Bildungsforschung Falsch sortiert

Wer soll aufs Gymnasium, wer auf die Hauptschule? Grundschullehrer entscheiden es und irren sich manchmal gewaltig.

DIE ZEIT: Reicht es, ein guter Schüler zu sein, um eine Gymnasialempfehlung zu bekommen?

Ulrich Trautwein: Das wäre schön. In der Realität entscheiden auch die soziale Herkunft oder der Prozentsatz anderer leistungsstarker Schüler. Je mehr sehr gute Schüler in einer Klasse sind, desto unwahrscheinlicher wird eine Gymnasialempfehlung – weil der Lehrer dann die guten Schüler nur für mittelmäßig begabt hält.

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DIE ZEIT: Sollte man also, wie jetzt zum Beispiel von der neuen grün-roten Koalition in Baden-Württemberg geplant, den Eltern die Entscheidung überlassen, welche weiterführende Schule ihr Kind besuchen soll?

Ulrich Trautwein
Ulrich Trautwein

ist Professor für Erziehungswissenschaften an der Universität Tübingen mit dem Schwerpunkt Empirische Bildungsforschung.

Trautwein: Das wäre ein Trugschluss. Denn wenn Eltern die freie Wahl haben, findet man besonders große Effekte der sozialen Herkunft: Akademikereltern schicken ihre Kinder eher aufs Gymnasium, Arbeiter die ihren eher auf die Haupt- oder Realschule. Und das bei gleicher Leistung. Nein, die Empfehlung durch die Lehrer ist in dieser Hinsicht auf jeden Fall besser. Wenn auch alles andere als perfekt.

DIE ZEIT: In einer neuen Studie haben Sie und Ihre Schweizer Kollegen Franz Baeriswyl und Christian Wandeler sich genau dieser Frage gewidmet: welchen Einfluss die einzelnen Lehrkräfte auf die Übertrittsempfehlung haben.

Trautwein: Wir haben im Schweizer Kanton Freiburg über 16 Schuljahre hinweg die Übertrittsempfehlungen von über 200 Lehrern an 30Primarschulen untersucht. Das Ergebnis war eindeutig: Sowohl zwischen den Schulen als auch zwischen den einzelnen Lehrkräften gab es auffällige Unterschiede in der Zahl der Gymnasialempfehlungen – und das auch nach Berücksichtigung der tatsächlichen Schulleistung.

DIE ZEIT: Wie lässt sich das erklären?

Trautwein: Da müssen wir spekulieren. Eine Erklärung lautet, dass die Lehrer einer Schule jeweils eine gemeinsame Ansicht darüber entwickeln, was ein typisches Gymnasialkind ist. Das sind implizite Prozesse, die den einzelnen Lehrern oft gar nicht bewusst sind. In Gebieten mit wenigen Sekundarschulen können die Lehrer oft sogar direkt verfolgen, wie es den Kindern nach dem Übergang ergeht: Wenn sie keinen Erfolg haben, dann ändern die Lehrer ihr Empfehlungsverhalten.

DIE ZEIT: Das ist doch nicht verkehrt.

Trautwein: Moment. Es kann ja sein, dass das Scheitern des Kindes gar nicht an seinem Talent liegt, sondern an zu hohen Erwartungen oder der falschen Förderung in der Sekundarschule. Stellen wir uns vor, ein Lehrer trifft eigentlich die richtige Entscheidung und hält ein Kind aus bildungsfernem Elternhaus für gymnasialfähig, doch auf dem Gymnasium erfährt das Kind nicht die nötige Förderung und muss auf die Realschule. Dann bekommt der Lehrer die Rückmeldung vom Gymnasium, er habe sich geirrt. Dabei war es ein Fehler im System – eben dass bildungsferne Kinder, die an sich gymnasialfähig sind, nicht genügend gefördert werden. Und das nächste Kind aus sozial schwierigen Verhältnissen empfiehlt der Lehrer dann schon nicht mehr fürs Gymnasium.

DIE ZEIT: Aber es gibt noch andere Erklärungsmöglichkeiten für Ihre Ergebnisse?

Trautwein:Lehrer sind unterschiedlich streng. Und sie haben unterschiedliche Meinungen darüber, wie viele Kinder ein Gymnasium besuchen sollen. Vielleicht sind viele Lehrer zudem klüger und verantwortungsbewusster, als unsere Daten uns glauben machen: Sie lassen in die Empfehlung einfließen, wie sehr sie selbst für den Erfolg oder Misserfolg ihrer Schüler verantwortlich sind, und »korrigieren« dies bei der Übergangsempfehlung.

DIE ZEIT: Wenn man nicht gleich das mehrgliedrige Schulsystem abschaffen kann oder will: Was kann man tun, um die Zahl ungerechter Empfehlungen zu verringern?

Trautwein: Lehrkräfte müssen Informationen bekommen, wo ihre Klasse tatsächlich steht. Hierbei helfen objektive Schulleistungstest und Vergleichsarbeiten. Und die Lehrkräfte müssen misstrauisch gegenüber ihren Wahrnehmungen bleiben.

DIE ZEIT: Angesichts Ihrer Erkenntnisse werden Eltern künftig immer eine gute Ausrede haben, wenn ihr Kind keine Gymnasialempfehlung bekommt. Dann ist halt der Lehrer schuld.

Trautwein: Das ist doch schon jetzt so. Und meistens falsch. Das muss man nämlich immer dazusagen: So dramatisch sind die Verzerrungseffekte durch Schulen und Lehrer nun auch wieder nicht. Das ist die andere Botschaft unserer Studie: Im Großen und Ganzen entsprechen die Übergangsempfehlungen dem Leistungsprinzip. Nur: Es gibt Verzerrungen. Und über die sollten sich die Lehrer bei ihrer täglichen Arbeit bewusst sein.

 
Leser-Kommentare
  1. "[...] ist schwerfällig in seinem gesamten Lern- und Denkverhalten. Wir empfehlen ihn für die Hauptschule."

    Den Satz vergesse ich nicht. Lehrerempfehlungen? Darauf kann ich verzichten.

    Eine Leser-Empfehlung
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    Was leider in einigen Bundesländern noch der Fall ist - und dringend abgeschafft gehört.

    Was leider in einigen Bundesländern noch der Fall ist - und dringend abgeschafft gehört.

  2. und immer die Hoffnung, dass es ein Verfahren geben könnte, das die Einschätzung von Fachleuten, die über Jahre mit einem Kind arbeiten, unnötig machen könnte.

    Holzweg nennt sich das wohl...

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    Man schaue nach England - Tests ohne Ende... und bringt es was?

    In der Realität schreiben manche Schule bewusst bestimmte Tests nicht (Ich meine es sind SAT Examen) weil sie einfach nur Stress für die Schüler bedeuten (hängt auch mit der "Lernkultur" hier zusammen) und am Ende nichts bringen.

    Menschen sind nun einmal nicht so einfach zu "sortieren" wie Obst & Genüse.

    Man schaue nach England - Tests ohne Ende... und bringt es was?

    In der Realität schreiben manche Schule bewusst bestimmte Tests nicht (Ich meine es sind SAT Examen) weil sie einfach nur Stress für die Schüler bedeuten (hängt auch mit der "Lernkultur" hier zusammen) und am Ende nichts bringen.

    Menschen sind nun einmal nicht so einfach zu "sortieren" wie Obst & Genüse.

  3. Wenn man sieht wie viel Macht Grundschullehrer in anderen Bundesländern haben kann man sich immer wieder nur glücklich Schätzen in Bayern zu wohnen. Hier entscheiden die Noten auf welche weiterführende Schule man gehen kann/ darf/ soll.
    Hierbei ist es aber bei weitem nicht so, dass man sollte man den Übertritt ins Gymnasium nicht sofort schaffen keine Chancen mehr hätte.
    Ich selbst war in der 5. Klasse ein Jahr auf der Hauptschule und habe dann auf das Gymnasium gewechselt, heute habe ich Abitur und stehe mitten im Studium.
    So viel über das bayerische Schulsystem geschimpft wird es ist doch ein sehr durchlässiges System bei dem die schulische Leistung des einzelnen benotet und bewertet wird.

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    findet, soweit eine Doku vor kurzem im TV zeigte, allmorgendlich für diverse Schüler, die diesen Notenschnitt nicht erreichten, allerdings für sehr begabt gehalten wurden und werden statt und das schöne - sie erreichen gute Abschlüsse weit ab von dem, was die Bayern mit ihrer Idee vorgegeben hätten.

    Ich halte Bayern nicht für vorbildlich.....

    ...auf allen Ebenen des Bildungssystems kann die gröbsten Ungerechtigkeiten abfedern - da gebe ich Ihnen recht. Was die reicheren, "gebildeteren" Bevölkerungsschichten aber unter allen Umständen verhindern wollen, wie der Kampf von Ärzten, Anwälten und anderen "Gebildeten" gegen die Schulreform in Hamburg anschaulich bewiesen hat.

    Der Druck auf die Viertklässler vor dem Übergang ist massivst. Ich würde das meinem Kind nicht zumuten wollen, weil es um Kinder geht und nicht um Studenten. Es gab dazu mal eine gute 37-Grad-Doku über die Viertklässler in Bayern. Ich habe als Lehrer fast weinen müssen, wenn da das Kind abends vorm Schlafengehen das Matheheft durchgeht, statt eine Geschichte vorgelesen zu bekommen oder morgends beim Frühstück nochmal schnell das Diktat übt. Die Note ist nicht alles.

    Ich habe eine Schule besucht (als Student), die 1. keine Schulzweige hat und 2. bis zur achten Klasse keine Noten gibt. In den landesweiten Vergleichtstests liegt man über dem Schnitt, ca. 70 % der Schüler gehen auf eine andere Schule in die Oberstufe.. Die Schüler lernen dort, zu lernen und nicht, sich um des Tests wegen auf einen Test vorzubereiten. Das kann man in der 9./10. Klasse immer noch lernen. Die Noten aus der siebten Klasse jucken später niemanden mehr, warum also lassen wir die Lehrer nicht individuelle Bewertungen schreiben? Die sind exakter, reflektierter.. Und wenn sich jemand wirklich Mühe gibt und rackert um von einer 5 auf eine 3 zu kommen, ja dann ist das doch mehr wert als wenn sich ein Einser-Kandidat zurücklehnt und entspannt auf eine 3 kommt. Aber die Drei bewertet beide gleich.
    Auch die Lehrer haben die bayrische 4. Klasse in der oben genannten Doku kritisiert. Lehrer können doch nicht bei einer/m Zehnjährigen entscheiden, ob dieser Abi machen kann oder nicht...

    findet, soweit eine Doku vor kurzem im TV zeigte, allmorgendlich für diverse Schüler, die diesen Notenschnitt nicht erreichten, allerdings für sehr begabt gehalten wurden und werden statt und das schöne - sie erreichen gute Abschlüsse weit ab von dem, was die Bayern mit ihrer Idee vorgegeben hätten.

    Ich halte Bayern nicht für vorbildlich.....

    ...auf allen Ebenen des Bildungssystems kann die gröbsten Ungerechtigkeiten abfedern - da gebe ich Ihnen recht. Was die reicheren, "gebildeteren" Bevölkerungsschichten aber unter allen Umständen verhindern wollen, wie der Kampf von Ärzten, Anwälten und anderen "Gebildeten" gegen die Schulreform in Hamburg anschaulich bewiesen hat.

    Der Druck auf die Viertklässler vor dem Übergang ist massivst. Ich würde das meinem Kind nicht zumuten wollen, weil es um Kinder geht und nicht um Studenten. Es gab dazu mal eine gute 37-Grad-Doku über die Viertklässler in Bayern. Ich habe als Lehrer fast weinen müssen, wenn da das Kind abends vorm Schlafengehen das Matheheft durchgeht, statt eine Geschichte vorgelesen zu bekommen oder morgends beim Frühstück nochmal schnell das Diktat übt. Die Note ist nicht alles.

    Ich habe eine Schule besucht (als Student), die 1. keine Schulzweige hat und 2. bis zur achten Klasse keine Noten gibt. In den landesweiten Vergleichtstests liegt man über dem Schnitt, ca. 70 % der Schüler gehen auf eine andere Schule in die Oberstufe.. Die Schüler lernen dort, zu lernen und nicht, sich um des Tests wegen auf einen Test vorzubereiten. Das kann man in der 9./10. Klasse immer noch lernen. Die Noten aus der siebten Klasse jucken später niemanden mehr, warum also lassen wir die Lehrer nicht individuelle Bewertungen schreiben? Die sind exakter, reflektierter.. Und wenn sich jemand wirklich Mühe gibt und rackert um von einer 5 auf eine 3 zu kommen, ja dann ist das doch mehr wert als wenn sich ein Einser-Kandidat zurücklehnt und entspannt auf eine 3 kommt. Aber die Drei bewertet beide gleich.
    Auch die Lehrer haben die bayrische 4. Klasse in der oben genannten Doku kritisiert. Lehrer können doch nicht bei einer/m Zehnjährigen entscheiden, ob dieser Abi machen kann oder nicht...

    • R.B.
    • 03.06.2011 um 8:36 Uhr

    Fehleinschätzungen passieren auf beiden Seiten. Dennoch gibt es für mich eine Grundregel, die der Staat nicht außer Kraft setzen darf: Letztlich entscheidet der Elternwille.

    Sie und nicht der Staat sind die Erziehungsberechtigten und -verantwortlichen und begleiten ihre Kinder langjährig in der Erziehung bis hin zur Selbständigkeit.

  4. Was leider in einigen Bundesländern noch der Fall ist - und dringend abgeschafft gehört.

    Eine Leser-Empfehlung
    Antwort auf "Schwerfällig"
  5. aufnahmeprüfungen auf alle weiterführende schulen und das problem hat sich weitgehend eledigt.

    empfehlungen der lehrer sind sehr oft (zu oft) falsch und eltern........ na ja das halte ich auch nicht für das richtige. wie gesagt standardisierte aufnahmeprüfungen für jede weiterführende schule.

  6. Die Empfehlung lautete: Realschule. Meine Eltern entschieden mit mir gemeinsam, dass das Gymansium bei uns am Ort die einzige "ordentliche" Schule war. Meine damalige Lehrerin protestierte. Heute stehe ich am Ende meines Studiums, mein Abitur habe ich glänzend bestanden und meine ehemalige Lehrerin staunte nicht schlecht. Ich muss jedoch sagen, dass der Anfang meiner Karriere auf dem Gymasium schwer war.

    Als Psychologe, weiß ich welche Urteilsfehler dazu führen, dass sowohl Lehrer als auch Eltern verzerrt wahrnehmen. Außerdem steigt der Druck und die Verunsicherung aller durch die vielen Diskussionen um die Bildung in Deutschland. Auch die ungleichen Chancen auf Bildung und Unterstützung sowie ungleiche Regelung der Bundesländer tragen zu dieser großen Unsicherheit bei.

    Vergleichsarbeiten sind ein Schritt in die richtige Richtung und können die Urteile von Lehrern und Eltern unterstützen. Man muss alle Informationen bei der Entscheidungsfindung einbeziehen und sorgfältig abwägen.
    Allerdings glaube ich auch, dass der Kern nämlich die fehlende flächendeckende Unterstützung schwächerer Schüler, von Anfang an, sowie deren ganzheitliche Betreuung eine Kernaufgabe für die Zukunft ist.

    Eine Leser-Empfehlung
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    Man muss den Artikel bis zum Schluss lesen - und dann stellt man überraschenderweise fest, dass die Lehrer mit den allermeisten Empfehlungen recht haben! Aber das ist ja keine Meldung wert, und erst recht passt ja dann das Fördern von bildungsfernen Schichten nicht mehr ins Konzept.
    Schade, dass die ZEIT sich auch vor diese Ideologie spannen lässt.
    Sie haben es schon gemerkt: Hier spricht ein lehrer, aber ich gebe keine Empfehlungen, ich sehe aber die "Opfer"....

    Man muss den Artikel bis zum Schluss lesen - und dann stellt man überraschenderweise fest, dass die Lehrer mit den allermeisten Empfehlungen recht haben! Aber das ist ja keine Meldung wert, und erst recht passt ja dann das Fördern von bildungsfernen Schichten nicht mehr ins Konzept.
    Schade, dass die ZEIT sich auch vor diese Ideologie spannen lässt.
    Sie haben es schon gemerkt: Hier spricht ein lehrer, aber ich gebe keine Empfehlungen, ich sehe aber die "Opfer"....

  7. Meine Grundschullehrerin wollte mich auch auf die Realschule schicken.
    Zum Glück hat meine Mutter damals dagegen gewehrt. Ich habe später das Abitur "mit Links" gemacht.

    Andererseits konnte ich Schüler erleben, die auf's Gymnasium geschickt wurden und teils früher, teils später mit lauten Getöse gescheitert sind.

    Grundschullehrer haben gar nicht die Fähigkeiten und auch oft nicht die Gelegenheit Kinder wirklich einschätzen zu können.

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