Diktator Rafael Trujillo : Fluch der Karibik

Im Mai 1961 wurde einer der brutalsten Diktatoren des 20. Jahrhunderts ermordet: Rafael Trujillo, der Tyrann der Dominikanischen Republik.
Trujillo Molina in den 1950er Jahren auf einem Empfang © Three Lions/Getty Images

Minou Tavárez Mirabal ist eine ebenso charmante wie selbstbewusste Frau. Eine Unsicherheit allerdings hat die Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im dominikanischen Parlament ihr Leben lang begleitet. »Ich werde nie erfahren«, sagt sie, »ob ich eigene Erinnerungen an meine Mutter habe oder ob diese verschwommenen Bilder nur aus dem Strom der Erzählungen stammen.«

Vier Jahre war Minou alt, als Soldaten am 26.November 1960 die drei Särge in die Finca der Familie brachten. Darin lagen ihre 34-jährige Mutter Minerva und deren Schwestern Patria (36) und Maria Teresa (25). La Nación, das Sprachrohr des Diktators Rafael Leonidas Trujillo, titelte: »Drei Mütter und ein Chauffeur bei tragischem Autounfall ums Leben gekommen!« Das war der übliche Stil, in dem der Tyrann seine Morde vertuschte. Trotz strikten Verbots öffneten die Angehörigen heimlich die Särge. Den drei Frauen waren die Schädel eingeschlagen worden, Würgemale hatten ihre Hälse verfärbt.

Die heute 55-jährige Minou hat viel von ihrer Mutter ererbt. Das tiefschwarze Haar, die dunklen Augen, den seidenen Teint, der ihr Alter Lügen zu strafen scheint, das Temperament, die Eloquenz. Ihre Mutter Minerva war die stärkste und strebsamste der Schwestern gewesen. Als eine der ersten Frauen in der Dominikanischen Republik erwarb sie 1957 den Doktor der Jurisprudenz. Für die Oppositionsbewegung »14. Juni«, die ihr Exkommilitone und Ehemann Manuel Tavárez Justo anführte, stellte die charismatische Rednerin Verbindungen zu kirchlichen und intellektuellen Kreisen her. Die schönen Schwestern Mirabal hatten den Decknamen Mariposa (Schmetterling). Er half ihnen nicht mehr, als die Bewegung im Januar 1960 aufflog. Hunderte junger Dissidenten landeten in den Gefängnissen und Folterkammern des Terrorregimes. Auch die Mirabals und ihre Männer.

Doch die Schwestern kamen wieder frei und durften überraschend ihre eingesperrten Gatten im damals abgelegenen Puerto Plata besuchen, das heute ein Urlaubsparadies für sonnenhungrige Europäer ist. Auf der Rückfahrt wurden die Frauen von Trujillos Schergen abgefangen, gefesselt und in einem Zuckerrohrfeld mit Knüppeln erschlagen. Den Landrover mit den Toten stießen die Mörder einen Steilhang hinab. »Todo perfecto«, meldete der Anführer seinen Auftraggebern, »sie segelten wie Puppen durch die Luft.«

»Er ist ein Hurensohn, aber er ist unser Hurensohn!«

Als die Schwestern am 26. November 1960 in ihrem Heimatort Salcedo zu Grabe getragen wurden, verblieben Rafael Trujillo noch sechs Monate. Der Tod der »Schmetterlinge« gab den letzten Anstoß zu einem Tyrannenmord, dessen Dramaturgie viele Kriminalfilme übertraf – und der von Trujillos Familie mit barbarischer Brutalität gerächt wurde. Am Abend des 30. Mai 1961, gegen 22 Uhr, erwischten sieben Verschwörer den Generalissimo auf der Fahrt in seinen Heimatort San Cristóbal; selbstherrlich wie immer war er dorthin ohne Leibwache unterwegs. Sie schossen von ihrem Auto aus auf den hellblauen Chevrolet Belair, Trujillos Fahrer gelang es nicht mehr, zu wenden. Der Diktator, schon getroffen, taumelte aus dem Wagen und versuchte, in der Dunkelheit zurückzuschießen. Dann brach er zusammen und blieb regungslos liegen. Die Attentäter überzeugten sich: Sie hatten es geschafft, das Ungeheuer war tot.

Danach aber ging alles schief. Die Verschwörer irrten mit der Leiche Trujillos im Kofferraum hilflos durch die nächtliche Hauptstadt. Denn der Chef der Streitkräfte, der den toten Diktator erst sehen wollte, um dann mit einem Putsch die Macht zu übernehmen, hatte den Mut verloren und den vereinbarten Treffpunkt verlassen. Lateinamerikas grausamster Tyrann war zwar erledigt – das Regime aber hielt sich, und das Land, das zu den ersten Teilen der »Neuen Welt« gehörte, die Christoph Kolumbus 1492 von Europa aus erreicht hatte, blieb weiter dem Terror ausgeliefert.

Brigadegeneral Trujillo war 39 Jahre alt und Chef der Armee, als er 1930 die Macht in der Dominikanischen Republik ergriff. Er verbot alle Parteien und verwandelte das rückständige Land mit mörderischer Fantasie in seine eigene staatskapitalistische Pfründe. Der »Wohltäter«, wie er sich seit 1932 nennen ließ, staffierte sich zum Weltstaatsmann aus – und handelte wie ein Gangsterboss aus Chicago. Wen er als bedrohlich empfand, ließ er beseitigen. Seinen Opfern richtete er bombastische Begräbnisse aus, spendete die größten Kränze und diktierte die Trauerreden.

Anzeige

Stellenangebote in Wissenschaft & Lehre

Entdecken Sie Jobs mit Perspektive im ZEIT Stellenmarkt.

Job finden

Kommentare

11 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

na ja

"Trujillo war ein Meister des internationalen Terrorismus, darin heute Gadhafi vergleichbar"

dafür lieber autor gibt es eine fünf.

aber ein gutes beispiel, wie man leser emotional verhaftet, um dieses bild dann hintenrum als unterstellung auf einen anderen, hier gaddafi zu projizieren.

das ist jetzt kein pro gaddafi kommentar von mir.
es ist nur ein methodischer hinweis, wie man gedanken führt.

Parabel auf die US-amerikanische Außenpolitik

Der Artikel erscheint heute als eine Parabel auf die US-amerikanische Außenpolitik in der Zeit nach dem II. Weltkrieg: solange ein Tyrann nützlich war und für die USA die Drecksarbeit machte, wurde er hofiert.

Wurde er dann zum Problem für die USA, lieferte die CIA die Waffen, um ihn um die Ecke zu bringen. Auch diese Arbeit lies man andere machen - bis zum Fall Osama bin Laden.

Hinterhof

Der Artikel hat mich zutiefst bestürzt. Er macht einmal mehr deutlich wie dünn der zivilisatorische Lack ist, und welch Barbarei darunter lauert. Ein demokratischer Rechtsstaat ist auch heute noch keine Selbstverständlichkeit. Nicht in Lateinamerika und nicht bei uns. Bei allen Differenzen in politischen Fragen, müssen wir bereit sein diesen Staat zu verteidigen.
Und zur Politik der USA. Die aufstrebende Macht des 20. Jahrhunderts war eben doch keine Macht neuerer Art, die sich auf moralische Grundsätze berufen konnte, so wie wir dies im Europa der Nachkriegszeit (gerne) glauben wollte. Sie war eher noch dem alten imperialistischen Denken verhaftet, welches auch die Politik der alten europäischen Mächte auszeichnet. Entsprechend war die Politik im despektierlich "Hinterhof" genannten Lateinamerika. Es war die Politik gegenüber den Philippinen, gegenüber Indochina, und auch heute gegenüber den arabischen Staaten. Dieses Verhalten ist tief verwurzelt in der Mechanik von Großmächten. Macht und Einfluss bedeutet fast alles. Ob das sich jemals ändern wird?