank Ulrich Montgomery, Vizepräsident der Bundesärztekammer. Doch dafür ist Montgomery nicht zu haben: »Das läuft nicht. Arzt ist Arzt.«

Er hält die Perestrojka in der Suizidhilfe für ein bedauerliches Missverständnis: »Vielleicht waren die Formulierungen zu unbestimmt, um von Kollegen richtig verstanden zu werden.« Mit der neuen Berufsordnung will Montgomery Klarheit schaffen. Unter keinen Umständen darf ein Arzt tödliche Medikamente bereitstellen. »Auch wir wollen das Recht auf Patientenautonomie stärken«, sagt er, »der Mensch hat ein Recht, sich umzubringen; das ist, im Gegensatz zu Großbritannien, in Deutschland nicht strafbar. Aber er hat kein Recht auf ärztliche Hilfe beim Freitod.«

Diese schroffe Abgrenzung vom gesellschaftlichen Wunsch ist das Ergebnis langer interner Diskussionen. Ein Jahr lang hat der medizinisch-juristische Grundsatzausschuss der Bundesärztekammer über den Neuregelungen gebrütet. Das zentrale Argument des Gremiums für eine strikte Ablehnung des ärztlich assistierten Suizids war, dass es seiner Ansicht nach keine Notwendigkeit dafür gebe: Die Leiden von Todkranken, so lautet die Begründung, ließen sich mit Palliativmedizin gut lindern, also mit Symptombehandlung für Unheilbare. Wer sich dennoch selbst töten wolle, könne dies ja selbst tun. Übrig bleibe da nur eine kleine Gruppe, die dazu nicht mehr in der Lage sei. Würde aber in diesen Fällen ein Arzt helfen, erklärt Frank Ulrich Montgomery, ginge die Tatherrschaft auf ihn über. »Das ist dann Tötung auf Verlangen – und die ist nach wie vor verboten!«