DIE ZEIT: Sie sind Vater und Sohn und haben für sich jeweils eine sehr unterschiedliche Vaterrolle gewählt. Sie, Herr Buhmann, haben in den späten sechziger Jahren Karriere gemacht, Sie, Herr Groß, haben 2009 15 Monate Elternzeit genommen. Welchen Raum nimmt in Ihrer beider Leben der Beruf ein?

Christian Buhmann: 1967: Ich hatte für den Diplom-Handelslehrer studiert, das war das, was meine Familie wünschte. Mein Großvater hatte 1907 in Hannover eine private Handelsschule gegründet. Als mein Vater kurz nach meiner Promotion starb, fühlte ich die Verpflichtung, die Schule weiterzuführen, ich war beruflich sehr eingespannt. Im selben Jahr wurde Cord geboren, vier Jahre später meine Tochter.

DIE ZEIT: Herr Groß, Sie sind der Sohn von Herrn Buhmann. Nun sind Sie selbst Vater geworden, und Ihr Leben unterscheidet sich sehr von dem Ihres Vaters, als er seine Kinder bekam.

Cord Groß: Meine Zwillinge, ein Sohn und eine Tochter, sind im April 2009 geboren. Sie kamen etwas früher, mein Sohn ist behindert, er hat das Downsyndrom. Das mussten meine Frau und ich erst mal verdauen. Ich hatte aber auch vor dieser Nachricht schon immer den Wunsch, mich aktiv um meine Kinder zu kümmern , bis sie in den Kindergarten können. Ich dachte so an ein halbes Jahr und ursprünglich an eine Woche direkt nach der Geburt. Als die Kinder dann da waren, war aber klar: Was willst du mit einer Woche?

DIE ZEIT: Sie sind dann insgesamt 15 Monate zu Hause geblieben.

Cord Groß: Ja, und vorher hätte ich auch schon das geplante halbe Jahr als eine lange Zeit empfunden. Ich war Lehrer an einer Hauptschule, eigentlich denkt man ja, dass es im öffentlichen Dienst einfacher sei als in der Wirtschaft, als Mann in Elternzeit zu gehen, das ist es ja an vielen Stellen auch. Trotzdem war es für mich nicht leicht. Ich habe eine Klasse geführt und die Drachenboot-AG geleitet. Ich hatte ein schlechtes Gewissen und habe sehr mit mir gerungen, das kann ich so sagen. Sicherlich spielte auch meine Erziehung eine Rolle, denn als Mann muss man es innerlich schaffen, eine Entscheidung zu treffen, als Frau zwingen einen schon die Biologie und das Gesetz, irgendwann im achten Monat einen Strich zu machen. Diesen Zwang gab es für mich nicht.

DIE ZEIT: Wie sind Sie zu Ihrer Entscheidung gekommen?

Cord Groß: Die berufliche Situation meiner Frau war so, dass sie noch mitten im Staatsexamen war, als sie schwanger wurde. Mir war wichtig, dass sie ihre Ausbildung zu Ende machen kann. Und da wir Zwillinge bekamen, waren wir beide voll gefordert. Im Nachhinein würde ich sagen, dass das für mich ein großer Gewinn war . Und irgendwie hatte ich es als Vater von Zwillingen dann doch wieder leicht: Denn ich bin statusorientiert erzogen worden und konnte sagen: Okay, ich mache Elternzeit, aber ich schaffe gleich zwei. Das ist übrigens so viel Arbeit, dass ich dann nicht mehr wirklich zum Nachdenken kam. Die Tage sind proppenvoll mit Wickeln und Füttern – ob das Ganze nun angemessen ist für einen Mann, darüber konnte ich gar nicht mehr nachdenken. Aber nichtsdestoweniger: Es ist eine schwierige Zeit, und ich glaube, dass kein Vater, der sich dafür entscheidet, lange wegzubleiben, nicht auch mal ins Zweifeln kommt.

DIE ZEIT: Welchen Stellenwert hat Ihr Beruf für Sie beide?

Christian Buhmann: Für mich hatte er immer einen hohen Stellenwert, ich bin leistungsorientiert erzogen worden, auch auf meinem Gymnasium war wichtig, dass man nicht nur Durchschnitt war. Ich habe mich nach meiner Entscheidung, die Schule meines Großvaters zu übernehmen, voll damit identifiziert, und meine Selbsteinschätzung hing dann auch davon ab. Meine Frau hätte sich sicher gewünscht, dass ich etwas mehr Freizeit gehabt hätte, aber wir haben vorher darüber gesprochen, was es bedeuten würde, die Schule zu übernehmen.