Energiewende Gebremst durch zu viel Eile
Überhastet treibt Schwarz-Gelb den Ausbau der Ökoenergie voran – und gefährdet so die Stromversorgung von morgen.
Die Energiewende hat zwei Seiten: Auf der einen den Atomausstieg , mit dem Angela Merkel nach Fukushima der atomkritischen Bevölkerungsmehrheit notgedrungen entgegen gekommen ist. Auf der anderen Seite muss jetzt auch der Einstieg in mehr Effizienz und in die erneuerbaren Energien beschleunigt werden – und da sieht es schon weniger demokratisch aus. Während die Regierung beim Ausstieg zu Recht Tempo machte, ist der taktische Zeitdruck bei der Gestaltung der Energie-Zukunft nicht zu rechtfertigen. Er ist eine arrogante Missachtung der Volksvertreter. Denn sie können Deutschlands Vorreiterprojekt kaum seriös prüfen.
Mindestens acht Gesetze müssen nach der Regie der Kanzlerin im wilden Ritt geändert oder neu gefasst werden, vom Baugesetzbuch über das Energiewirtschaftsgesetz bis zu den Förderbedingungen für die Kraft-Wärme-Kopplung. Am 6. Juni will das Kabinett sein Paket vorlegen, zwei Tage danach sind im Bundestag Anhörungen geplant, am dritten die erste Lesung, bis zur Abstimmung Ende Juni haben die Volksvertreter knapp drei Wochen Zeit. Verbände konnten die Entwürfe kaum durchrechnen, Ministerialbeamten und Fachleuten in den Ausschüssen des Bundestags schwirrt der Kopf. Nach Fukushima war viel von Bürgerbeteiligung die Rede, auch die Ethik-Kommission fordert für die Energiewende mehr Partizipation. Doch während dieses Beratergremium für sein Gutachten immerhin drei Monate Zeit hatte, wird ausgerechnet das Parlament regelrecht überrannt.
- Laufzeit
Die meisten Meiler sollen bis 2021 vom Netz, drei AKW sollen bei Bedarf bis 2022 Strom produzieren. Sie sind eine Art Sicherheitspuffer, falls es mit der Energiewende nicht schnell genug vorangeht. Die sieben ältesten Meiler und das AKW Krümmel werden stillgelegt. Der Ausstieg aus der Atomkraft ist nach Angaben der Koalition unumkehrbar. Es soll keine Revisionsklausel geben.
- Standby
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Zwar sollen acht AKW stillgelegt werden, aber ein Kraftwerk soll bis 2013 als stille Reserve im Standby-Modus vorgehalten werden. Zeichnen sich Engpässe ab, könnte der Meiler wieder Strom produzieren. Die Kosten für eine stille Reserve könnten bis zu 50 Millionen Euro pro Jahr betragen. Im Gespräch sind Philippsburg I oder Biblis B. Entscheiden soll die Netzagentur.
An trüben, kalten Wintertagen gibt es kaum Solarstrom. Da die EU-Nachbarn ihren Strom selbst brauchen, fehlen Importe, um Engpässe abzufedern. Laut Bundesnetzagentur könnten im Süden Deutschlands bis zu 1.000 Megawatt fehlen, das entspricht in etwa der Leistung eines AKW.
- Reststrom
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Jeder Meiler bekommt eine bestimmte Menge Strom zugebilligt, die er noch produzieren darf. Zugleich wird die Betriebszeit auf 32 Jahre begrenzt. Bis dahin muss der zugestandene Strom produziert sein.
Von dem Meiler Krümmel und dem früher schon vom Netz gegangenen AKW Mülheim-Kärlich dürfen Reststrommengen auf andere Anlagen übertragen werden. Das führt dazu, dass fast alle verbliebenen AKW bis etwa 2020 laufen und es dann bis 2021/2022 zu einer Ballung von Abschaltungen kommen dürfte. Sind nicht alle zugewiesenen Mengen bis zum Abschaltdatum genutzt, verfallen sie. Dagegen kann möglicherweise geklagt werden.
- Endlager
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Das mögliche Endlager in Gorleben soll weiter erkundet werden. Darüber hinaus vereinbarte die Koalition, dass allgemeine geologische Eignungskriterien festgelegt und "mögliche alternative Entsorgungsoptionen" geprüft werden.
Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) plädiert zudem für einen Neustart, alle geologischen Aspekte sollen noch einmal überprüft werden. Vor allem im Norden und in Süddeutschland gibt es mögliche Salz-, Ton- und Granitformationen.
- Gebäude
Das auslaufende Programm für Gebäudesanierungen wird wieder belebt und ausgebaut: Ab 2012 sollen jährlich 1,5 Milliarden Euro aufgebracht werden, um die Zinsen für Kredite der staatlichen KfW-Bank zu senken. Zusätzlich sollen Dämmung und Modernisierung der Gebäude steuerlich besser abgeschrieben werden können. Dies kostet den Staat wohl im ersten Jahr weitere 150 Millionen Euro, Tendenz stark steigend.
Übereilt soll der Bundestag auch das hoch komplexe Erneuerbare-Energien-Gesetz auf den Weg bringen. Dabei entscheiden gerade dessen Bestimmungen darüber, wie sich die Strukturen der künftigen Energieversorgung entwickeln werden. Sollen, wie sich abzeichnet, Offshorewindkraftanlagen höher als solche an Land gefördert und der Ausbau der Photovoltaik ein weiteres Mal gedeckelt werden, wie es die großen Konzerne gerne hätten? Welche Folgen hat das für einen möglichst sparsamen Ausbau der Stromnetze; befördert es das Wachstum der erneuerbaren Energieträger, oder zögert es ihre Entfaltung eher hinaus, weil es auf hoher See noch viele technische Probleme zu lösen gibt, während eine Anlage auf den Höhen des Schwarzwalds rasch aufgebaut ist? Oder: Wie viel Einfluss gewinnen Bürger und Kommunen auf die Energieversorgung? Wird die Chance genutzt, Machtkartelle und Versorgungsmonopole durch dezentrale Versorgungsunternehmen zu ersetzen? Diese elementaren Fragen sind gerade in den Regierungsfraktionen kaum durchdrungen und zwischen, ja selbst in den Parteien noch hoch umstritten.
Mehr Tempo beim Ausbau der Alternativen ? Ja – aber eine hektische Gesetzgebung schafft keine stabilen Entscheidungen. Hartz IV, der ungeliebte E10-Treibstoff , der Streit um Biodiesel und viele andere Fälle haben gezeigt, wie mühsam es ist, eilig konstruierte Regeln zu revidieren. Dabei könnten nicht nur Investitionsentscheidungen verzögert werden, ganze Branchen drohen Schaden zu nehmen – und mit ihnen die Glaubwürdigkeit der Politik. Und: Diese Eile tut nicht not. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz soll am 1. Januar 2012 in Kraft treten. Die Zeit bis zum Herbst könnte man sich für mehr Gründlichkeit schon nehmen.
Zwar wollen auch einige Oppositionsabgeordneten die Sache rasch abschließen, weil sie der Atomlobby misstrauen. Doch vor allem die Kanzlerin will das Energiethema möglichst mit der Sommerpause loswerden, schon aus Sorge, dass ihr mit dem Abflauen des Fukushima-Schocks die eigenen Leute wieder abspringen könnten. Noch mehr Angst muss sie aber davor haben, dass ihre schnelle Wende scheitert – und die Bürger sie bei der nächsten Wahl dafür abstrafen, Innovationschancen verspielt zu haben. So paradox es klingt: Der Einstieg in die Erneuerbaren braucht mehr Zeit, damit er beschleunigt wird.
- Datum 04.06.2011 - 13:58 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 1.6.2011 Nr. 23
- Kommentare 28
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... da scheinen Sie ja einen reichlich hohe Meinung von unseren "Volks"vertretern zu haben?
Kann gut sein, dass Sie damit allein auf weiter Flur stehen.
Schließlich erschöpft sich die Kompetenz der meisten Abgeordneten darin, möglichst reichlich von den Freßtrögen der repräsentativen Demokratie auf Kosten des deutschen Steuerzahlers abzubekommen und deshalb zu wissen, wer in der Partei mit wem, wann, wo und wie oft unter einer Decke steckt.
Die Politik weiß genau, daß ein mehr an Zeit nur ein mehr an fruchtloser Diskussion, Fachtreffen, Lobbyistenoppositionen und einen größeren Zeitraum eben auch für die Schüsse aus den Medien gegen den Ausstieg bedeutet. Je mehr Zeit, je mehr Ängst kann man schüren gegen einen Ausstieg, umso geringer die Chancen auf einen schnellen Um- und Ausstieg.
Viel Reden, viel Zeit hilft eben nicht immer. Gerade in Deutschland, wo man nach der zwanzigsten Diskussion, der zehnten Talk-Show, der fünften Anhörung von Experten und dem Einbeziehen aller Interessengruppen, dem Zusammenwursten allen Geschreits, am Ende zu einem solchen Kompromiss kommt, der am Ende allen schadet.
Im übrigen wird ja nicht das erste mal über den Ausstieg nachgedacht, würden neue Studien benötigt, oder das ganze Thema zum dritten mal aufgerollt werden müssen.
So paradox es klingt: mehr Zeit in Deutschland für Entscheidung heißt im besten Fall schlechte, spätere Entscheidungen, im schlechtesten Fall gar keine, oder eine gegenteilige Entscheidung.
... einzige Land welches naive eine großzügige Förderung verschenkt. Mit dem Ergebnis, dass Chinesen in wenigen Jahren das erobert haben, was früher mühselig und teuer aufgebaut wurde.
Alle anderen Länder, selbst die geile USA achten sehr genau darauf, dass die Förderung am Ende im Staat bleibt.
Aber das ist die Doktrin der BRD: Export und wenn die Menschen dafür sterben müssen! Yeah!
Komisch bei ben 500 Miliardengeschenkgesetz für Bankenbesitzer hatten sie keine Skrupel,da gab es keine Bedenken das in drei Tagen von einer Anwaltskanzlei der Banken geschrienene Gesetz in zwei Tagen durch dasParlament in einem Tag durch den Bundesrat un den Präsi zu peitschen.
Ziemliche Heuchelei einfach unglaubwürdig.
Was muß man bei den aktuell niedrigen Zinsen Kredite noch verbilligen ?
Damit wird doch nur die KfW und andere staatliche und halbstaatliche Banken künstlich am Leben erhalten.
IN Kanada und der Türkei lohnen sich Windmühlen auch ohne Subventionen.
Warum geht das in Deutschland nicht ?
für ihre Behauptungen, wäre besonders interessant für Canada. Von dieser Theorie ist hier noch nichts angekommen.
Helfen ihnen da mal, die Aussage ist zwar das Gegenteil zu ihrem Statement, aber der Anfang ist gemacht
http://www.canada.com/bur...
http://www.ottawacitizen....
http://www.canadianbusine...
http://www.680news.com/ne...
Besonders der zweite Artikel ist interessant, auch im Hinblick auf die wirkliche Ausbeute, "This means that averaged over the year for 1,000 MW of installed generation capacity they got about 280 MW on average."
bin immer wieder froh in einem Land zu leben, wo die Ökoterroristen durch common sense in ihre Schranken gewiesen werden und nicht um dem um Wahlen zu gewinnen Michel zum Munde zu reden und unrealistische Szenarien aufgebaut werden.
für ihre Behauptungen, wäre besonders interessant für Canada. Von dieser Theorie ist hier noch nichts angekommen.
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Besonders der zweite Artikel ist interessant, auch im Hinblick auf die wirkliche Ausbeute, "This means that averaged over the year for 1,000 MW of installed generation capacity they got about 280 MW on average."
bin immer wieder froh in einem Land zu leben, wo die Ökoterroristen durch common sense in ihre Schranken gewiesen werden und nicht um dem um Wahlen zu gewinnen Michel zum Munde zu reden und unrealistische Szenarien aufgebaut werden.
Ich sehe hier keine übereilte Aktion. Eher eine unangemessen späte Reaktion des politischen Umfelds der ehemaligen "Wiederaussteiger" aus dem Atomausstieg.
Der Atomenergiekonsens um 2000 hat bereits eine Zeit festgelegt - wäre darauf sowohl von Politik als auch Wirtschaft konsequent hingearbeitet worden, gäbe es nun keine Diskussionen über Stromnetzengpässe und Mangel an internationaler Vernetzungsredundanz.
Die Gesetzesänderungen, die nun vorgenommen werden müssen, sind längst überfällig - und selbst dabei werden offensichtlich immernoch Lücken gelassen, die internationale Kooperationsprojekte dem Weiterbetrieb inländischer AKW gegenüber unattraktiv erscheinen lassen.
Warum also ist nun alles plötzlich "übereilt", "unüberdacht" und "von kurzer Hand geplant"? Der Atomausstieg ist spätestens seit 2000 sicher angekündigt, die Einstellung auf jahrzentelangen Weiterbetrieb wurde lediglich aus offensichtlich rein wirtschaftlichen Interessen von unserer jetzigen Bundesregierung beschlossen.
Dass Deutschland als führender Wirtschafts-, Industrie- und Kompetenstaat Europas durch die rechtzeitige - schnellstmögliche also - Umstellung auf regenerative Energien eine Vorreiterrolle in welthistorischem Maßstab zu schreiben vermag, scheinen viele noch nicht zu sehen. Das Unternehmen ist dabei nicht einmal von so hohem wirtschaftlichem Risiko wie von vielen prophezeit; lediglich Monopolkonzerne, die über Jahrzehnte hinweg keine unbequemen Neuerungen zulassen wollten, werden untergehen.
Hauptsache, wir sind Vorreiter. Auch wenn keiner folgt.
Vor allem darf jetzt endlich wieder in Kohle und Gas investiert werden. Aber, mal ganz im Ernst, hoffentlich nur in Deutschland!
"Doch während dieses Beratergremium für sein Gutachten immerhin drei Monate Zeit hatte, wird ausgerechnet das Parlament regelrecht überrannt."
Wen interessiert denn noch das Parlament? Im Laufe der Jahre haben diverse Mechanismen und Interessensgruppen es geschafft, das Parlament zu entmachten und die Macht über die Gesetzgebung der Exekutive zu übertragen. Unsere Bundestagsabgeordneten sind wenig mehr als Wackeldackel, welche die Partei-Linie abnicken.
Das Parlament ist tot!
Die Regierung macht in unserem Land die Gesetze, das Parlament ist nichts weiter als eine zeitraubende Formalie.
Überrennt es ruhig, nachdem wir Bürger so blöd sind nur noch Parteilisten und Parteisoldaten ins Parlament zu wählen, welche ihrer Partei eher gehorchen als unseren Wünschen, hat der Bundestag keine wirklich Daseinsberechtigung mehr. Der Artikel träumt nostalgisch von besseren Zeiten.
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