Gebietsansprüche Die Seeschlacht
Ein Anwalt aus Düsseldorf kauft den gesamten Wandlitzsee in Brandenburg, führt Prozesse gegen Anwohner und verhöhnt den Bürgermeister. Die Geschichte einer Eroberung.
Werner Becker hat alles richtig gemacht an diesem stillen Samstagmorgen im Mai. Unauffällig muss er sein, leise. Auf keinen Fall darf er noch einmal den Fehler begehen und seine Macht offenbaren. Die Sonne steht schon hoch am Himmel, als er in sein kleines, weißes Plastikboot steigt. Ein Angler aus dem Verein am See hat Werner Becker geholfen, das Boot aus dem Schuppen zu ziehen und den Elektromotor zu starten. Der Motor beginnt zu summen, dann stößt Becker das Boot ab. Es gleitet hinaus auf den See. Schweigend genießt Becker den sanften Fahrtwind.
Das strahlend weiße Jet-Boot, das hohe Wellen schlug und aufreizend lärmte, hat Becker verkauft, als die Menschen am Ufer wild mit den Händen fuchtelten und ihm drohten. Die Küken der Blesshühner waren im Motorstrudel untergegangen, und Becker hatte sich nichts dabei gedacht. Damals wollte er allen hier zeigen, dass ihm der See jetzt gehörte. Damit begann das Drama. Das Ordnungsamt schickte die Polizei zum Angelsteg, damit die das Boot beschlagnahmte. Doch die Angler, die es verwahrten, gaben es nicht heraus.
Werner Becker aus Düsseldorf, 53 Jahre alt, Immobilienhändler, Rechtsanwalt, Spezialist für Steuern und Steuerhinterziehung, kaufte vor sieben Jahren den Wandlitzsee in Brandenburg, den ganzen See – so etwas hatte es noch nicht gegeben. Sofort kamen Gerüchte auf, der Fremde habe wilde Pläne: Mitten im Wasser wolle er eine künstliche Insel anschütten lassen – mit einer Villa und einem eigenen Landeplatz für Hubschrauber. Becker hat viel gelernt über die Angst der Ostdeutschen vor einem reichen Mann aus dem Westen. Jetzt, auf seinem kleinen Boot, sagt er: »Man muss alles mit Augenmaß machen.«
Becker steuert das Boot nah am Ufer entlang, er hat seine Sonnenbrille aufgesetzt. Um seine Beine flattern weite Shorts mit Khaki-Muster und großen, aufgenähten Taschen. Über seinen Bauch spannt sich ein Hemd mit gelben Streifen. Er blickt zum Horizont, mustert die Schilfgürtel, das alles gehört jetzt ihm. »Schon schön hier«, sagt er betonungslos. Es klingt so, als habe er sich vorgenommen, den See zu loben wie ein unartiges Kind, das sich nach langer Missachtung eine kleine Aufmunterung verdient hat.
Von einem Steg aus winken ihm drei nackte Männer zu, die Fleischspieße grillen. Sie lachen und prosten Becker mit Bierflaschen zu. Becker grüßt verhalten zurück. Er kennt die Männer nicht, fast niemanden kennt er hier. Aber er weiß sehr genau, wem welches Grundstück gehört und wer ihm noch Geld schuldet. Wer nicht rechtzeitig zahlt, bekommt einen Brief von Becker, den er »Schriftsatz« nennt.
Werner Becker wusste nichts über diesen See, als er ihn kaufte. Er wusste nichts von der alten DDR-Geschichte, nichts vom zwiespältigen Klang des Namens Wandlitz, nichts von der außergewöhnlich hohen Wasserqualität des Sees, nichts von seinem Fischreichtum, nichts von dem Edelfisch namens Kleine Maräne, der sonst nur in türkisblauen Alpenseen lebt. Becker hatte nur eine Luftaufnahme des Gewässers in seiner Düsseldorfer Anwaltskanzlei hängen, und er kannte ein paar Daten: 215 Hektar Fläche, bis zu 24 Meter tief. Becker fragte sich als Erstes, ob er für diesen See überhaupt eine Haftpflichtversicherung abschließen könne. »Das war meine Horrorvorstellung: Da liegt eine Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg auf dem Grund, der Zünder korrodiert, und irgendwann macht es buff«, sagt Becker.
Es gab viele Leute, die ihm damals davon abrieten, einen See zu kaufen: seine Geschäftspartner, sein Aufsichtsrat in der Firma, seine frühere Frau Barbara. Seine jetzige Freundin Kerstin, die in Berlin lebt, stellte sich vor, wie langweilig die Wochenenden würden, in der brandenburgischen Ödnis. »Die alle waren entsetzt: Biste bekloppt, so einen Tümpel im Osten zu kaufen?« Werner Becker war sich trotzdem sicher, dass er es tun musste. Er sagte zu sich selbst: »Da kannst du nichts verkehrt machen, das Ding muss funktionieren.« Das Ding, das war der See – ausgeschrieben von der Treuhand-Nachfolgerin BVVG, der Bodenverwertungs- und -verwaltungs GmbH. Eine Mulde, gefüllt mit Wasser. 400.000 Euro Kaufpreis, nur 35 Autominuten vom Berliner Alexanderplatz entfernt. Das Ding begeisterte ihn. Das Ding, und was er damit machen konnte.
Werner Becker würde gerne noch viel erzählen über Rechnungen, die er aufstellte, Einnahmequellen, Gewinnerwartungen, aber plötzlich läuft Wasser ins Boot. Es dringt durch den Schacht ein, in dem die Batterie steht, eine 4.000 Euro teure Spezialbatterie. Das Heck des Bootes sinkt immer tiefer ins Wasser. Der See meint es nicht gut mit ihm, Becker kehrt um. »Da muss sich der Norbert drum kümmern«, sagt Becker.
Der Norbert ist ein 70 Jahre alter Angler aus Wandlitz, den Becker zu seinem Verbündeten gemacht hat. Einen wie ihn braucht Becker, einen Vertrauten im Ort. Wandlitz hat 5.600 Einwohner, viele Zugezogene darunter. Zwischen den alten Reetdachhäusern ragen jetzt neue Fertighäuser mit Glasfronten und lackierten Dachziegeln zwischen den Kiefern hervor. Becker hat nicht einmal eine Wohnung hier, kein Zimmer, keinen Stützpunkt, nur seinen See und ein leeres Grundstück. Aber er hatte immer schon einen Plan: Geld verdienen mit seinem Eigentum, die Anwohner zahlen lassen für ihren Zugang zum Wasser, sie notfalls dazu zwingen.
Der reiche Sack aus dem Westen wird uns erpressen! Er hat unsere Natur gekauft! Jetzt müssen wir Gebühren zahlen, wenn wir schwimmen wollen! Wir müssen vor ihm einen Diener machen! So sprachen die Menschen im Ort über ihn, als er das erste Mal am Wandlitzsee auftauchte, so sprechen viele noch heute. West gegen Ost. Reichtum gegen Armut. Geschäftssinn gegen Naturliebe. Spekulation gegen Heimatverbundenheit. So schlicht fielen die Gleichungen aus, als das Drama um den Wandlitzsee begann. Aber wenn man sich heute fragt, wer die Bösen sind und wer die Guten, dann muss man lange nachdenken. Es wäre naheliegend, die Geschichte vom gnadenlosen Westdeutschen zu erzählen, der im Osten auf Beutezug ging, und doch ist die Wahrheit ein wenig komplizierter.
Der Wandlitzsee ist nicht irgendein Gewässer, rund um den See siedelten die Mächtigen der DDR und genossen ihre Privilegien. Vor allem das Nordufer mit dem bis ans Wasser reichenden Kiefernwald und den Grundstücken Richtung Süden war begehrt. Alexander Schalck-Golodkowski, der Devisenbeschaffer der DDR, hatte hier eine Villa, ebenso Pjotr Abrassimow, der sowjetische Botschafter. Willi Stoph, der frühere Staatsratsvorsitzende, wohnte hier und nicht in der sechs Kilometer entfernten Waldsiedlung, wo sich die übrigen Regierungsmitglieder der DDR hinter Schlagbäumen und Stacheldraht verschanzten.
Nach der Wende fiel der Wandlitzsee an die Treuhandanstalt. Die Treuhand-Nachfolgerin BVVG sollte das Volkseigentum, das übrig geblieben war, privatisieren, auch die Seen. Sie verkaufte viele Seen – an Kommunen, Naturschutzverbände, Privatleute. Nie gab es Ärger – bis Werner Becker kam.
Als der See im Jahr 2003 ausgeschrieben wurde, ließ sich Becker die Unterlagen schicken. Er wartete bis zum letzten Tag der Frist, ehe er sein Angebot abgab: 400.000 Euro. Die Gemeinde Wandlitz bot mit, blieb aber mit ihrem Angebot von 200.000 Euro weit hinter Becker zurück. Der bekam den Zuschlag. »Die haben sich verzockt«, sagt Becker. »Die haben sich gedacht: Da bietet keiner mit.«
Nach dem Verkauf ging ein Aufschrei durch Wandlitz: Angegiftet wurde Becker, beschimpft und beleidigt. Sogar an anderen Seen in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern protestierten Anwohner nach dem Verkauf des Wandlitzsees. In einer Fernseh-Talkshow wurde gestritten: Wem gehören die Seen? Allen oder nur einem? Die Bewohner um den Mellensee südlich von Berlin sammelten über 100.000 Unterschriften für eine Bundestagspetition gegen die weitere Seenprivatisierung gesammelt.
Die Linken in der Wandlitzer Gemeindevertretung – die zweitstärkste politische Kraft knapp hinter der SPD – gingen als Erste auf Becker zu. Sie luden ihn zu sich ein, in das Büro eines Unternehmers, der ihnen nahesteht. Der Treffpunkt sollte ein neutraler Ort sein. Sie fragten, was er vorhabe. Becker antwortete: »Meine Investition wieder reinholen und den See am Ende immer noch besitzen.« Er spricht offen, von verklärenden Worten hält er nicht viel. Er betrachtet einen See nicht anders als ein Bergwerk.
Becker hat immer gerne Geld verdient. Schon mit 20 Jahren besaß er gemeinsam mit einem älteren Freund eine Immobilienfirma in Berlin, die glänzende Geschäfte mit Altbausanierungen machte. Becker war in den achtziger Jahren nach West-Berlin gezogen, um sich der Bundeswehr zu entziehen, wie so viele. Eigentlich wollte er Physik studieren. »Aber ich habe gesehen, das große Geld verdienst du damit nicht«, sagt er. Beckers Vater war Schlosser, die Mutter Hauswirtschafterin. Er wollte den Verhältnissen entkommen, die seine Kindheit geprägt hatten. Er wollte Wohlstand, der Unabhängigkeit versprach.
Aber als sich sein Kompagnon nach Kanada absetzte und er die Berliner Baufirma auflösen musste, war er gezwungen umzudenken. Becker ging zurück nach Nordrhein-Westfalen und stürzte sich an der Bochumer Ruhr-Universität in ein Jurastudium. In nur sechs Semestern schloss er es ab.
Hätte sich der Staat damals familienfreundlicher verhalten, wäre Becker heute vermutlich Steuerfahnder. Der Beruf hätte ihn gereizt, aber Becker bestand darauf, nur Teilzeit zu arbeiten. Er war alleinerziehender Vater; er teilte sich die Betreuung seines kleinen Sohnes mit seiner früheren Frau. Darauf wollte sich die Steuerfahndung nicht einlassen. So landete Becker auf der anderen Seite: Er wurde Fachanwalt für Wirtschaftsstrafrecht in Düsseldorf, zuerst nur drei Tage in der Woche. Über seine Mandanten spricht er nicht. Nur so viel sagt er: »Wenn Sie Steuerstrafrecht können, ist es dem Klienten egal, was der Anwalt kostet, der will nur eins: nicht in den Knast.«
In dem prächtigen Altbau am Rand der Düsseldorfer Altstadt, in dem früher der Präsident des nordrhein-westfälischen Landtags residierte, breiten sich heute Beckers Kanzlei und seine Immobilienfirma Teutonia aus. »In den letzten Jahren haben wir ein paar Hundert öffentlich geförderte Wohnungen in Düsseldorf gebaut«, sagt Becker. »Keine exorbitanten Renditen, aber sichere Einnahmen.«
Auf dem Schreibtisch liegt aufgeschlagen ein dickes Buch in rotem Einband: das Brandenburgische Wassergesetz – Beckers Gebrauchsanweisung für den Wandlitzsee. Darin ist geregelt, was man an einem See darf und was nicht. Man dürfe so gut wie alles, sagt Becker: baden und tauchen, mit einem Boot ohne Motor darauf fahren, Vieh daraus trinken lassen, zum persönlichen Gebrauch daraus schöpfen und im Winter darauf Schlittschuh laufen. Alles unabhängig davon, wem das Gewässer gehört. »Wasser«, sagt Becker in dozierendem Ton, »ist ein öffentliches Gut.« Deshalb dürfe er den Wandlitzsee nicht abpumpen. Oder stilllegen wie ein marodes Stahlwerk. »Das Wasser gehört mir nicht. Ich besitze nur ein Grundstück, wo eine Pfütze draufsteht.«
Wenn sich durch die Privatisierung gar nichts ändert – warum dann die Aufregung? Am Wandlitzsee wohnen auch heute wieder Politiker, keine mehr aus der SED, sondern Demokraten: der SPD-Landtagsabgeordnete und ehemalige Landesminister für Raumordnung, Reinhold Dellmann, zum Beispiel. Die Parlamentarische Geschäftsführerin der Linken im Bundestag, Dagmar Enkelmann, hat hier ihren Wahlkreis und wohnt in der Nähe. Auf diese Weise ist vieles von dem, was in Wandlitz passiert, bis in den Bundestag vorgedrungen.
Der wichtigste Politiker am See ist Udo Tiepelmann, der Bürgermeister von Wandlitz. Ein Sozialdemokrat, der sehr sozialdemokratische Sätze spricht. Sein Amtszimmer liegt im ersten Stock des Rathauses, eines umgebauten ehemaligen Hotels, das fleischfarben angestrichen ist. »Ein See ist eine ortsbildprägende Liegenschaft«, das ist so ein Tiepelmann-Satz. Ein anderer lautet: »Ich vertrete die Ansicht, dass solche Liegenschaften nicht in private Hand gehören.« Tiepelmann ist einer jener Beamten, die nach der Wende von Nordrhein-Westfalen an das Land Brandenburg ausgeliehen wurden, dann aber geblieben sind. »Ich halte Herrn Becker nicht für einen Gutmenschen«, sagt Tiepelmann, »den einzigen Gutmenschen, den ich kenne, sehe ich jeden Morgen im Spiegel.«
Tiepelmann ist ein großer, schwerer Mann, der meist mürrisch durch die Sandwege des Ortes stapft. Seit Becker seiner Kommune den See weggeschnappt hat, gilt Tiepelmann bei den Wählern als Verlierer. Hätte der Bürgermeister ein höheres Angebot abgegeben, wäre alles beim Alten geblieben. Dann gehörte der See weiterhin ihnen. Wandlitz hätte sich das leisten können. Anders als die meisten Kleinstädte im Osten ist Wandlitz eine wachsende Gemeinde. Familien aus Berlin ziehen hierher, auch viele Westdeutsche. Mit ihnen wird Wandlitz immer wohlhabender.
Aber als Becker sein Gebot abgab, sei der Ort noch arm gewesen, sagt Tiepelmann. Damals hätte die Gemeinde einen Kredit aufnehmen müssen, um den See kaufen zu können. Und das habe der Landrat ihm untersagt. Der Bürgermeister reicht den Brief über den Besuchertisch in seinem Amtszimmer. »Zur Sicherung der öffentlichen Nutzung des Wandlitzsees im gegenwärtigen Umfang«, schreibt der Landrat, »ist ein Ankauf durch die Gemeinde nicht erforderlich.«
Sie haben diesen Becker unterschätzt. Werner Becker hat einfach nachgezählt. 150. Eine fantastische Zahl. Von den rund 500 Grundstücken am See haben 150 einen eigenen Steg. 150 Stege, deren Pfähle in seinem Besitz stehen. 150 Geldquellen.
Jedes Bauwerk, das in einen See ragt und dort im Boden verankert ist, gehört dem Eigentümer des Sees, das hat Becker herausgefunden. Demnach sind alle Stege von nun an seine. Ist ein Steg älter als drei Jahre, darf ihn Becker zwar nicht mehr abreißen lassen, aber er kann verlangen, dass die Anwohner den Steg nicht mehr betreten – es sei denn, sie zahlen Becker dafür eine Pachtgebühr.
Den größten Steg hat das Strandbad von Wandlitz. Vor zwölf Jahren ließ die Gemeinde es für fünf Millionen Mark aufwendig renovieren, mit Zuschüssen des Landes, des Bundes und der Europäischen Union. Die Attraktion des Bads ist ein Steg mit Sprungturm, drei Meter breit, 20 Meter lang. Becker sagt: »Einen Riesenklopper haben die da reingesetzt.«
Becker erkundigte sich bei der BVVG, ob es über den Steg eine Vereinbarung mit der Gemeinde gab. Aber da war nichts. »Die haben ganz dreist auf einem fremden Grundstück gebaut!«, sagt Becker. Er habe also den Bürgermeister angesprochen und ihm gesagt: »Wir müssen da was regeln.« Der Bürgermeister habe erwidert: »Hier gibt es nix zu regeln.«
Becker drohte mit Klage. Er wollte der Gemeinde verbieten lassen, den Steg und den Sprungturm zu benutzen. Das Strandbad hätte seine größte Attraktion verloren. Doch bevor es zur Verhandlung kam, unternahm Becker einen letzten Versuch, diesmal am Bürgermeister vorbei. »Ich habe mir die vier Fraktionsvorsitzenden in der Gemeindevertretung geschnappt und gesagt: Kinder, wir müssen uns verständigen, da muss Rechtsfrieden her.« Es sei dann zu einem »Vergleichsgespräch« gekommen – »am Tisch des Bürgermeisters, der den Vergleich nicht wollte!«. Aber die Fraktionsvorsitzenden von SPD und CDU hätten sich über den Bürgermeister hinweggesetzt. Die SPD ist mit 28 Prozent die stärkste Partei, die CDU mit 15 Prozent drittstärkste. Damit war die Sache entschieden. Von nun an war Becker der Mann, der den Bürgermeister blamiert und die politischen Mehrheiten gedreht hatte. Das war gut für Becker, aber schlecht für den Bürgermeister.
Die Gemeinde Wandlitz zahlte Becker 60.000 Euro. Dafür wurde ihr eine »Grunddienstbarkeit« ins Grundbuch eingetragen. Becker sagt: »Sie darf also ihr Strandbad im See auf ewig betreiben und auch den Steg und den Sprungturm behalten.«
An dieser Stelle könnte die ganze Geschichte halbwegs harmonisch zu Ende gehen, aber sie geht weiter. Weil der Bürgermeister Tiepelmann von seiner Liebe zum See nicht lassen kann. Und weil der Rechtsanwalt Becker noch einmal nachgemessen hat an seinen Ufern.
Über seine Niederlage im Streit ums Strandbad will der Bürgermeister heute nicht mehr reden. Er sagt nur: »Erfahrung ist das, was man hat, wenn man es nicht mehr braucht.« Allerdings braucht er Werner Becker weiterhin, das ist sein Problem. Die Kommune hat nämlich vor, eine Elektrofähre über den See fahren zu lassen – da muss Becker einwilligen. Zwischen dem Ortsvorsteher Tiepelmann und dem Eroberer Becker entwickelt sich ein unzertrennliches Verhältnis, das mit jeder Begegnung neu auf die Probe gestellt wird.
»Wir wissen beide, was wir voneinander halten«, sagt Becker. »Er hält mich für einen Blödmann, ich halte ihn für einen Blödmann. Wir kommen miteinander aus.« Als Becker kürzlich bei Tiepelmann anrief, fragte der Bürgermeister zur Begrüßung: »Spreche ich mit dem größten Arschloch nördlich des Äquators?« Becker erwiderte: »Und ich kann Sie dafür nicht mal verklagen, denn ich habe es ja selbst über mich gesagt.«
Becker war in einer Talkshow im Fernsehen aufgetreten, das Thema der Sendung: »Mein See, mein Steg, mein Weg! – Osten vor dem Ausverkauf?« Becker war die Rolle des Bösewichts zugedacht, und er nahm sie lustvoll an. Über seine Lesebrille hinweg grinsend, eröffnete er das Gespräch mit den Worten: »Andere kaufen sich einen Ferrari, ich habe mir den Wandlitzsee gekauft. Bei einigen gelte ich deswegen hier wohl als das größte Arschloch nördlich des Äquators.« Gesine Lötzsch, die Vorsitzende der Linken, sah Becker so angewidert an, als habe er gerade ausgesprochen, wie sie über ihn dachte. Vor der Sendung hatte sie sich geweigert, ihm die Hand zu reichen.
Der Schlagersänger Michael Hansen, der seit 1973 in einem reetgedeckten Haus in Wandlitz wohnt und dort heute in seinem Tonstudio ehemalige Stars wie Roberto Blanco produziert, sagte in der Talkshow: »Der Gemeinde 60.000 Euro in Rechnung zu stellen für etwas, das sie selbst gebaut und bezahlt hat, das finde ich schon stark.«
Es war ein Berufsfischer, ein Ortsfremder wie Becker, der den See 1831 vom Preußischen Staat kaufte. Über Generationen hinweg lebte die Familie vom Fischfang. 1945 wurde die letzte Besitzerin des Sees während der sowjetischen Bodenreform enteignet. Als der See privatisiert wurde und an Becker fiel, sei daher nur die ursprüngliche Eigentumsform wiederhergestellt worden. So sagte es der ostdeutsche FDP-Abgeordnete Patrick Kurth in der Talkshow.
Werner Becker ist fast jeden Samstag in Wandlitz. An den Wochenenden fliegt er von Düsseldorf nach Berlin, zu seiner Freundin und deren neunjähriger Tochter im Stadtteil Dahlem. Für ein paar Stunden fährt er dann mit seinem silbergrauen Mercedes-Cabrio hinaus zum See, wie einer von tausend Stadtflüchtlingen. Becker weiß nie genau, wo er hinwill, wenn er zum See fährt. Wo könnte er sich hinsetzen? In sein Boot? Sicher. Aber an Land? Auf eine Parkbank, ja, das ginge. Aber dann kommen vielleicht Leute und machen ihn blöd an. Also stoppt er sein Cabrio vor dem Bistro Il Fornaio, der einzigen passablen Kneipe im Ort, gleich gegenüber dem Strandbad. Dort setzt er sich an einen Tisch vor der Tür, blickt auf den Parkplatz, trinkt eine Tasse Cappuccino und isst ein Stück Apfelkuchen. Fast jede Woche sitzt er hier, aber er kennt noch immer nicht den Namen des Wirts.
Wenn er bezahlt hat, steigt er wieder in sein Auto und fährt mit offenem Verdeck durch die Straßen am Nordufer. Thälmannstraße, Karl-Marx-Straße, Karl-Liebknecht-Straße. Er rollt langsam an Villen vorbei, in deren Gärten sich niemand blicken lässt. Wo sind die Bewohner? Stehen sie wieder hinter ihren Gardinen und beobachten ihn? Werden sie sich an ihm rächen?
Als Becker das erste Mal versuchte, mit ihnen Geschäfte zu machen, probierte er es mit Aktien. Becker gründete die Wandlitzsee Aktiengesellschaft und bot allen 150 Anwohnern, die einen Steg am See besitzen, Vorzugsaktien an: 7500 Euro pro Papier. Jede Aktie sollte garantieren, einen neuen Steg bauen zu dürfen oder den alten Steg weiter zu betreten. Auf diese Weise wäre jeder Aktienbesitzer zum Miteigentümer seines Sees geworden.
Die Sache ging schief. Nur sechs Aktien habe er verkauft, sagt Becker, die Käufer seien allesamt zugezogene Westler gewesen. »Bei den anderen nützte mein ganzes Argumentieren nichts, ich habe denen gesagt: Die Wandlitzsee AG hat keinerlei Bankkredite, die hat keine Schulden, die kann nicht pleitegehen.« Doch die Ostdeutschen, die er ansprach, hätten erwidert: »Verkauf uns doch das Grundstück mit dem Steg drauf! Wenn wir das kaufen können, machen wir das sofort.«
Und dann hatte Becker eine Idee. Er ließ einen Vermessungsingenieur kommen. Der machte eine sensationelle Entdeckung: Die meisten Grundstücke enden vor der Wasserlinie. Viele Anwohner, die glaubten, sie besäßen ein Seegrundstück, erfuhren nun, dass sie nur ein Landgrundstück haben, ohne jedes Recht auf einen Zugang zum See. Der See war geschrumpft, er war kleiner als in den Karten angegeben. Die Grenzen auf den Karten stimmten aber oft auch nicht, weil frühere Vermessungen, die letzte war 1906, falsch waren. So lag zwischen den Grundstücksgrenzen der Wandlitzer und der Uferlinie von Beckers See ein Streifen Niemandsland – Niemandsland, das Becker gehört.
In der DDR kümmerte das keinen, da wurde sogar über Grenzen hinweg aufs Nachbargrundstück gebaut – so wie das Haus des einstigen Staatsratsvorsitzenden, das zur Hälfte auf Beckers Seegrundstück steht. Der heutige Besitzer, ein Bauunternehmer aus dem Osten, hat bei Becker nachgezahlt.
Auch allen anderen Anwohnern schickte Becker einen Brief und forderte sie auf, mit ihm Kontakt aufzunehmen. Viele, sagt Becker, hätten gar nicht reagiert, andere geantwortet, sie seien nicht bereit zu zahlen. Becker ging vor Gericht. Er führte drei Musterprozesse. Und er gewann. Jetzt kann er von allen 150 Eigentümern, die einen Steg ins Wasser gebaut haben, Geld verlangen, weil die auf seinem Grundstück stehen. Die anderen Seegrundstücksbesitzer betrifft es nicht, ihnen muss er den Zugang zum See gewähren, wie es das Wassergesetz vorschreibt.
Seitdem ist Becker der Eindringling, der erst den Bürgermeister besiegte und danach die Bürger. Anwohner kommen heute von sich aus zu ihm, um mit ihm zu verhandeln. Im Durchschnitt verlangt er 15.000 Euro für den Uferstreifen jedes Grundstücks. An manche Anwohner verpachtet er auch. Vom Angelverein verlangt Becker nur 300 Euro im Jahr. Dafür darf er sein Boot bei den Anglern unterstellen.
Einigen Anwohnern knöpft er 40.000 Euro ab, je nachdem, wie sie ihn behandeln. Wer ihm dumm kommt, zahlt mehr. Kommt ihm jemand besonders dumm, verkauft er den Uferstreifen an Bieter, die ganz woanders wohnen. Dann kann es passieren, dass da plötzlich ein Zaun am Ufer steht und fremde Leute auf dem Steg vor dem eigenen Haus herumhüpfen.
Die Anwohner wollen nicht über Becker reden. Der Vorsitzende des Angelvereins findet alles in Ordnung. Der Chef des Segelvereins hat nie Zeit für ein Gespräch und beendet schnell jedes Telefonat. Der Besitzer einer Wochenend-Datsche winkt wortlos ab. Egal, welche Anwohner man fragt, die Antwort lautet: Kein Kommentar.
Es war wohl ein Fehler der Politik, dass Seen im deutschen Einigungsvertrag genauso behandelt wurden wie Ackerflächen und Wiesen. Das sagt nicht Werner Becker, sondern Wolfgang Horstmann, bis vor Kurzem der Geschäftsführer der BVVG. »Niemand setzt sich abends mit einem Glas Wein an einen Acker, das macht man aber sehr gerne an einem See.« Becker ist das egal. Er hat noch nie mit einem Glas Wein am Ufer des Wandlitzsees gesessen.
Der See ist seine Altersvorsorge. »Rechnen Sie mal hoch«, sagt er, »15.000 Euro mal 150 Grundstücke, da sind Sie bei 2,25 Millionen. Gezahlt hab ich 400.000.« Er sitzt hinter seinem breiten Kanzleischreibtisch, vor sich das Brandenburgische Wassergesetz, und strahlt übers ganze Gesicht. »Die Rechnung hat der Bürgermeister auch gemacht, deshalb mag der mich nicht leiden. Der Bürgermeister sieht ja alle Kaufverträge, denn die Gemeinde hat für jedes Grundstück ein Vorkaufsrecht.«
Einer der Ersten, dem er einen Uferstreifen verkauft habe, »war ein Wessi, der hat ein großes Möbelhaus in Berlin, ganz jovialer Typ«. Mit dem habe er auf dem Kurfürstendamm in Berlin mit einem Glas Sekt angestoßen. »Da sagt der zu mir: Becker, dein See, das ist doch so was wie eine fette Salami, nicht? Wenn du Hunger hast, schneidest du ein Stückchen ab, dann stellst du sie wieder in den Schrank. Dann holst du sie wieder raus, schneidest ein neues Stück ab.«
Becker liebt diesen Vergleich. Ein See wie eine Salami! Bislang hat sich Becker rund 60 von den 150 Salamischeiben abgeschnitten. Es gibt niemanden in Deutschland, der das so konsequent durchgezogen hat wie er. Um noch mehr Fälle dieser Art zu verhindern, werden Seen inzwischen nicht mehr privatisiert. Die anderen Seen im Bestand der BVVG sollen an Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern verkauft werden. In Brandenburg sind es noch 220 Seen, in Mecklenburg 60. »Irgendwann werde ich als Rechtsanwalt keine Lust mehr haben«, sagt Becker, »dann verkaufe ich jedes Jahr drei Grundstücke!«
»Das ist es, was der Ossi nicht verstehen kann«, sagt Brigitte Wanitschek, selbst eine Ostdeutsche. »Er kann nicht verstehen, dass man etwas kauft, um damit Geld zu machen.«
Die Frau, die so redet, ist eine der wenigen Einheimischen in dieser Geschichte: Sie ist in Wandlitz aufgewachsen, mit ihrem Mann und ihren vier erwachsenen Töchtern wohnt sie in einem Haus aus den dreißiger Jahren am Nordufer des Sees. Sie trägt ein schlammfarbenes Top, ärmellos, dazu kurze Shorts und hüpft leichtfüßig über ihr Anwesen. Vor ihrem Haus fällt ein eingewachsener Garten terrassenförmig zum Ufer hin ab. Brigitte Wanitschek schnappt sich eine Flasche Weißwein und ein weißes Badetuch aus der Saunahütte und geht hinunter zum Wasser. Sie wirft das Handtuch auf einen Teakholztisch am Ende des Stegs und sagt: »Ach ja: Wir schwimmen hier alle nackt.«
Ganz so offenherzig ist sie nicht, wenn man sie fragt, wie sie an dieses Haus und diesen Garten kam. Es habe nach der Wende leer gestanden, sagt sie, es habe einem General der Volksarmee gehört, der abgehauen sei. Sie wollte das Haus unbedingt haben und entriss es der Treuhandanstalt in zähen Verhandlungen.
Viele Wandlitzer, sagt Brigitte Wanitschek, fühlten sich in Wahrheit nicht als Opfer dieses westdeutschen Geschäftsmannes: Sie seien ja nicht viel anders als Becker, all die Rechtsanwälte, Unternehmer, Handwerker und Ärzte, die am See ihre Häuser haben. Einige von ihnen seien aus dem Westen hergezogen, aber die meisten immer noch Ossis, wohlhabende Ossis. »Die hätten den See auch gekauft – aber niemand von denen hätte damit auch nur einen Euro wieder eingenommen.«
Einige Anwohner haben sich an die Anwältin Wanitschek gewandt, damit sie etwas gegen Becker unternehme. Aber sie musste ihren Klienten sagen: Becker sei im Recht, wenn er Geld für die Uferstreifen verlange. Becker habe sogar eine soziale Ader. Eine 92 Jahre alte Nachbarin, die krank war und kaum Geld hatte, habe Becker in Ruhe gelassen. Dafür habe er später mit den Erben ein umso besseres Geschäft gemacht. »Becker«, sagt die Anwältin, »tritt auf wie ein Amerikaner, der sagt: Hier ist deine Kündigung. Und im nächsten Moment: Um wie viel Uhr spielen wir heute Abend Tennis?«
Die Schlacht am Wandlitzsee ist ein Kampf um die besten Plätze. Jeder möchte in der ersten Reihe sitzen, natürlich am Nordufer des Wandlitzsees, mit Blick nach Süden, dorthin, wo die Sonne am Himmel steht. Es ist ein Kampf unter Eliten, kein Klassenkampf.
Zwischen all den großen und kleinen Häusern am Nordufer liegt ein unbebautes Grundstück, ein schmaler Streifen mit einer kleinen Hütte darauf. Mächtige Bäume, Rhododendren. Ein schmaler Steg führt durch das Schilf in den See. Das Stück gehört dem Badeverein Illvera. Er will Anwohnern, die nicht am Ufer wohnen, möglich machen, im See zu baden. Das klingt sehr sozial.
Aber nicht jeder ist willkommen. »Das Kriterium der zweiten und dritten Reihe muss man erfüllen, wenn man dem Verein beitreten will«, sagt der Vereinsvorsitzende Michael Schmiale. Wandlitz ist vor seinem inneren Auge nach Reihen sortiert: Jede Straße, die ringförmig dem Uferverlauf folgt, ist eine Reihe. Um an den Illvera-Strand zu gelangen, muss man also fast am See wohnen, aber nicht ganz. In der Satzung ist Straße für Straße genau festgelegt, wo einer wohnen muss, um dazuzugehören.
Eine Zeit lang sah es so aus, als zerbreche der Verein an Beckers Forderungen. 220 Quadratmeter groß ist das Ufergelände, das Becker gehört – mehr als ein Viertel des Grundstücks. Diesen Teil musste der Verein Becker abkaufen, um nicht selber plötzlich zweite Reihe zu sein. Für wie viel Geld, das möchte der Vereinsvorsitzende Michael Schmiale, der eine Handelsagentur für Möbel führt, für sich behalten. »Sagen wir es so: Wir haben 60 Vereinsmitglieder, und jeden kostete es 1.000 Euro.« Zu Beginn der Verhandlungen mit Becker hatte der Verein fast doppelt so viele Mitglieder – die Hälfte aber konnte oder wollte nicht an Becker zahlen und trat aus. Der frühere Vorsitzende, ein Frauenarzt, gab entrüstet sein Amt zurück. Im Verein blieben diejenigen, die es sich leisten können und wollen, Zweite-Reihe-Menschen, die sich in der ersten Reihe sehen.
Werner Beckers eigenes Seegrundstück in Wandlitz, in der ersten Reihe, liegt nicht weit vom Strandbad entfernt. Den Steg mit dem Sprungturm kann er von dort aus gut sehen. Einen hässlichen Entwässerungsgraben wird die Gemeinde für ihn noch aufs Nachbargrundstück verlegen lassen. Im Gegenzug hat Becker dem Ort den Uferstreifen vor dem Strandbad geschenkt. Werner Becker ist großzügig geworden. Er verschenkt jetzt viel, zum Beispiel einen Uferstreifen im alten Dorfkern an die Gemeinde. Dort darf die Verwaltung den Anleger für ihre Elektrofähre bauen. Wenn Becker so weitermacht, werden sie ihn bald zum Bürgermeister wählen.
- Datum 06.06.2011 - 06:57 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 1.6.2011 Nr. 23
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Wir leben in einem Wirtschaftssystem, das wenigen nützt - und vielen kostet.
Egal, ob WIR die Boni der Banker bezahlen, die Kredite deutscher Banken an Griechenland abstottern müssen.
Wenige kassieren - viele zahlen.
In einer endlichen Welt ein problematisches System.
Generell gehören alle Seen und Seeufer enteignet, verstaatlicht und der Allgemeinheit zugänglich gemacht.
Darauf sollte wohl die Betonung liegen:
Soweit ich den Artikel verstanden habe, ist es der Allgemeinheit ja keineswegs erlaubt, die See-Grundstücke zu betreten.
Ich kann mir ganz gut vorstellen, dass die Besitzer der Ersten reihe ganz zufrieden sind, dass es Herrn becker gibt. Wenn ich so an den See-Weg in Potsdam denke ...
Darauf sollte wohl die Betonung liegen:
Soweit ich den Artikel verstanden habe, ist es der Allgemeinheit ja keineswegs erlaubt, die See-Grundstücke zu betreten.
Ich kann mir ganz gut vorstellen, dass die Besitzer der Ersten reihe ganz zufrieden sind, dass es Herrn becker gibt. Wenn ich so an den See-Weg in Potsdam denke ...
sind ein Grund, warum ich mich im Osten mitunter so für meine West-Herkunft schäme. Nicht zu fassen, daß es einer Privatperson gestattet ist, sich als König seines Reichs zu gerieren und die Gewohnheitsrechte der Anwohner zu mißachten.
Es ist kein Wunder, daß viele Menschen im Osten die Wiedervereinigung als feindliche Übernahme des Westens betrachten. Daran ändern auch die 'Geschenke' eines Herrn Becker nichts.
ich schätze Ihre Beiträge sehr und stimme Ihnen auch diesmal weitgehend zu.
"Gewohnheitsrecht" allerdings erzeugt Pfründe und Privilegien, die einfach aus dem Status Quo heraus begründet werden. Es erzeugt somit eine Art Adelsstand, der einfach aufgrund von Tradition fortgeführt ist, unabhängig von Kriterien wie Leistung, Bedarf, Charakter (oder...ja, welche eigentlich??? Welche wollen wir?)
Gewohnheitsrecht ist also m.E. auch keine Lösung. Da ist mir der Kapitalismus ehrlich gesagt lieber, auch wenn seine Auswüchse gerade hier sehr gut sichtbar werden.
Ob die Menschheit jemals so etwas wie totale Gerechtigkeit herstellen kann? Ich bezweifle es...es wird immer Stückwerk bleiben.
ich schätze Ihre Beiträge sehr und stimme Ihnen auch diesmal weitgehend zu.
"Gewohnheitsrecht" allerdings erzeugt Pfründe und Privilegien, die einfach aus dem Status Quo heraus begründet werden. Es erzeugt somit eine Art Adelsstand, der einfach aufgrund von Tradition fortgeführt ist, unabhängig von Kriterien wie Leistung, Bedarf, Charakter (oder...ja, welche eigentlich??? Welche wollen wir?)
Gewohnheitsrecht ist also m.E. auch keine Lösung. Da ist mir der Kapitalismus ehrlich gesagt lieber, auch wenn seine Auswüchse gerade hier sehr gut sichtbar werden.
Ob die Menschheit jemals so etwas wie totale Gerechtigkeit herstellen kann? Ich bezweifle es...es wird immer Stückwerk bleiben.
... das der werter Herr Anwalt(wie passend) mit seiner Selbsteinschaetzung durchaus richtig lag. Mehr braucht man dazu, meiner Meinung nach, nicht zu sagen.
Um zu dieser Ueberzeugung zu kommen, braucht man uebrigens kein Gutmensch zu sein. Auch klar, das die FDP solche Leute auch noch unterstuetzt.
[...]
"die Angst der Ostdeutschen vor einem reichen Mann aus dem Westen"
Woher die wohl kommt? Der halbe Osten gehört dem Westen. Oder auch mehr, Zahlen zu dem Thema findet man kaum. Ich bin nach der Wende ein Dutzend Mal in meiner Stadt umgezogen - ein Haus nach dem anderen gehörte einem Arzt, einem Rechtsanwalt, einem Bauunternehmer usw usf - alle aus dem Westen. Ausnahmslos. Das macht nicht nur Angst, das macht Wut.
Vielleicht könnte sich ja ein Zeit-Journalist mal dieses Themas annehmen und recherchieren, wieviel ostdeutscher Grund und Boden überhaupt noch den "Eingeborenen" gehört. Aber vermutlich ist dieses Thema ja "politisch unkorrekt", weil wir doch alle Deutsche sind *AchtungIronie*.
Im übrigen kann ich Kommentar 2 nur zustimmen. Die Idee des Volkseigentums hat schon was. Vielleicht kommt man irgendwann wieder drauf...
Gekürzt. Bitte bleiben Sie in Ihrer Wortwahl sachlich. Danke. Die Redaktion/ag
Der Staat hat durch seltsame Steuerpakete Anleger aus dem Westen nahezu gezwungen Geld im Osten zu investieren. Mein Vater hat dies auch tun (müssen), und ist darüber auch überhaupt nicht glücklich. Man wollte den Osten durch Investitionen strukturell stärken.
So böse sind wir Wessis nun auch wieder nicht ;)
...du passiert dank EU-Osterweiterung etc.? Überall schossen in den guten Lagen die Preise durch die Decke, während die Löhne der Einheimischen bestenfalls hinterherkriechen. Da sind und werden einige UNGLAUBLICH reich, am besten noch steuerbevorteilt per "Investitionsförderung". In den Folgejahren fliesst dann per Mietzins das Geld in die umgekehrte Richtung zurück. Hätte man die Wohnungen marktgerecht an Einheimische verkauft, wäre man nachhaltiger gefahren, aber eben viel langsamer, da Anwalt/Makler/Gemeinde auch keine so dicken Margen einstecken, wenn der Preis nur ein zehntel beträgt.
Das einzige was mich diesbezüglich tröstet: manchmal gehts auch schief und die luxussanierten Wohnungen stehen leer, weil die Leute längst weggezogen sind.
Volkseigentum, wie das aussieht konnte man 1990 besichtigen, und heute noch in vielen Staaten des ehemaligen Ostblocks. Und in Deutschland frisst der Unterhalt des Volkseigentums das Einkommen, derer die noch nicht geborenen sind schon heute auf.
Im Übrigen: Wer war hier zu erst von der Geldgier getrieben? Die Treuhand, BVVG o.ä., jeden Falles die Volksvertreter. Hätte die Gemeinde gekauft, hätte auf kurz oder lang sich auch diese die Geschäfte nicht entgehen lassen oder deren Aufsichtsbehörden hätte die unendgeltliche Nutzung gemeindlichen Vermögens beanstandet.
Jeden Falles auf dem Privaten rumzuhacken, der lediglich seine hoheitlich sanktionierten Möglichkeiten nutzt, finde ich nicht sonderlich fair.
Der Staat hat durch seltsame Steuerpakete Anleger aus dem Westen nahezu gezwungen Geld im Osten zu investieren. Mein Vater hat dies auch tun (müssen), und ist darüber auch überhaupt nicht glücklich. Man wollte den Osten durch Investitionen strukturell stärken.
So böse sind wir Wessis nun auch wieder nicht ;)
...du passiert dank EU-Osterweiterung etc.? Überall schossen in den guten Lagen die Preise durch die Decke, während die Löhne der Einheimischen bestenfalls hinterherkriechen. Da sind und werden einige UNGLAUBLICH reich, am besten noch steuerbevorteilt per "Investitionsförderung". In den Folgejahren fliesst dann per Mietzins das Geld in die umgekehrte Richtung zurück. Hätte man die Wohnungen marktgerecht an Einheimische verkauft, wäre man nachhaltiger gefahren, aber eben viel langsamer, da Anwalt/Makler/Gemeinde auch keine so dicken Margen einstecken, wenn der Preis nur ein zehntel beträgt.
Das einzige was mich diesbezüglich tröstet: manchmal gehts auch schief und die luxussanierten Wohnungen stehen leer, weil die Leute längst weggezogen sind.
Volkseigentum, wie das aussieht konnte man 1990 besichtigen, und heute noch in vielen Staaten des ehemaligen Ostblocks. Und in Deutschland frisst der Unterhalt des Volkseigentums das Einkommen, derer die noch nicht geborenen sind schon heute auf.
Im Übrigen: Wer war hier zu erst von der Geldgier getrieben? Die Treuhand, BVVG o.ä., jeden Falles die Volksvertreter. Hätte die Gemeinde gekauft, hätte auf kurz oder lang sich auch diese die Geschäfte nicht entgehen lassen oder deren Aufsichtsbehörden hätte die unendgeltliche Nutzung gemeindlichen Vermögens beanstandet.
Jeden Falles auf dem Privaten rumzuhacken, der lediglich seine hoheitlich sanktionierten Möglichkeiten nutzt, finde ich nicht sonderlich fair.
Darauf sollte wohl die Betonung liegen:
Soweit ich den Artikel verstanden habe, ist es der Allgemeinheit ja keineswegs erlaubt, die See-Grundstücke zu betreten.
Ich kann mir ganz gut vorstellen, dass die Besitzer der Ersten reihe ganz zufrieden sind, dass es Herrn becker gibt. Wenn ich so an den See-Weg in Potsdam denke ...
wie hier ein Geldmensch normale Bürger tyrannisiert. Dabei ist es wohl egal ob Wessi oder Ossi. Genauso widerlich ist ein System, das so etwas möglich macht und für gut und richtig befindet.
Mit den Bewohnern des Wandlitzsee musste man noch niemals Mitleid haben. Jetzt gibt es halt einen der noch cleverer ist als sie. Na und?
Einer oder mehrere - das ist ein Unterschied. Genauso wie mehrere und viele.
Die ehemalige Ost-Elite wurde mit den Mitteln des Kapitalismus' ihrer langjährig ausgesessenen Pfründe enteignet (im formaljuristischen Sinn das falsche Wort, ich weiß).
Das ist für die natürlich ärgerlich, aber wohl kaum bemitleidenswert. That's the way the cookie crumbles.
Einer oder mehrere - das ist ein Unterschied. Genauso wie mehrere und viele.
Die ehemalige Ost-Elite wurde mit den Mitteln des Kapitalismus' ihrer langjährig ausgesessenen Pfründe enteignet (im formaljuristischen Sinn das falsche Wort, ich weiß).
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