Bunte Strahler kreisen an der Decke, an den Wänden drehen sich rostige Metallräder um die eigene Achse, angestrahlt in Blau, Grün und Gelb. Und vorne, wo die leere Bühne war, hat ein Musiker mit Rastalocken seine Bongotrommel aufgebaut. Draußen bricht die Dunkelheit über Prag herein, drinnen verwandeln sich drei entkernte Etagen eines Wohnhauses in eine Insel inmitten der Hauptstadt.

Der Cross-Club ist ein kleiner Kosmos, der allabendlich zum Leben erwacht. Eine Gewölbedecke spannt sich über die Räume, die über enge Flure miteinander verbunden sind, hier eine Bar, dort eine Tanzfläche, dahinten der Ruheraum, in dem sich die Gäste auf Sitzbänken ausgemusterter Autobusse lümmeln. Das Licht ist schummrig, und auf der Treppe ins Obergeschoss verschmilzt der Klang der Trommel mit dem Reggae, den ein DJ im Stockwerk darüber aufgelegt hat.

Der süßliche Duft von Marihuana schwebt über der Szene. »Die Musikkultur ist mit Drogen eng verbunden, das war schon immer so«, sagt Tomas Zdenek, den alle Lorenzo nennen. Der Clubchef trägt einen Vollbart, die dunklen Locken hat er kunstvoll um seinen Kopf drapiert. »Viele Musiker sind erst dank der Drogen dahin gekommen, wo sie sind. Manche von denen, die hier auftreten, rauchen Marihuana. Und die Zuschauer natürlich auch.«

Im Cross-Club gelten die gleichen ungeschriebenen Regeln wie in anderen Prager Bars und Discos: Wer Drogen verkaufen will, fliegt raus, Kiffen wird toleriert. Die tschechischen Gesetze erlauben das. Seit 2010 gilt: Wer bis zu 15 Gramm Marihuana, ein Gramm Kokain oder 1,5 Gramm Heroin dabeihat, begeht eine Ordnungswidrigkeit. Strafrechtlich belangt werden kann er nicht. In den meisten europäischen Ländern geht es wesentlich strenger zu.

Prag, das Amsterdam des Ostens – manche nennen ihre Stadt selbstbewusst so. »Wir haben zu Amsterdam und Marseille aufgeschlossen «, sagt ein Musikmanager mit langen Zöpfen. Mit Lorenzo arbeitet er seit Langem zusammen, organisiert Konzerte und Festivals, sein Spezialgebiet: Reggae. Viele seiner Bands treten auch im Cross-Club auf. »Wir haben in Prag inzwischen Reggae-Musiker, die in der Weltspitze mitspielen«, sagt er. Die alternative Musikszene sei in den vergangenen Jahren aufgeblüht; der liberale Umgang mit Drogen schaffe das richtige Klima. Und vor allem ziehe er das richtige Publikum an. In Tschechien treffen sich viele ausländische Cannabis-Raucher. Im Cross-Club machen sie ein Drittel der Gäste aus, schätzt Lorenzo. »Sie freuen sich, dass sie auf offener Straße oder in Kneipen und Clubs ihren Joint rauchen können. Zu Hause müssen sie sich verstecken, aus Angst davor, für ein paar Gramm Marihuana die Nacht bei der Polizei zu verbringen.«

Amsterdam des Ostens? »So’n Blödsinn«, brummt Jakub Frydrych. Er ist ein kantiger Mann mit kurzen Haaren und Chef des Sonderkommandos der Polizei im Kampf gegen Drogen. Seine Mannschaft hat ihre Zentrale in einer Gründerzeitvilla in einem feinen Prager Vorort. An der Pforte nur eine Klingel ohne Namen, an den Ecken des Grundstücks Kameras und Nachtsichtgeräte. »Der Markt hat einen kommerziellen Charakter bekommen«, sagt Frydrych. »Nach der Wende gab es einen beinahe romantischen Anfang mit einer Subkultur von Kleinzüchtern, das war mehr so auf einer philosophisch-geistigen Ebene. Aber heute sind kriminelle Banden aktiv.«

Frydrych interessiert sich für die großen Fische. Marihuana in Blumentöpfen auf der Fensterbank ärgert ihn, doch mit seiner 180-köpfigen Truppe führt er den Kampf gegen organisierte Banden, gegen Heroin, Kokain und Pervitin, eine tschechische Designerdroge. Das Zentrum der Drogenkriminalität ist Prag.