Die Kredite für sämtliche Projekte in Kroatien, die Zagorec zugeordnet werden, so fanden die Ermittler heraus, wurden stets an verschiedene Anstalten in Vaduz ausbezahlt, die ihrerseits sogenannten Ermessungsstiftungen gehören. Dabei handelt es sich um eine merkwürdige Besonderheit im liechtensteinischen Gesellschaftsrecht: Im Gegensatz zu österreichischen Stiftungen, in denen die Begünstigten eindeutig definiert sein müssen, liegt es im Fürstentum im Ermessen des eingesetzten Stiftungsrates, wer als Nutznießer einer Stiftung anzusehen ist. Deshalb liefen schon Anfang 2007 die Prüfer der Österreichischen Nationalbank im Kreis, obwohl bei allen Kreditanträgen mit Gerold Hoop immer nur dieselbe Person unterschrieben hatte. »Ein direkter Zusammenhang mit Herrn Zagorec kann nicht hergestellt werden«, resignierten sie in ihrem Abschlussbericht, »ein eventueller (Zusammenhang, Anm.) lässt sich nur aus Indizien wie gleiche Anwälte, Steuerberater, Treuhänder und Geschäftsführer konstruieren.« Die Prüfer warnten daher die Bank vor dem erhöhten Betrugsrisiko und der Gefahr von Geldwäsche.

Die Klagenfurter Staatsanwaltschaft geht genau diesen Verdachtsmomenten nach. Dank einiger Hausdurchsuchungen, auch in der Vaduzer Kanzlei von Gerold Hoop, sind die Ermittler schon einen Schritt weiter als die Prüfer von der Notenbank. Trotzdem tappen sie bei entscheidenden Details weiterhin im Dunkeln. Etwa bei der Frage, weshalb Zagorec hemmungslos Kredite ausbezahlt wurden, obwohl die vereinbarten Sicherheiten nie, nur zum Teil oder erst viel später erbracht worden waren.

Dieses Geheimnis, neben vielen anderen, sollte der inhaftierte Exgeneral am 8. Mai den Ermittlern aufklären. Sie waren zuversichtlich, einen entscheidenden Schritt weiterzukommen – selbst dann, wenn Zagorec beharrlich schweigen würde. Denn nach österreichischem Recht kann gegen einen Beschuldigten auch dann Anklage erhoben und sogar in Abwesenheit verhandelt werden, wenn er im Ermittlungsverfahren die Aussage verweigert hat. Vorausgesetzt, die Aktenlage ist Erfolg versprechend, was in den Verdachtsfällen rund um Zagorec, in denen wegen Untreue, der Bildung einer kriminellen Vereinigung und Geldwäsche ermittelt wird, der Fall sein dürfte.

Doch der Beschuldigte kam gar nicht dazu, die Aussage zu verweigern. Die Dienstreise endete mit einem Flop, obwohl schon vor Wochen in einem 16 Seiten langen Rechtshilfeansuchen die Details der Vernehmung zwischen den österreichischen und kroatischen Justizbehörden abgestimmt worden waren. Über die Gründe für die Abfuhr rätseln nun die abgewiesenen Besucher. War der politische Druck, Zagorec an einer möglichen Aussage zu hindern, zu groß geworden? Plötzlich behaupteten die Kroaten, aus dem Ansuchen gehe nicht eindeutig hervor, ob Zagorec als Beschuldigter oder als Zeuge einvernommen werden solle, beziehungsweise, was ihm konkret zur Last gelegt werde. Ein Argument, das für Elisabeth Rech, die den Exgeneral in Österreich vertritt, nebensächlich ist: »Solange mein Klient in Kroatien in Haft ist, hätte er im Hypo-Verfahren ohnedies keine Aussage gemacht. Er hatte im letzten Balkankrieg eine wichtige Funktion inne.« Tatsächlich verdankte es der junge Staat damals dem Geschick des ehemaligen Waffenkäufers Zagorec, dass er in seinen ersten Krisenjahren das UN-Waffenembargo umgehen und seine Streitmacht aufrüsten konnte. Die Gefahr, dass Zagorec nun plötzlich etwas zustoßen könnte, so Rechtsbeistand Rech, sei viel zu groß: »Er hat mächtige Feinde in der Politik, in den Medien und in der Unterwelt.« Am liebsten sähe sie ihren Mandanten in österreichischer Schutzhaft.

Die Angst der Juristin kommt nicht von ungefähr. Bereits im Januar 2009, als Zagorec nach einem monatelangen Auslieferungsstreit mit Österreich erstmals wegen der sogenannten Juwelen-Affäre in Zagreb vor Gericht stand, fürchteten nicht nur einstige Partnerbanken wie die Hypo peinliche Enthüllungen. Der Prozess barg auch die Gefahr, zu einer Abrechnung mit der illegalen Aufrüstung des Sezessionsstaates zu werden. Doch Zagorec verlor kein Wort über seine früheren Geschäfte. Er bestritt sogar die Existenz jener Edelsteine, die er zur Waffenbeschaffung bekommen und in der Folge unterschlagen haben soll.

Seiner Behauptung standen allerdings mehrere frühere Zeugenaussagen entgegen. Darunter auch jene des Zagreber Journalisten und Herausgebers des Magazins Nacional, Ivo Pukanić, der ebenfalls ein Hypo-Kunde war und Ende Oktober 2008 einem Anschlag mit einer Autobombe zum Opfer fiel. Nur drei Wochen zuvor und vier Tage nach der Auslieferung von Zagorec war auch die Tochter seines damaligen Anwalts in einem Hausflur im Zentrum von Zagreb durch zwei Kopfschüsse hingerichtet worden. Noch am gleichen Tag entließ der damalige Regierungschef Ivo Sanader den Innenminister, den Justizminister und den Polizeichef. Acht Monate später sollte er selber zurücktreten. Seit Dezember des Vorjahres sitzt auch er in Salzburg in Auslieferungshaft, da ihm in seiner Heimat Korruption vorgeworfen wird. Mit der Demontage Sanaders, der ebenfalls massiv in die Hypo-Affäre verstrickt sein soll, verlor Zagorec einen seiner einflussreichsten Fürsprecher. Jetzt hängt sein Schicksal vor allem von Tomislav Karamarko ab: Der ehemalige Chef des kroatischen Inlandsgeheimdienstes, dessen private Sicherheitsfirma seinerzeit auch für die Klagenfurter Hypo-Bank tätig war, wurde unmittelbar nach dem Mord an der Anwaltstochter von Sanader zum Innenminister befördert und hat diese Funktion noch heute inne.

Morde sollten verhindern, dass brisante Tatsachen ans Licht kommen

Zagorec selbst dürfte angesichts der politischen Entwicklungen in Kroatien schon länger ein mulmiges Gefühl gehabt haben. Jedenfalls bemühte er sich sofort nach Einleitung der ersten Ermittlungen gegen ihn um die österreichische Staatsbürgerschaft. Dabei setzte er auch auf die Hilfe seiner Kärntner Freunde. »Herr Zagorec ist uns seit 1993 bekannt ... und unterstützte die Bemühungen zur Gründung der Hypo Alpe Adria Bank Kroatien auf sehr professionelle Weise«, heißt es in einem Empfehlungsschreiben des damaligen Hypo-Vorstandes Günter Striedinger. Die Bank wäre froh, »falls wir mit unserer positiven Erfahrung dazu beitragen könnten, dass Herr Zagorec die österreichische Staatsbürgerschaft erlangt«.

Heute ist Striedinger, der immer behauptete, Zagorec erst seit Anfang 2004 zu kennen, das Schreiben peinlich. Es sei zwar echt, doch die darin angegebene Jahreszahl sei falsch und leider überlesen worden. Es handle sich allerdings um keine Intervention, »sondern um eine im Geschäftsleben durchaus übliche« Serviceleistung. In Kärnten trägt diese Usance, seitdem Haider-Erbe Uwe Scheuch beim Staatsbürgerschaftshandel abgehört worden war, einen lokalen Terminus: Es sei, »no na, part of the game«.