Wenn Hagen Stoll die Bühne betritt, sind Angriffslust und Fürsorglichkeit zwei Seiten derselben Faust. Da ist das blütenweiße, in Boxermanier um den Stiernacken geschlungene Handtuch, mit dem er sich nach der Nummer den Schweiß von der Stirn wischt. Da sind die offensiv getragenen Tattoos, die vom Hals bis zu den Fingerknöcheln eine Geschichte eigener Art erzählen, bevor es ins Getümmel des nächsten Songs geht. Dazwischen aber bleibt immer wieder Platz für besinnliche Momente. Dann blickt er seinem Sangespartner Sven Gillert tief in die Augen und lässt die Entwicklung Revue passieren.

Was ist nicht alles passiert seit damals, Berlin-Hellersdorf, Plattenbausiedlung, ganz tief unten. »Mensch, hast Neonröhren zerdeppert, Kleener!«, sagt Stoll feierlich, als sei er der Patriarch einer liebenswerten, hin und wieder auf Krawall gebürsteten Großfamilie. Und jetzt? Setzt die Band Haudegen, deren Frontmänner Stoll und Gillert sind, zum großen Sprung an. Platte fertig, schön jeworden, Doppelalbum, vom Feinsten. Zur Feier des Tages hat die schicke Westfirma ins Ballhaus Berlin eingeladen, ein plüschiges Relikt aus DDR-Zeiten, wo die sieben Haudegen-Musiker wirken wie Bauarbeiter, die nach einem Abend in der Bierschwemme noch tüchtig einen draufmachen.

Schlicht & ergreifend heißt das zu promotende Werk, es könnte auch »Hart, aber herzlich« heißen oder »Raue Schale, weicher Kern«, so knochenbrechend wehmütig schallt es von den Brettern des Ballhauses herab. Für das Unverbildete an Haudegen steht harter Rock, die sentimentale Seite kommt in Balladen zum Ausdruck, wie man sie von den Scorpions kennt, den Puhdys und ein bisschen auch von Reinhard Mey. Mit dem Unterschied, dass es hier nicht um Dackel geht oder Diplomatenjagden, sondern um veritable Kapitalismuskritik. »Gossenpoesie« nennen sie es selbst: Musik von der Straße für die Straße.


Es ist das Leben der ganz anderen, das hier in holprigen Versen verhandelt wird, in Ein Mann, ein Wort etwa, das von der Ehre des Rudels handelt, oder im hymnischen Halte durch, das die ganze Botschaft bereits im Titel trägt. Wie man sich den Kern der Haudegen-Hörer vorzustellen hat, zeigt ein Blick ins Publikum, wo 120-Kilo-Männer ihre Pranken auf zierliche Ostblondinenschultern legen, um sich gemeinsam eine Portion Mut abzuholen. »Ihr kennt ja unsere Maxime«, sagt Stoll verschwörerisch, »unsere Maxime ist: Wir gegen den Rest.« Es klingt ein wenig nach einer Drohung: Ihr da oben, eines Tages werden wir nach euren Fleischtöpfen greifen, dann werdet ihr schon sehen, was ihr davon habt. Ganz so schlimm allerdings ist es um den Kapitalismus auch wieder nicht bestellt.

Hagen Stoll versucht sich nicht zum ersten Mal als Stimme der Unterdrückten. Auferstanden aus Ruinen hieß seine erste CD, Der Osten rollt sein erster kleinerer Hit. Damals nannte er sich Joe Rilla und war Rapper, das östliche Gegenstück zu Sido und Bushido , die zuerst damit warben, das genuine Produkt ihres Problembezirks zu sein: einer von den Leuten, vor denen uns unsere Eltern immer gewarnt haben. Allesamt hatten sie Heimstatt bei Aggro Berlin gefunden, dem damals härtesten Hauptstadtlabel. Dessen Geschick bestand darin, seine Protagonisten zu überlebensgroßen Comic-Charakteren aufzublasen. So wurde aus dem ungehobelten Hagen Joe Rilla, der Rächer der Platte. Doch Comics sind nichts für die Ewigkeit.