Jeden Freitagabend fährt James Vaupel in das gelobte Land der Demografie. Er steigt im Rostocker Hafen auf eine Fähre in Richtung Dänemark, hält für zwei Stunden die Nase in die Ostseeluft und verbringt dann das Wochenende bei seiner Familie und seinen Pferden auf der dänischen Insel Fünen. In Rostock arbeitet der Altersforscher, seit er 51 ist. Er hat dort das Max-Planck-Institut für demografische Forschung aufgebaut und, wie er sagt, die »kreativsten und erfülltesten Berufsjahre« seines Lebens verbracht – in einem Alter, in dem Arbeitnehmer hierzulande oft schon fast als Kandidaten für die Frühverrentung gelten. Bis 70 wird er Direktor bleiben, für die Zeit danach ist die nächste Karriere geplant – in Dänemark. »Da kann ich an der Universität bleiben, solange die findet, dass ich einen guten Job mache«, sagt Vaupel. Es gibt in Dänemark keine offizielle Altersgrenze, die das verhindern könnte.

In Deutschland hingegen hat der 66-Jährige nur mit Mühe das öffentliche Dienstrecht geknackt, wonach für Professoren wie für andere Berufsgruppen im Normalfall mit 65 der Ruhestand beginnt. Ihm half, dass sein Institut kurz vorher einen renommierten Statistikexperten verlor, der vor der deutschen Altersgrenze an eine amerikanische Universität flüchtete. Auch dort, wie in Kanada, können Ältere forschen und lehren, solange die Leistung stimmt. Das Geburtsdatum ist egal.

Die Globalisierung ändert die Arbeitsbedingungen nicht nur für Billiglöhner oder Manager, sondern auch für die Alten – zunächst für die qualifizierten, umworbenen. Und sie öffnet die Augen dafür, wie merkwürdig die Deutschen über das Alter und den richtigen Rentenstart diskutieren. »Mit 40 geht das Leben erst richtig los, aber da hört bisher in Deutschland das Personalmanagement auf«, sagt Vaupel, der gleichwohl vom »Jahrzehnt der älteren Beschäftigten« spricht. Wenn die US-Amerikaner, die Kanadier und die Dänen ihre Altersgrenzen lockern oder abschaffen können – warum eigentlich geht das nicht auch bei uns? Die steigende Lebenserwartung spräche dafür, die absehbare Belastung der Rentensysteme, der jetzt schon in den Unternehmen spürbare Fachkräftemangel. Vor allem aber, das wird oft übersehen, wäre es für viele Menschen ein Freiheitsgewinn, über den Übergang vom Arbeitsleben zur Rente selbst zu entscheiden.

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Es gäbe ein einfaches Modell dafür, es ähnelt den Regeln in Vaupels Musterland Dänemark oder auch in Schweden: die Teilrente. Der Gesetzgeber legt keine Obergrenze für den Rentenbeginn fest, sondern eine Untergrenze, etwa das 60. Lebensjahr. Von diesem Jahr an wird eine stark verringerte Teilrente gezahlt . Für jedes Jahr, das ein Beschäftigter länger arbeitet, gibt es mehr. Das Alter, in dem ein Ausscheiden möglich ist, hat wenig Bedeutung für den tatsächlichen Abschied vom Job, für die allermeisten Arbeitnehmer ist es nur eine Größe zur Berechnung des Alterseinkommens vom Staat. Genau darin liegt der Vorteil: Es gibt keine offizielle Altersgrenze mehr. Entweder die Tarifpartner treffen Vereinbarungen, oder jeder entscheidet selbst und handelt mit seinem Arbeitgeber aus, wann und wie schnell der Abschied aus dem Job möglich ist. Die Leistungsfähigkeit des Einzelnen, der Spaß im Job, die Bedürfnisse des Unternehmens und die privaten Verhältnisse der Arbeitnehmer sind wichtiger als der Tag, der als Geburtsdatum im Personalausweis steht.

Im Deutschen Bundestag werben die Grünen und die FDP für die Teilrente, wenn auch mit unterschiedlichen Ideen für die genaue Ausgestaltung. Union und SPD haben Vorbehalte – die allerdings leicht auszuräumen sind: Da wäre erstens die Sorge, es könne einen riesigen Ansturm auf die frühe Rente geben. Dagegen sprechen die Erfahrungen in Dänemark und vor allem in Schweden, wo die Beschäftigungsquote der Älteren deutlich höher ist. Das habe am Ende die FDP überzeugt, sagt der Sozialpolitiker Heinrich Kolb: »Wenn die Beschäftigten von Jahr zu Jahr immer wieder neu entscheiden können, ob sie weitermachen, dann bleiben sie offenbar länger.« Wie stark der Andrang in Deutschland wäre, hinge stark von der Höhe der Teilrente ab. Das hätte die Politik in der Hand.

Der zweite Einwand lautet: Die Rente ab 67, erst vor vier Jahren unter Schmerzen und gegen viel Widerstand von der Großen Koalition auf den Weg gebracht, ändere langsam das Denken bei Arbeitgebern und Arbeitnehmern, man stelle sich allmählich auf alternde Belegschaften ein – diesen gewünschten Effekt könne man nicht gleich wieder zunichte machen. Doch die Teilrente würde vermutlich das Gleiche bewirken, wenn der Kündigungsschutz für Ältere bis zur bisherigen Altersgrenze bestehen bliebe. Dann könnten die Arbeitgeber sich nicht leichter von Älteren trennen. Die wichtigste Veränderung mit der Einführung der Teilrente würde in den Köpfen stattfinden: Ein 62-Jähriger wäre nicht automatisch jemand, der sowieso bald ginge. Ein 60-Jähriger wäre nicht unbedingt jemand, bei dem eine Fortbildung nicht mehr lohnte. Ein Mittfünfziger müsste nicht davon ausgehen, dass alle Chancen auf einen Aufstieg in der Hierarchie verpasst wären. Darin liegt die Chance für die Beschäftigten.

Schließlich sind es ja nicht nur privilegierte Professoren oder Künstler, die länger arbeiten wollen, sondern auch beispielsweise der Postbeamte, der spät Vater wurde und nur so die Ausbildung des in zweiter Ehe geborenen Kindes finanzieren kann. Länger arbeiten will auch jene Putzfrau, die Ende vergangenen Jahres versuchte, vor Gericht einen späteren Renteneintritt zu erzwingen, weil ihre Rente zu niedrig ist. Und warum muss ein begeisterter, erfolgreicher Kriminalkommissar gegen seinen Willen aus dem Job ausscheiden, obwohl die Polizei Fachleute braucht?