Henry Paulson, Ben Bernanke und Timothy Geithner im Dokumentarfilm “Inside Job" © Sony Pictures Classics

Während die Bürger noch unter den Folgen der Finanzkrise leiden, blasen die Verursacher – Investmentbanker, Hedgefonds und andere legalisierte Wettgemeinschaften – schon wieder die Backen auf. Es geht ihnen gut, sehr gut, sie strotzen vor Selbstbewusstsein und zahlen Boni wie in alten Zeiten. Doch der nächste Crash kommt bestimmt , und bis dahin sollte man die Zeit sinnvoll nutzen – zum Beispiel damit, sich die DVD Inside Job (Sony) anzuschauen, Charles Fergusons Dokumentarfilm über die Finanzkrise 2008. Nur zur Erinnerung: Damals platzte die größte Spekulationsblase der Geschichte, und gigantische Geldwerte verschwanden spurlos in den schwarzen Löchern der Spekulation. Millionen Menschen verloren ihr Haus, ihren Arbeitsplatz, ihre Ersparnisse und ihre Altersversorgung.

Inside Job beginnt mit einem Blick auf Island, den einstigen Musterknaben des Neoliberalismus. Im Jahr 2000 wurden die drei größten Banken privatisiert, die Aktienpreise schossen in die Höhe, das luxury fever breitete sich aus, und über Nacht entstand die neue Kaste der moneyboys, der Reichen und Superreichen. Auf ihren Anwesen stapelten sich die SUVs, und ihre Learjets malten sie mit Nadelstreifen an. Das Ende ist bekannt. Islands Luftschlösser stürzten zusammen, heute ist die Insel so arm wie eine Kirchenmaus.

Dominique Strauss-Kahn tadelt die Deregulierung mit strengen Worten

Dass die Behörden bei der Verfolgung der Wirtschaftsbetrüger einen übertriebenen Eifer an den Tag legten, kann man nicht sagen. Ein Drittel aller isländischen Aufsichtsbeamten, behauptet Ferguson, habe die Seiten gewechselt und gebe nun den Banken Tipps, wie sie sich legitimen Regressansprüchen entziehen könnten.

Island war damals ein bevorzugtes Missionsgebiet neoliberaler Ordensleute. Sie kamen von der Wall Street , und ihre frohe Botschaft lautete: Sobald man die Finanzwirtschaft aus den Ketten des Staates befreie, wachse der Wohlstand der Nation, denn nichts sei effizienter als der freie Markt. Das war keine neue Verheißung. Schon Ronald Reagan, so zeigt Ferguson, startete Hand in Hand mit der Finanzindustrie eine Deregulierungsoffensive, die selbst unter Bill Clinton ungebrochen weiterlief. Riskantes Investmentbanking wurde erlaubt, Kredite wurden verbrieft und Derivate auf den Markt geschwemmt. Sogar auf das Wetter konnte gewettet werden. Unter George W. Bush war der Finanzkomplex so stark und so "frei" wie nie zuvor in der Geschichte Amerikas. George Soros, der berühmt-berüchtigte Spekulant, vergleicht diese Politik mit einer großen Demontage: Das sei so, als würde man bei Riesentankern die Sicherheitsschotten entfernen. Auch Dominique Strauss-Kahn tadelt im Film die Deregulierung mit strengen Worten, doch glaubt man der Londoner Times , hatte er mit der Wall Street eines gemeinsam: Er nahm denselben Callgirl-Ring in Anspruch, der auch die Finanzmanager bediente.

Selten hat man ehrenwerte Manager und untadelige Ökonomen so frech, so dreist und so unverschämt lügen sehen wie in diesem Film. Die wertlosen Triple-A-Ratings für marode Unternehmen? Waren lediglich "Meinungen". Bilanzfälschung, Beamtenbestechung, Geldwäsche? Cheflobbyist Scott Talbot: "Fehler passieren." Faule Kredite werden als "Qualitätsanlagen" verkauft, und dann wettet der Verkäufer gegen diese Papiere? "Business as usual." Am Ende wurden die steuerzahlenden Bürger, denen die neoliberalen Eliten stets gepredigt hatten, sie sollten den Gürtel enger schnallen, zur Kasse gebeten, während die Bankrotteure mit goldenem Handschlag verabschiedet wurden. Stan O’Neal zum Beispiel, der Vorstandsvorsitzende von Merrill Lynch, bekam aparte 162 Millionen Dollar Abfindung, vermutlich als Vorsorge gegen Altersarmut.

Im letzten Drittel des Films knöpft sich Ferguson die Wirtschaftswissenschaft vor, darunter einige berühmte Harvard-Ökonomen. Fragt man sie nach den Krisenursachen, erzählen sie dem Interviewer eine Fabel, die auch ihren deutschen Kollegen flott über die Lippen geht: Das Finanzsystem sei ein empfindsames "selbstreferenzielles Gebilde", das von niemandem, erst recht nicht von linken Umverteilern, bei seinen edlen Verrichtungen gestört werden dürfe. Ferguson nennt das Wissenschaft im Dienst des Kapitals. Viele Ökonomen träten im Gewand des unabhängigen Wissenschaftlers auf, in Wirklichkeit aber seien sie längst Teil des Finanzsystems. Gemeint ist vor allem der übermächtige Larry Summers, ehemaliger Präsident der Havard-Universität und US-Finanzminister unter Clinton. Summers machte Brooksley Born, die Chefin der Aufsichtsbehörde für Optionshandel, mundtot und ist für Ferguson ein Mitverursacher des Crashs. Seiner Reputation schadete es nicht. Summers berät wieder einen Präsidenten, diesmal Barack Obama.