Drogen-TourismusAuf einen Joint nach Prag

Kaum irgendwo in Europa sind die Drogengesetze so liberal wie in Tschechien. Das hat Gründe – und Folgen. von Kilian Kirchgessner

Ein junger Mann bei einer Demonstration in Prag, in der die Legalisierung von Cannabis gefordert wurde (Archivbild).

Ein junger Mann bei einer Demonstration in Prag, in der die Legalisierung von Cannabis gefordert wurde (Archivbild).  |  © Michal Cizek/AFP/Getty Images

Bunte Strahler kreisen an der Decke, an den Wänden drehen sich rostige Metallräder um die eigene Achse, angestrahlt in Blau, Grün und Gelb. Und vorne, wo die leere Bühne war, hat ein Musiker mit Rastalocken seine Bongotrommel aufgebaut. Draußen bricht die Dunkelheit über Prag herein, drinnen verwandeln sich drei entkernte Etagen eines Wohnhauses in eine Insel inmitten der Hauptstadt.

Der Cross-Club ist ein kleiner Kosmos, der allabendlich zum Leben erwacht. Eine Gewölbedecke spannt sich über die Räume, die über enge Flure miteinander verbunden sind, hier eine Bar, dort eine Tanzfläche, dahinten der Ruheraum, in dem sich die Gäste auf Sitzbänken ausgemusterter Autobusse lümmeln. Das Licht ist schummrig, und auf der Treppe ins Obergeschoss verschmilzt der Klang der Trommel mit dem Reggae, den ein DJ im Stockwerk darüber aufgelegt hat.

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Der süßliche Duft von Marihuana schwebt über der Szene. »Die Musikkultur ist mit Drogen eng verbunden, das war schon immer so«, sagt Tomas Zdenek, den alle Lorenzo nennen. Der Clubchef trägt einen Vollbart, die dunklen Locken hat er kunstvoll um seinen Kopf drapiert. »Viele Musiker sind erst dank der Drogen dahin gekommen, wo sie sind. Manche von denen, die hier auftreten, rauchen Marihuana. Und die Zuschauer natürlich auch.«

Im Cross-Club gelten die gleichen ungeschriebenen Regeln wie in anderen Prager Bars und Discos: Wer Drogen verkaufen will, fliegt raus, Kiffen wird toleriert. Die tschechischen Gesetze erlauben das. Seit 2010 gilt: Wer bis zu 15 Gramm Marihuana, ein Gramm Kokain oder 1,5 Gramm Heroin dabeihat, begeht eine Ordnungswidrigkeit. Strafrechtlich belangt werden kann er nicht. In den meisten europäischen Ländern geht es wesentlich strenger zu.

Prag, das Amsterdam des Ostens – manche nennen ihre Stadt selbstbewusst so. »Wir haben zu Amsterdam und Marseille aufgeschlossen «, sagt ein Musikmanager mit langen Zöpfen. Mit Lorenzo arbeitet er seit Langem zusammen, organisiert Konzerte und Festivals, sein Spezialgebiet: Reggae. Viele seiner Bands treten auch im Cross-Club auf. »Wir haben in Prag inzwischen Reggae-Musiker, die in der Weltspitze mitspielen«, sagt er. Die alternative Musikszene sei in den vergangenen Jahren aufgeblüht; der liberale Umgang mit Drogen schaffe das richtige Klima. Und vor allem ziehe er das richtige Publikum an. In Tschechien treffen sich viele ausländische Cannabis-Raucher. Im Cross-Club machen sie ein Drittel der Gäste aus, schätzt Lorenzo. »Sie freuen sich, dass sie auf offener Straße oder in Kneipen und Clubs ihren Joint rauchen können. Zu Hause müssen sie sich verstecken, aus Angst davor, für ein paar Gramm Marihuana die Nacht bei der Polizei zu verbringen.«

Amsterdam des Ostens? »So’n Blödsinn«, brummt Jakub Frydrych. Er ist ein kantiger Mann mit kurzen Haaren und Chef des Sonderkommandos der Polizei im Kampf gegen Drogen. Seine Mannschaft hat ihre Zentrale in einer Gründerzeitvilla in einem feinen Prager Vorort. An der Pforte nur eine Klingel ohne Namen, an den Ecken des Grundstücks Kameras und Nachtsichtgeräte. »Der Markt hat einen kommerziellen Charakter bekommen«, sagt Frydrych. »Nach der Wende gab es einen beinahe romantischen Anfang mit einer Subkultur von Kleinzüchtern, das war mehr so auf einer philosophisch-geistigen Ebene. Aber heute sind kriminelle Banden aktiv.«

Frydrych interessiert sich für die großen Fische. Marihuana in Blumentöpfen auf der Fensterbank ärgert ihn, doch mit seiner 180-köpfigen Truppe führt er den Kampf gegen organisierte Banden, gegen Heroin, Kokain und Pervitin, eine tschechische Designerdroge. Das Zentrum der Drogenkriminalität ist Prag.

Leserkommentare
    • rubu
    • 28. Mai 2011 10:22 Uhr

    Sie bezeichnen Pervitin als tschechische Designerdroge.
    Es handelt sich hierbei um eine alte (1938)deutsche Bezeichnung für Methamphetamin / Meth/ Crystal.

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    • yeter2
    • 29. Mai 2011 17:47 Uhr

    wurde von der deutschen wehrmacht tonnenweise an landser ausgegeben

    • meyden
    • 28. Mai 2011 10:29 Uhr
    2. Fehler

    Leider nicht der einzige Fehler in dem Text. Mit Marihuanablättern kann man zwar einige hübsche Sachen anstellen, nur zum Rauchen sind sie eher ungeeignet. Der Großteil des Wirkstoffs ist im Harz der Blüten enthalten.

    Ansonsten: die Lösung ist, wie immer, die Legalisierung und staatliche Kontrolle. Der Raum für kriminelle Banden wird vom Staat selber geschaffen. Dass der Mensch konsumieren will ist nunmal so und wird sich nicht ändern.

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    Sei wann ist die Lösung so eindeutig die Legalisierung?

    Das Anfangs viel Umjubelte Konzept der Niederlande hat sich mit den Jahren als doch alles andere als eine "Lösung" herausgestellt, und längst sieht man es nicht mehr als so rosig, denn ganz neue Probleme sind entstanden. Holland hat KEINE Freude daran.

    • meyden
    • 30. Mai 2011 11:43 Uhr

    Dass die Niederlande unglücklich sind, liegt nicht an der "Legalisierung" (eigentlich eine Duldung), sondern an zwei hausgemachten Problemen: Einerseits der Drogentourimus, der unschöne Ausmaße angenommen hat. Dem wäre abgeholfen, wenn die Touristen zu Hause ihre Drogen genauso legal beziehen könnten, wie in den Niederlanden. Und andererseits, dass der Anbau und Ankauf der Droge nach wie vor illegal ist und entsprechend geahndet wird. Damit schafft man wieder Raum für Kriminelle.
    Aber eine der Legalisierung angeblich inhärente Verwahrlosung der Gesellschaft oder ein massiver Anstieg des Konsums ist nicht eingetreten.

  1. 3. Schade

    Dass Prag solch liberale Gesetze wusste ich gar nicht. Wieder was gelernt.

    Finde aber schade, dass die ZEIT in diesem Artikel darüber schreibt, wie irgendwelche Läden in glücklicherweise ungentrifizierten Gegenden ausgestattet sind oder welche Sorten von welchen Frisuren gekauft werden.

    Ich würde gerne mehr darüber erfahren, wie die Behauptung zustande kommt, die Organisiserte Kriminalität würde durch die Liberalisierung zugenommen haben sowie der Konsum von Drogen generell.

    Normalerweise würde man genau das Gegenteil erwarten: Die Entscheidung Drogen zu konsumieren ist eine mentale Sache - Legalität beeinflusst nur Umstände und Rauschmittel-Wahl. Legalisierung vernichtet Gangs. Die Folge sind weniger organisierte Kriminalität, weniger Normalbürger im Konflikt mit dem Gesetz, effektivere Polizeiarbeit wird möglich, weniger Geld muss für die Polizei ausgegeben werden. Mag es ein Zufall sein, dass der große Kritiker im Text ein Sozi und Beamter ist?

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    Ich kann diese Argumentation auch nic ht nachvollziehen > Weil es liberalere Gesetze und Bestimmungen gibt - also der Anbau, Kauf und Genuss von "Tütenware", nimmt die organisierte Kriminalität zu? < Absurd.

    Nehmen wir einmal an (was ich auch in keinem Fall befürworte) alle Drogen wären freigegeben - wo wäre da ein Ansatz für Kriminalität?

    In der Tschechischen Republik sind Drogen NICHT legal. Es sind Konsum und Besitz von bestimmten kleinen Mengen straffrei (Verwaltungsstrafen kanns aber schon hageln, wenn man zB auf offener STraße einen Joint raucht). Es wurde lediglich der Status quo "legalisiert", weil die Polizei schon lange nicht mehr nachkam, die kleinen Fische zu kontrollieren. Der Verkauf ist so illegal wie eh und je. Man kann sich Prag nicht so vorstellen wie Amsterdam, wo man in Coffeeshops Cannabis aus kontrollierter Zucht kaufen kann. Drogen müssen auf der Straße gekauft werden. Deswegen floriert die organisierte Kriminalität.

    Weiters ist Tschechien bei Produktion und Export ganz weit vorne, hier werden immerwieder mal Drogenküchen ausgehoben mit ganzen LKW Ladungen voller teilweise unbekannter Substanzen, die bis nach Brasilien oder Südostasien gehandelt werden. Es geht hier nicht nur um rund 150 Großplantagen, sondern um Methküchen die im großen Stil produzieren und von organisierten Gruppen (zunehmend aus der vietnamesischen Minderheit) kontrolliert werden.

    Und in Tschechien selbst gibt es ein großes Problem, allein Pervetin wird von geschätzen 30.000 Süchtigen gekauft. Es ist einfach ein Land mit einem Haufen sozialer Probleme, mit echter Armut usw. Ich bin sehr für eine liberale Drogenpolitik, aber was man in CZ macht (Konsum straffrei stellen, Handel nicht kontrollieren, gleichzeitig wenig Präventionsmaßnahmen) ist mMn fahrlässig.

  2. ... ist ein wenig differenzierter als die meisten "böse drogen"-artikel, allerdings nur ein wenig. es wird hier von kriminalität, banden usw geredet. das kiffen nicht viel schädlicher ist als rauchen und dass da alkohol um eiiiniges gesundheitsschädlicher ist, haben ja bereits unzählige studien bewiesen.
    diese banden- und organisierte kriminalitätsgeschichte würd ich aber gerne näher erläutert haben. dieser bandenquatsch kann ja auf harte drogen, wie ice oder heroin zutreffen, aber auf gras?! wenn, dann nur, wie schon meine vorredner sagten durch die illegale gesetzeslage.
    so ziemlich jeder, der die szene kennt, kann bestätigen, dass sie total harmlos ist, ohne agressivität etc. in holland funktioniert das system doch auch! wo sind da die kriminellen drogengangs?! legalisiert den shit und diese probleme verschwinden von alleine! es zwingt doch keiner die menschen dazu cannabis zu konsumieren, wenn es legal ist. wieso sollte man es verbieten? alkohol ist auch legal und bewiesenermaßen sehr viel abhängig-machender und schädlicher als thc! für mich ist das cannabisverbot eine einschränkung meiner persönlichenfreiheit, denn beim konsum schade ich niemanden!!

  3. Ich kann diese Argumentation auch nic ht nachvollziehen > Weil es liberalere Gesetze und Bestimmungen gibt - also der Anbau, Kauf und Genuss von "Tütenware", nimmt die organisierte Kriminalität zu? < Absurd.

    Nehmen wir einmal an (was ich auch in keinem Fall befürworte) alle Drogen wären freigegeben - wo wäre da ein Ansatz für Kriminalität?

    Antwort auf "Schade"
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    Gesetzliche Hürden und mit ihnen verbundene staatliche Maßnahmen treiben den Preis der Ware nach oben. Ein Verbot, sorgt dafür, dass der Bedarf nur noch von Leuten jenseits unserer Moralvorstellungen gedeckt wird. Es wird lukrativ das Gesetz zu brechen. Und nebenbei wird durch ein Verbot jeder Kunde über die moralische Grenze geschoben, weg von uns, näher an den Schmutz. Wozu?

    Ron Paul, ein US-Republikaner (!) wurde beim letzten Präsidentschafts-Vorentscheidungs-TV-Duell gefragt: “Are you suggesting that heroin and prostitution are an exercise of liberty?” (Er tritt für Legalisierung aller Drogen ein)

    Antwort: “yes. (...) if we legalize heroin tomorrow, is everyone is going use heroin? How many people here would use heroin if it were legal?”

    http://www.youtube.com/wa...

    Recht hat er!

  4. Sei wann ist die Lösung so eindeutig die Legalisierung?

    Das Anfangs viel Umjubelte Konzept der Niederlande hat sich mit den Jahren als doch alles andere als eine "Lösung" herausgestellt, und längst sieht man es nicht mehr als so rosig, denn ganz neue Probleme sind entstanden. Holland hat KEINE Freude daran.

    Antwort auf "Fehler"
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    ... friedlichen konsumenten tun doch niemanden was. die banden, die hier in deutschland des großen profits wegen dealen sind die, die teilweise gewalttätig und gefährlich sind, nicht die kleinen konsumenten. und diese banden verschwinden, wenn eine legalisierung stattfindet zwangsweise. denn wer kauft sein gras illegal beim dealer, wenn es das auch legal im shop nebenan gibt? packt eine saftige steuer drauf und nutzt das geld für die drogenaufklärung, so wären gleich 2 fliegen mit einer klappe geschlagen. in den ersten jahren wird der konsum "ansteigen", weil die dunkelziffer bekannt wird, doch mit der zeit wird er sich einpendeln, bzw sogar abnehmen, denn der "reiz des illegalen" ist dann nicht mehr gegeben, wie beim alkohol. ich finde diese argumentation schlüssiger als die alte "cannabis ist verboten weil alle drogen böse sind!"-leier.

    Holland duldet, es ist aber nicht legal. Das bedeutet weiterhin Spielraum für Organisierte Kriminalität. Nur ist dieser Spielraum kleiner als vorher. Niemand in den Großstädten wird die 80er Jahre vermissen. Sie liegen da falsch, wenn Sie das meinen.

    Was sicher richtig ist, ist dass der Tourismus an den Grenzen und daher oft ländlicheren Gegenden Hollands die lokale Bevölkerung stört. Die Leute die dort wohnen haben keinen Bock darauf. Die Lösung kann aber nicht sein, dass ländliche Moralvorstellungen in Großstädten durchgesetzt werden. Lasst der Stadt ihre Freiheit und dem Land ihre Eigentümlichkeit.

    Als ehemaliger Pendler zwischen Hamburg und Amsterdam habe ich über viele Jahre das Problem beobachten können. Bevor die Polizei nicht mehr deswegen ermittelt hat, begann Amsterdam aufzublühen. Heute gibt es in Holland weniger Konsumenten als vor der "Legalisation" (die Polizei hat nur nicht mehr ermittelt), das einzige Problem, das Holland hat sind die Drogentouristen. Würde man also in ganz Europa so verfahren wie in Holland, gäb es kein Problem mehr.

    Probleme die dazu gekommen sind hängen damit zusammen, dass es in den Nachbarländern eben keine Legalisierung gibt.

  5. "Liberale Journalisten und Ärzte hätten über Jahre den Eindruck vermittelt, dass Joints in einem gewissen Alter zum Leben dazugehörten. »Das macht die Droge zur Norm«, sagt Frydrych."
    Statt mit Joints haben wir genau das mit Alkohol. Ist das nu besser?

  6. 8. Exakt.

    Gesetzliche Hürden und mit ihnen verbundene staatliche Maßnahmen treiben den Preis der Ware nach oben. Ein Verbot, sorgt dafür, dass der Bedarf nur noch von Leuten jenseits unserer Moralvorstellungen gedeckt wird. Es wird lukrativ das Gesetz zu brechen. Und nebenbei wird durch ein Verbot jeder Kunde über die moralische Grenze geschoben, weg von uns, näher an den Schmutz. Wozu?

    Ron Paul, ein US-Republikaner (!) wurde beim letzten Präsidentschafts-Vorentscheidungs-TV-Duell gefragt: “Are you suggesting that heroin and prostitution are an exercise of liberty?” (Er tritt für Legalisierung aller Drogen ein)

    Antwort: “yes. (...) if we legalize heroin tomorrow, is everyone is going use heroin? How many people here would use heroin if it were legal?”

    http://www.youtube.com/wa...

    Recht hat er!

    Antwort auf "Querdenken gefragt?"
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    ... die schon nach dem ersten konsum unglaublich abhängig machen und den körper auszehren sind zu gefährlich als dass man sie legalisieren dürfte. so ziemlich jeder mensch macht in seiner jugend fehler und überschreitet grenzen. möchten sie dass ihre kinder/freunde aus diesen völlig menschlichen gründen in eine ice-abhängigkeit kommen? neee neee das fänd ich persönlich nicht so toll.
    man sollte differenziert und wissenschaftlich vorgehen. überprüfen, welche droge WIRKLICH schädlich ist und welche nicht. das forschen mit den illegalen, harten drogen sollte meiner meinung nach absolut freigestellt sein, denn, nach mehr als 30 jahren lsd-forschungsverbot, wurde plötzlich festgestellt, dass man zb durch lsd in zukunft eventuell ein mittel gegen shizophränie herstellen könnte. ein wissenschaftlich immenser erfolg, der vielleicht schon seinen durchbruch gehabt hätte, wären einige politiker flexibleren geistes gewesen!

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