Nicht zuletzt die Tatsache, dass es für die Sache einen amtlichen Namen gibt, führt die Gedanken in Versuchung. Venusfallen. So heißen im Sprachgebrauch der Geheimdienste, und zwar nicht erst seit Mata Hari, solche Damen, die geschickt werden, um mächtige Männer erotisch zu ködern. Der KGB nannte seine Sexagentinnen »Schwalben«. In chinesischen Hotellobbys, warnen westliche Regierungen, sollen ihre Methoden derzeit besonders viele Nachahmerinnen finden. Und einer Facebook-Schönheit mit Namen Reut Zukerman gingen vergangenes Jahr angeblich gleich 200 israelische Soldaten auf den Leim, die der interessierten jungen Dame massenhaft Details über Arbeitszeiten, Truppenstärken und Einsätze anvertrauten – ohne zu ahnen, dass hinter dem lasziven Profilfoto aller Wahrscheinlichkeit nach die Hisbollah chattete.

So viel wäre also bewiesen über das Kräfteverhältnis zwischen Libido und Obacht. Wenn es nun um einen der mächtigsten Männer der Finanzwelt geht, der auch noch französischer Präsident werden wollte, dann, ja, verlangt es nicht geradezu die kritische Vernunft zu fragen, wer sie geschickt haben könnte, diese 32-jährige Hotelangestellte in New York, die behauptet, der IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn habe sie vergewaltigt ?

Die Mehrheit der Franzosen sieht es tatsächlich so. Auf die Frage des Meinungsforschungsinstituts CSA, ob sie glauben, dass Strauss-Kahn das Opfer einer Verschwörung sei, antworteten 22 Prozent »Ja, sicher«. 35 Prozent sagten: »Ja, das mag sein.« Von den Anhängern der sozialistischen Partei, für die DSK im nächsten Jahr als Herausforderer von Nicolas Sarkozy antreten sollte, glauben gar 70 Prozent an ein Komplott.

Ein Fernsehinterview fachte in der vergangenen Woche die Spekulationen um eine Kollusion dunkler Mächte in der Suite 2805/2806 des Sofitel Manhattan weiter an. Claude Bartolone, Abgeordneter der Sozialisten, berichtete, Strauss-Kahn habe ihm während eines Treffens am 29. April in Paris gesagt: »Ich habe den Eindruck, dass im Augenblick die Russen, vor allem Putin, die Verbündeten von Frankreich (gemeint war Sarkozy, Anm. d. Red.) sind, um zu versuchen, mich vom IWF abzusägen, bevor ich in der Lage bin, mich (als Präsidentschaftskandidat der Sozialisten, Anm. d. Red.) bereit zu erklären.« Gar nicht abwegig, diese Motivkette, oder? Russland kann als Teilhaber der IWF-Reserven wenig Interesse daran haben, dass Strauss-Kahn Griechenland und anderen Euro-Ländern immer mehr vom Gemeinschaftsgeld hinterherwirft. Sarkozy hingegen hätte ein starkes Interesse daran, einen Konkurrenten loszuwerden , den laut einer Umfrage vom Februar 61 Prozent der Franzosen lieber im Präsidentenamt sähen als ihn.

Und schließlich, wissen wir nicht von Geheimdiensten, wie niedrig ihre Hemmschwelle für Drecksarbeit liegt? Die einen schicken Geschäftsleute mit Polonium (im Falle der Vergiftung des Kreml-Kritikers Alexander Litwinenko 2006), die anderen Kampftaucher mit Haftminen (im Fall der Versenkung des Greenpeace-Schiffes Rainbow Warrior 1985).

Allein an den Maßstäben innerer Logik gemessen, wäre allerdings, Achtung, auch die These kaum angreifbar, dass Strauss-Kahn ein Außerirdischer ist, der in dem New Yorker Zimmermädchen unerwartet auf eine Vertreterin eines verfeindeten Planeten traf. Dass es in der Folge zu erregten Körperlichkeiten kam, könnte man nachvollziehbar finden.

So ist es mit Verschwörungstheorien : Sie blühen immer dann besonders farbig, wenn die naheliegende Erklärung entweder zu profan erscheint oder sie eine lieb gewordene Weltsicht bedroht. Die Neigung der Franzosen, andere Kräfte am Werk zu sehen als Strauss-Kahns Sexualtrieb allein, mag ein Versuch sein, den Schock zu verdauen, den der jähe Fall des linken Hoffnungsträgers im Land ausgelöst hat. Wie jede Verschwörungstheorie gewinnt auch »Kahngate« an Stärke durch ein eingebautes Immunsystem. Du glaubst nicht an eine Falle? wird Skeptikern entgegnet, dann gehörst du wohl zu denen. Zu den Sarkozysten! Russen! Oder eben jenen, die helfen, die Existenz Außerirdischer zu verschleiern. Dergleichen ist schwierig abzustreiten, denn negative Tatsachen lassen sich nicht beweisen. Das gilt für das Monster von Loch Ness genauso wie für Massenvernichtungswaffen im Irak. Dass es beide nicht gibt, wird sich nie und nimmer mit Gewissheit sagen lassen. Vielleicht muss man nur ordentlich weitersuchen?