Syriens Staatschef Baschar al-Assad (rechts) gibt Muammar al-Gadhafi die Hand (Archivbild vom 29.3.2008) © Hassan Ammar/AFP/Getty Images

Hat die Revolution in Syrien eine Chance?

Bislang gibt es keine Anzeichen, dass die Proteste nachlassen – obwohl jeder, der auf die Straße geht, seine Verhaftung riskiert oder sogar den Tod. Nach Zählungen von Menschenrechtsaktivisten gab es allein am Freitag der vergangenen Woche mindestens 80 Tote . Doch weder die massive Gewalt noch die Welle von Verhaftungen, bei der mittlerweile mehr als 10.000 Personen festgenommen worden sein sollen, scheinen abzuschrecken. Von außen mag es aussehen, als ob sich nichts bewegt, weil die symbolischen Bilder fehlen, die es aus Tunis oder Kairo gab, die Liveübertragungen von Menschenmassen auf den zentralen Plätzen des Landes oder Interviews mit Aktivisten. Für die Demonstranten aber ist jedes Dorf, jeder Vorort, der sich den Protesten anschließt, wichtig.

Ein Problem ist, dass es keine bekannten Gesichter gibt, die im Namen der Revolution sprechen, keine politischen Führungsfiguren, die als Alternative zu Präsident Baschar al-Assad wahrgenommen werden. Schließlich wurde in den vergangenen Jahren jede politische Opposition hart verfolgt, wurden Intellektuelle, Anwälte, Schriftsteller, Journalisten weggesperrt. Die Aktivisten wissen durchaus, wie wichtig es ist, über Straßenproteste und YouTube-Videos hinaus an politischen Strategien und einem klaren Forderungskatalog zu arbeiten. Bisher sind sich die verschiedenen Gruppen nicht einmal einig, ob es noch einen von Assad mitgestalteten Übergang geben kann oder ob sein Abgang die erste Bedingung für jeden Neuanfang ist. Selbst wenn Assad morgen seinen Rücktritt erklären sollte, wären da immer noch die mächtigen Geheimdienste, das Militär und eine undurchschaubare Bürokratie. Wann hätte die Revolution gesiegt? Wenn Assad geht? Wenn er, sein Bruder Maher, Chef der Republikanischen Garde, und sein Cousin Rami Makhlouf, der die syrische Wirtschaft dominiert, abtreten? Wenn Artikel 8 der syrischen Verfassung abgeschafft ist, der der Baath-Partei die Vormachtstellung garantiert? Ein einfaches Zurück zur Zeit vor der Rebellion aber, das kann man wohl heute schon mit Zuversicht sagen, wird es nicht geben.

Wie kommt man an verlässliche Informationen aus dem abgeriegelten Land?

Da Syrien fast keine ausländischen Journalisten ins Land lässt, ist es sehr schwierig, sich ein vollständiges Bild aus unabhängigen Quellen zu machen. Die syrischen Medien verbreiten vor allem Regierungspropaganda. Zunehmend versucht das Regime auch, Soziale Netzwerke wie Facebook zu unterwandern, indem es Verhaftete zwingt, ihr Passwort preiszugeben, und deren Accounts dann mit Pro-Regime-Propaganda flutet. Eine Spezialeinheit des Geheimdienstes scheint darauf spezialisiert zu sein, den Nachrichtendienst Twitter lahmzulegen, indem sie die Nachrichten über Syrien mit belanglosen Landschaftsaufnahmen bombardiert.

Die wichtigste Informationsquelle sind derzeit citizen journalists, Bürger, die zu Journalisten werden und mit ihrem Handy filmen, wie das Militär gegen die Protestierenden vorgeht, wie Menschen verprügelt und verhaftet, wie Verletzte oder Tote geborgen werden. Ein Netzwerk von Aktivisten sammelt diese Informationen, verifiziert sie, so gut es geht, und leitet sie dann mit Hintergrundinformationen an Medien weiter. Natürlich haben diese Aktivisten eine Agenda.

Immerhin sorgt die schiere Menge von Fotos und Videoaufnahmen sorgt für einen gewissen Schutz vor Fälschung. Ein einzelnes Video von einer Demonstration, bei der Sicherheitskräfte auf unbewaffnete Demonstranten schießen, mag noch gefälscht sein – aber Hunderte? Dem Netz und vor allem den Sozialen Netzwerken wohnt bei aller Unkontrollierbarkeit eine gewisse Selbstkontrolle inne. Je mehr Menschen ein Video sehen, das zum Beispiel über Facebook oder Twitter verlinkt wird, umso größer die Wahrscheinlichkeit, dass eine Fälschung auch als solche entlarvt wird. So wie unlängst bei einem Video, das angeblich in Syrien agierende Hisbollah-Milizionäre zeigte. Es kursierte im Netz, bis schließlich ein User feststellte, dass er dieses Video bereits 2008 gesehen hatte, es also mit den aktuellen Unruhen nichts zu tun haben konnte.