Ole von Beust"Ich gehöre niemandem!"

Der ehemalige Hamburger Regierungschef im Gespräch von  und

ZEITmagazin: Herr von Beust, Sie haben nach neun Jahren als Regierungschef Ihr Büro im Hamburger Rathaus mit einer Anwaltskanzlei getauscht...

Ole von Beust: ...entschuldigen Sie, dass es hier noch etwas ungemütlich aussieht. Es fehlen noch ein paar Bilder an der Wand. Und ich muss gestehen: In diesem Besprechungszimmer habe ich noch nie gesessen.

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ZEITmagazin: Noch nie? Sie sind hier ja schon ein paar Monate.

Ole von Beust: Ich hatte hier bisher noch keine großen Besprechungen. Wenn man zu zweit ist, gehe ich in mein Büro.

Ole von Beust

56, war schon mit 23 Jahren Abgeordneter der Hamburgischen Bürgerschaft. Nach dem Jurastudium arbeitete er als Anwalt. 2001 wurde er Erster Bürgermeister und koalierte mit dem Rechtspopulisten Ronald Schill. Als dieser ihn 2003 wegen seiner Homosexualität erpressen wollte, entließ von Beust ihn. 2004 bis 2008 folgte die CDU-Alleinregierung. Danach führte von Beust die erste schwarz-grüne Koalition Deutschlands. 2010 verließ er die Politik; wenig später zerbrach das Bündnis. Heute arbeitet er als Berater.

ZEITmagazin: Treten Sie denn wieder als Anwalt vor Gericht auf?

Ole von Beust: Dafür bin ich zu lange draußen, ich war ja seit 1993 Berufspolitiker. Ich würde keinem raten, sich von mir vor Gericht vertreten zu lassen, das machen besser meine Sozien. Meine Robe hab ich zwar noch, aber ich weiß noch nicht mal, wo die hängt. Nein, ich beschränke mich auf juristische und vor allem strategische Beratungen für Kunden, die glauben, dass meine Erfahrung und mein politisches Wissen nützlich sein können. Bis zu zehn Tage im Monat arbeite ich für die Unternehmensberatung Roland Berger.

ZEITmagazin: Arbeiten Sie mehr oder weniger als zu Ihrer Zeit in der Politik?

Ole von Beust: Mehr nicht, aber heute Morgen war ich zum Beispiel um Viertel nach sieben im Büro, weil ich vor meinem ersten Termin noch Mails beantworten wollte, die schreibe ich ja jetzt selbst. Was angenehm ist: Ich habe kaum Termine am Abend und so gut wie keine am Wochenende. Als Bürgermeister bin ich ja dauernd rumgeschwirrt: Einweihungen, Orden verleihen – all die repräsentativen Sachen mache ich jetzt nicht mehr.

ZEITmagazin: Gibt es Dinge, die Sie lernen mussten?

Ole von Beust: Flüge und Bahnfahrten selber buchen, aber das geht ja einfach. Es sind eher die banalen Dinge: Früher hat mich ein Fahrer abgesetzt, jetzt muss ich die Parkplatzsuche einkalkulieren, mich fragen, nehme ich das Auto oder besser den Bus. Ich hab mir eine Monatskarte gekauft.

ZEITmagazin: Wie reagieren die Leute auf Sie im Bus?

Ole von Beust: Am Anfang haben sie mich angeguckt wie ein Zirkuspferd. »Darf ich Sie was fragen – sind Sie’s?« Vor allem die älteren Damen sind kontaktfreudig. Aber die Hamburger haben ja eine angenehme Gelassenheit, und auf der Strecke fahren eh immer dieselben Leute. Inzwischen kennen wir uns.

ZEITmagazin: Welche Themen sind Sie froh los zu sein?

Ole von Beust: Gerade habe ich gelesen, die Hochschulbehörde will Millionen sparen. Da weiß ich schon: Morgen geht es los – Kahlschlag, Raubbau, wird es heißen. Ich kenne all das seit zehn Jahren, das ist doch nichts Neues. Mein Gott – ich beneide meine Nachfolger nicht.

ZEITmagazin: Und was vermissen Sie in Ihrem neuen Leben?

Ole von Beust: Der Adrenalinstoß fehlt manchmal. Wenn ein Coup gelungen ist, diesen positiven Schub, den vermisse ich. Dafür gibt es weniger Druck: Man hat nicht immer die Sorge, was schreiben die Zeitungen?

ZEITmagazin: Sie sind nicht mehr so sichtbar wie vorher.

Ole von Beust: Also, mein Eitelkeitssoll ist erfüllt.

ZEITmagazin: Hat sich Ihre persönliche Definition von Erfolg geändert?

Ole von Beust: Sie werden in der Politik gelobt für Dinge, für die Sie nichts können, genauso wie Sie kritisiert werden für Dinge, für die Sie nichts können. Bei der Elbphilharmonie, als es noch gut lief und die Kosten noch nicht so hoch waren, wurde so getan, als sei es die geniale Idee des Bürgermeisters gewesen. In Wirklichkeit war ich dazu gekommen wie die Jungfrau zum Kinde – trotzdem habe ich das Lob als Erfolg empfunden. Wenn ich jetzt jemanden gut berate und er bekommt den Zuschlag für eine Investition, dann ist das auch ein Erfolg, nur stehe ich selbst nicht mehr im Mittelpunkt. Aber ich freue mich genauso – vor allem natürlich, wenn ich meine Rechnung schreibe.

Leserkommentare
    • Künzel
    • 31. Januar 2013 18:32 Uhr

    Mit diesem Thema haben sich schon viele beschäftigt.

    Doch handelt es sich hier nicht viel mehr um überzogenes Machtgehabe, Prüderie und Neid auf der Seite derer, die vergessen haben, wer sie sind? :)

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