Kaum ein Volk gilt als so sesshaft wie die Deutschen. Sie ziehen nicht gerne um und bleiben im Schnitt zehn Jahre lang in einem Job. Sind sie erst einmal im Einfamilienhaus angekommen, wollen sie dort meist nicht mehr weg. In Gelddingen verhält es sich ähnlich, auch hier setzen heimische Anleger auf Bekanntes. Wenn sie in Firmen und Fonds investieren, dann am liebsten in deutsche. Volkswagen , Deutsche Bank , ThyssenKrupp , das sind vertraute Namen und auch solidere Unternehmen als China Mobile oder die südamerikanische Petrobras – so denken viele hiesige Anleger jedenfalls.

Doch das sei ein Trugschluss, warnen Vermögensberater seit Jahren. Anleger, die sich nicht ins Ausland vorwagten, verschenkten Rendite, so die Experten.

Aber hat nicht das vergangene Jahr gerade das Gegenteil bewiesen und all jenen recht gegeben, die deutschen Firmen den Vorzug gaben? Wer sein Geld auf deutsche Firmen oder Indizes verteilte, konnte kräftig profitieren. Der Deutsche Aktienindex der 30 umsatzstärksten Unternehmen im Land zum Beispiel legte 2010 um 16 Prozent zu und hängte damit fast alle anderen großen Indizes ab. Der Eurostoxx50 und der Dow Jones etwa dümpelten seitwärts vor sich hin, selbst in boomenden Schwellenländern kletterten die Kurse weniger schnell. So gesehen gab es einen Heimvorteil.

Die exakte Quote deutscher Papiere in den hiesigen Depots ist schwer zu ermitteln. Das liegt daran, dass die meisten Finanzprodukte komplex sind. Es ist zum Beispiel nicht ohne Weiteres erkennbar, wie viele deutsche Aktien in einem internationalen Fonds stecken. Oder auf welche Basiswerte ein Zertifikat zu welchen Anteilen setzt. Oder wie viel Geld deutsche Versicherer im Ausland anlegen. Das können auch die Studien, die die Neigung zum Heimatmarkt, den sogenannten »Home Bias« , untersuchen, nicht genau belegen. Manche beziffern den Anteil deutscher Papiere aber auf mindestens 66 Prozent, andere gar auf 80 Prozent. Auf jeden Fall ist es weit mehr, als deutsche Firmen an den Aktienbörsen weltweit ausmachen. Gemessen an deren Marktkapitalisierung insgesamt, ist Deutschland eine kleine Nummer mit nur drei Prozent Marktanteil. Die USA, der wichtigste Weltbörsenakteur, stehen dagegen für rund ein Drittel des Marktes. US-amerikanische Aktien finden sich aber nur in jedem siebten deutschen Depot. Papiere aus Japan oder China, die zusammen 20 Prozent des Weltmarktes vereinen, muss man in deutschen Depots regelrecht mit der Lupe suchen.

Warum? Weil die meisten nicht einmal die Namen von Sinopec und Noble Group, Techint und Teneris kennen, obwohl diese Firmen zu den größten der Welt gehören. Wer sie kennt, weiß: Sie kommen aus China und Argentinien – und investiert vielleicht gerade deshalb nicht in sie. Denn kann man einer chinesischen Firma überhaupt trauen? Oder der Staatsführung? Sprechen nicht alle von einer Blase, die sich dort aufbläht? Geld in Argentinien anzulegen, halten viele für noch schlimmer. Das Land war doch vor gar nicht langer Zeit erst pleite. Nein, da bleibt das Geld lieber im eigenen Land, heißt es schnell.

Der finanzielle Hang zur Heimat ist kein typisch deutsches Phänomen, haben Verhaltensökonomen herausgefunden. Es gibt ihn in allen Ländern, wenngleich er nicht überall so stark ausgeprägt ist wie hierzulande. Selbst Fondsmanager sind vor Heimatgefühlen nicht gefeit, im Gegenteil: Je größer ein Fonds ist, desto stärker ist der Home Bias, beobachten Forscher.

Seit Jahren fahnden sie nach den Ursachen für dieses »irrationale Verhaltensmuster«, wie es Rüdiger von Nitzsch, Professor für Entscheidungsforschung und Finanzdienstleistungen, nennt. Der Hauptgrund ist unser ausgeprägtes Kontrollbedürfnis: Anleger investieren ihr Geld lieber lokal, weil sie glauben, dass sie heimische Firmen besser einschätzen können als ausländische. Die Vorstände treten im Fernsehen auf, die Geschäftszahlen stehen in den Zeitungen. Und es ist ja auch nicht verkehrt, auf Dinge zu setzen, die man kennt und einzuschätzen glaubt. Das schafft ein Gefühl der Vertrautheit. Allerdings ist häufig genau dieses Gefühl trügerisch.