NachkriegsjahreWiedergeburt einer Weltstadt

Beim amerikanisch-sowjetischen Gipfeltreffen vor 50 Jahren bot sich Wien nach grauen Nachkriegsjahren die Chance, aus dem Schatten seiner Vergangenheit zu treten.

US-Präsident Kennedy und Sowjetpremier Chruschtschow am Gipfeltreffen in Wien im Juni 1961

US-Präsident Kennedy und Sowjetpremier Chruschtschow am Gipfeltreffen in Wien im Juni 1961

Ungeduldig wartet der Kardinal in seiner Kathedrale auf die hohen Gäste. Es ist Sonntag, der 4. Juni 1961, der zweite Tag des amerikanisch-sowjetischen Gipfeltreffens in Wien. Das katholische Präsidentenpaar aus Washington, John F. Kennedy und First Lady Jackie, wird im Stephansdom zum Morgengottesdienst erwartet. Als der Konvoi endlich vor dem gotischen Portal eintrifft, eilt der Oberhirte von Wien, flankiert von zwei Ministranten, mit flackernden Kerzen dem Präsidentenpaar entgegen. Franz Kardinal König hat es so eilig, dass beide Flammen im Luftzug verlöschen. »Ein böses Omen«, raunt es in den voll besetzten Kirchenbänken.

Die Amerikaner hasten von Beginn an dem Zeitplan des Protokolls hinterher. Bereits am Vortag muss Bundespräsident Adolf Schärf mit seinem Begrüßungskomitee im Nieselregen ausharren, weil sich die Landung der Boeing 707 des Präsidenten verspätet. Beim Start in Paris war einer der 40 Koffer der First Lady vermisst worden. »Es steht nicht schlecht um eine Welt, in der die Politiker warten, weil eine schöne Frau ihren Koffer vergessen hat«, empfängt das österreichische Staatsoberhaupt schließlich seine Gäste.

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Der Österreicher irrte gewaltig. Tatsächlich taumelte die Welt von Krise zu Krise, die Rivalität zwischen dem amerikanischen und dem sowjetischen Block beschwor ein ums andere Mal eine verhängnisvolle Konfrontation herauf. Der Kalte Krieg hatte 1961 noch nicht seinen Höhepunkt erreicht, als sich der neue US-Präsident – Kennedy hatte zu Jahresbeginn sein Amt angetreten – und Sowjetpremier Nikita Chruschtschow, seit 1958 der starke Mann im Kreml, überraschend auf ein Treffen auf neutralem Boden einigten. Wien bekam den Zuschlag. Die Österreicher hatten knapp zwei Wochen Zeit, den Gipfel vorzubereiten.

In der hellen und fürsorglichen Stadt sollen glückliche Menschen leben

Zumindest die Gastgeber hegten große Erwartungen. Das, aus ihrer Sicht, welthistorisch bedeutsame Ereignis sollte ausgiebig zur Selbstdarstellung genutzt werden. Zum ersten Mal seit fast einem halben Jahrhundert kehrte Wien auf die internationale politische Bühne zurück, die Stadt wollte wieder als jene glanzvolle Metropole erstrahlen, die sie vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges einmal gewesen war. »Niemand soll die Bedeutung Wiens mit den Maßstäben des kleinen Gernegroß messen«, meinten die Salzburger Nachrichten in keineswegs selbstverständlicher Loyalität mit der Hauptstadt. Die Bundesländerzeitung empfahl der großstädtischen Inszenierung eine »Besinnung auf uns selbst, [...] auf den Begriff Österreich, der immer noch mit all den strapazierten Begriffen Abendland, Humanismus, Kultur, Recht und Christentum gleichzusetzen ist«. Die 1400 Journalisten, die zu dem Treffen der Weltenlenker angereist kamen, sollten das wiedererwachte Selbstbewusstsein eines Landes nach zwei verlorenen Weltkriegen erleben und die Wiedergeburt einer Weltstadt, die aus dem Ruinenschatten der Filmerzählung des Dritten Mannes getreten war, der ihr in aller Welt anhaftete. Man wollte dort anschließen, wo 1914 alles zu Ende gegangen war.

Die finsteren Jahre der NS-Epoche blieben, so gut es ging, ausgeblendet. In allen Bereichen wurde die Fassade aufrechterhalten, Österreich sei als erstes Opfer des Nationalsozialismus zu beklagen gewesen. Dem diente der restaurative Kulturbetrieb ebenso wie die politische Selbstdarstellung des Landes. Im November 1961 löste Helmut Qualtinger im neuen Massenmedium Fernsehen (innerhalb eines Jahres hatte sich die Zahl der Empfangsbewilligungen auf 200.000 verdoppelt) eine Empörungswelle aus, als er in seinem Mitläufer-Monolog Der Herr Karl diesen historischen Mummenschanz zerfledderte. Im neuen Wien war der archetypische Wiener fehl am Platz.

Die Donaumetropole befand sich im Jahr des amerikanisch-sowjetischen Gipfeltreffens in einer hektischen Boomphase. »Stadt im Fordismus« nennt der Historiker Gerhard Meißl die Phase des Aufschwungs, die auf die Jahre des Wiederaufbaus folgte. Im März 1961 wich unweit des Rathauses eine der letzten innerstädtischen Bombenruinen einem neu geplanten Versicherungsgebäude.

Leserkommentare
  1. ist in der tat österreich.faktum ist,die regierung war gegen einen anschluss ebenso wie die mehrheit der österreicher.
    für einen anschluss waren zum einen natürlich die österreichischen nationalsozialisten,aber von marginaler bedeutung, und zum anderen unter karl renner die antiösterreichischen sozialisten,anhänger der grossdeutschen idee.karl renner und dessen genossen waren die steigbügelhalter hitlers in österreich.
    die von karl renner auf ein grossdeutsches reich eingeschworenen sozialisten waren auch das gros der "heil hitler rufer" am heldenplatz.
    die österreicher generell sollte man nicht und darf man nicht mit diesen leuten in einen topf werfen.
    wer das macht.vergeht sich an der wahrheit.
    wahr ist, hitlers truppen marschierten kurz vor dem,von der regierung schuschnigg abhaltenden plebiszit,in der realen beurteilung dessen ausganges,in österreich ein.
    angesichts des umstandes,dass ein grosser teil der österreichischen bevölkerung (nazi ,sozialisten)sich gegen die freiheit des landes und für einen anschluss stimmten und der tatsache,dass die siegermächte des ersten weltkrieges österreich jede chance nahmen sich angemessen gegen aggressoren zu verteidigen,ist der vorwurf an österreich,sich nicht verteidigt zu haben, im grunde genommen eine unverfrorenheit.
    österreich hätte sich nach dem abrüstungsdiktat der entente
    1938 nur gegen liechtenstein militärisch behaupten können.

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    Österreich ist ein Teil Deutschlands, sein Kernland. Nicht umsonst wurde die Kaiserhymne des HRR zur Hymne des neugeschaffenen österreichischen Kaiserreiches. Nach dem 1. Weltkrieg gab es eine ganz starke Volksbewegung zur Vereinigung mit dem Deutschen Reich, was der Versailler Vertrag aber untersagte. Hitlers "Anschluss" war populär und ein großer Erfolg, die Umsetzung des alten Traums der Großdeutschen Einheit, gleichwohl mit aussenpolitischen Konsequenzen. Nach 1945 haben sich die Österreicher sich gerne eingeredet, dass sie an den nationalsozialistischen Verbrechen nicht beteiligt waren und mit dem Staatsvertrag sich sozusagen den heuchlerischen Sermon der österreichen Opferrolle eingetrichtert. Gerade darum fällt in Österreich bis heute die Aufarbeitung so schwer.

    Österreich ist ein Teil Deutschlands, sein Kernland. Nicht umsonst wurde die Kaiserhymne des HRR zur Hymne des neugeschaffenen österreichischen Kaiserreiches. Nach dem 1. Weltkrieg gab es eine ganz starke Volksbewegung zur Vereinigung mit dem Deutschen Reich, was der Versailler Vertrag aber untersagte. Hitlers "Anschluss" war populär und ein großer Erfolg, die Umsetzung des alten Traums der Großdeutschen Einheit, gleichwohl mit aussenpolitischen Konsequenzen. Nach 1945 haben sich die Österreicher sich gerne eingeredet, dass sie an den nationalsozialistischen Verbrechen nicht beteiligt waren und mit dem Staatsvertrag sich sozusagen den heuchlerischen Sermon der österreichen Opferrolle eingetrichtert. Gerade darum fällt in Österreich bis heute die Aufarbeitung so schwer.

  2. "Im Juni wurden bei der sogenannten Feuernacht in ganz Südtirol 19 Strom- und Telefonmasten gesprengt", heißt es in dem Bericht. Das stimmt so nicht. Tatsächlich waren es 37 Hochspannungsmasten, die total zerstört wurden, während mehrere nur beschädigt wurden, weil der aus dem Trentino gelieferte Sprengstoff (Restbestände aus dem Zweiten Weltkrieg) minderwertig war. Mehrere Zünder versagten, so dass die Masten nicht einmal beschädigt wurden. Telefonmasten waren übrigens nicht Ziel der Anschläge.

  3. Österreich ist ein Teil Deutschlands, sein Kernland. Nicht umsonst wurde die Kaiserhymne des HRR zur Hymne des neugeschaffenen österreichischen Kaiserreiches. Nach dem 1. Weltkrieg gab es eine ganz starke Volksbewegung zur Vereinigung mit dem Deutschen Reich, was der Versailler Vertrag aber untersagte. Hitlers "Anschluss" war populär und ein großer Erfolg, die Umsetzung des alten Traums der Großdeutschen Einheit, gleichwohl mit aussenpolitischen Konsequenzen. Nach 1945 haben sich die Österreicher sich gerne eingeredet, dass sie an den nationalsozialistischen Verbrechen nicht beteiligt waren und mit dem Staatsvertrag sich sozusagen den heuchlerischen Sermon der österreichen Opferrolle eingetrichtert. Gerade darum fällt in Österreich bis heute die Aufarbeitung so schwer.

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