Ole von Beust "Ich gehöre niemandem!"

Der ehemalige Hamburger Regierungschef im Gespräch

ZEITmagazin: Herr von Beust, Sie haben nach neun Jahren als Regierungschef Ihr Büro im Hamburger Rathaus mit einer Anwaltskanzlei getauscht...

Ole von Beust: ...entschuldigen Sie, dass es hier noch etwas ungemütlich aussieht. Es fehlen noch ein paar Bilder an der Wand. Und ich muss gestehen: In diesem Besprechungszimmer habe ich noch nie gesessen.

ZEITmagazin: Noch nie? Sie sind hier ja schon ein paar Monate.

Ole von Beust: Ich hatte hier bisher noch keine großen Besprechungen. Wenn man zu zweit ist, gehe ich in mein Büro.

Ole von Beust

56, war schon mit 23 Jahren Abgeordneter der Hamburgischen Bürgerschaft. Nach dem Jurastudium arbeitete er als Anwalt. 2001 wurde er Erster Bürgermeister und koalierte mit dem Rechtspopulisten Ronald Schill. Als dieser ihn 2003 wegen seiner Homosexualität erpressen wollte, entließ von Beust ihn. 2004 bis 2008 folgte die CDU-Alleinregierung. Danach führte von Beust die erste schwarz-grüne Koalition Deutschlands. 2010 verließ er die Politik; wenig später zerbrach das Bündnis. Heute arbeitet er als Berater.

ZEITmagazin: Treten Sie denn wieder als Anwalt vor Gericht auf?

Ole von Beust: Dafür bin ich zu lange draußen, ich war ja seit 1993 Berufspolitiker. Ich würde keinem raten, sich von mir vor Gericht vertreten zu lassen, das machen besser meine Sozien. Meine Robe hab ich zwar noch, aber ich weiß noch nicht mal, wo die hängt. Nein, ich beschränke mich auf juristische und vor allem strategische Beratungen für Kunden, die glauben, dass meine Erfahrung und mein politisches Wissen nützlich sein können. Bis zu zehn Tage im Monat arbeite ich für die Unternehmensberatung Roland Berger.

ZEITmagazin: Arbeiten Sie mehr oder weniger als zu Ihrer Zeit in der Politik?

Ole von Beust: Mehr nicht, aber heute Morgen war ich zum Beispiel um Viertel nach sieben im Büro, weil ich vor meinem ersten Termin noch Mails beantworten wollte, die schreibe ich ja jetzt selbst. Was angenehm ist: Ich habe kaum Termine am Abend und so gut wie keine am Wochenende. Als Bürgermeister bin ich ja dauernd rumgeschwirrt: Einweihungen, Orden verleihen – all die repräsentativen Sachen mache ich jetzt nicht mehr.

ZEITmagazin: Gibt es Dinge, die Sie lernen mussten?

Ole von Beust: Flüge und Bahnfahrten selber buchen, aber das geht ja einfach. Es sind eher die banalen Dinge: Früher hat mich ein Fahrer abgesetzt, jetzt muss ich die Parkplatzsuche einkalkulieren, mich fragen, nehme ich das Auto oder besser den Bus. Ich hab mir eine Monatskarte gekauft.

ZEITmagazin: Wie reagieren die Leute auf Sie im Bus?

Ole von Beust: Am Anfang haben sie mich angeguckt wie ein Zirkuspferd. »Darf ich Sie was fragen – sind Sie’s?« Vor allem die älteren Damen sind kontaktfreudig. Aber die Hamburger haben ja eine angenehme Gelassenheit, und auf der Strecke fahren eh immer dieselben Leute. Inzwischen kennen wir uns.

ZEITmagazin: Welche Themen sind Sie froh los zu sein?

Ole von Beust: Gerade habe ich gelesen, die Hochschulbehörde will Millionen sparen. Da weiß ich schon: Morgen geht es los – Kahlschlag, Raubbau, wird es heißen. Ich kenne all das seit zehn Jahren, das ist doch nichts Neues. Mein Gott – ich beneide meine Nachfolger nicht.

ZEITmagazin: Und was vermissen Sie in Ihrem neuen Leben?

Ole von Beust: Der Adrenalinstoß fehlt manchmal. Wenn ein Coup gelungen ist, diesen positiven Schub, den vermisse ich. Dafür gibt es weniger Druck: Man hat nicht immer die Sorge, was schreiben die Zeitungen?

ZEITmagazin: Sie sind nicht mehr so sichtbar wie vorher.

Ole von Beust: Also, mein Eitelkeitssoll ist erfüllt.

ZEITmagazin: Hat sich Ihre persönliche Definition von Erfolg geändert?

Ole von Beust: Sie werden in der Politik gelobt für Dinge, für die Sie nichts können, genauso wie Sie kritisiert werden für Dinge, für die Sie nichts können. Bei der Elbphilharmonie, als es noch gut lief und die Kosten noch nicht so hoch waren, wurde so getan, als sei es die geniale Idee des Bürgermeisters gewesen. In Wirklichkeit war ich dazu gekommen wie die Jungfrau zum Kinde – trotzdem habe ich das Lob als Erfolg empfunden. Wenn ich jetzt jemanden gut berate und er bekommt den Zuschlag für eine Investition, dann ist das auch ein Erfolg, nur stehe ich selbst nicht mehr im Mittelpunkt. Aber ich freue mich genauso – vor allem natürlich, wenn ich meine Rechnung schreibe.

ZEITmagazin: Verdienen Sie heute mehr als zu Bürgermeisterzeiten?

Ole von Beust: Ja. Die Leute denken, ich sei nur auf Sylt und kassiere eine riesige Pension. Es ist umgekehrt, ich tue sehr viel und bekomme nichts vom Staat.

ZEITmagazin: Sylt – wie oft sind Sie dort?

Ole von Beust: Durchschnittlich ein verlängertes Wochenende pro Monat, also ungefähr so viel wie vorher. Es muss auch gar nicht mehr sein. Was mich reizt, ist der Wechsel zwischen Stadt und Land.

ZEITmagazin: Es war immer das Klischee, das man mit Ihnen verbunden hat: der Sylt-Urlauber.

Ole von Beust: Ich werde so schnell braun, ich konnte es nie verleugnen, wenn ich dort war. Aber es hat mir nicht geschadet. Was mich allerdings gewundert hat, ist das Klischee von Sylt. Morgens um zehn Champagner trinken und an Stehtischen Hummer essen, das ist nicht mein Sylt. Diese Insel ist für mich Natur, Möwen, Sturm, Sonne, Strand.

ZEITmagazin: Ihre Wohnung liegt in Westerland und soll 40 Quadratmeter groß sein. Das klingt fast nach Einsiedelei.

Ole von Beust: Mittlerweile sind es 70 Quadratmeter, vor drei Jahren habe ich eine neue Wohnung gekauft. Aber auch die jetzige ist im ersten Stock Landseite, in einem Hochhaus in Westerland, mit Blick auf die gegenüberliegende Häuserzeile. Es ist kein Statussymbol, aber eine schöne Wohnung, die ich mir für meine Verhältnisse gemütlich gemacht habe – vor allem ist sie bezahlt.

ZEITmagazin: Herr von Beust, wie nehmen Sie Politik heute wahr?

Ole von Beust: Ich lese Zeitungen, schaue einmal am Tag Nachrichten und gucke im Internet, was los ist. Aber all diese Fragen: Geht Brüderle, bleibt er, was macht Rösler, langweilen mich, manchmal bin ich fast amüsiert über die rituellen Abläufe in der Politik. Andere Themen dagegen fesseln mich: die Energiepolitik, Integration, der Euro.

ZEITmagazin: Gibt es etwas, das Sie geärgert hat?

Ole von Beust: Die großen Parteien waren in der Sarrazin-Debatte viel zu ängstlich. Sarrazins Thesen lösen doch keine Probleme, es geht ja nicht darum, wie viele Türken wir nach Deutschland holen, sondern darum, wie wir mit denen umgehen, die da sind. Die Parteien haben reflexhaft auf Sarrazin reagiert, sie wollten populär sein. Da hätte ich klarere Kante gezeigt. Oder die Art, wie die Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke im letzten Herbst angegangen wurde – als Reaktion auf die Diskussion in der CDU »Was ist konservativ?«. Man dachte, man muss sich wirtschaftsfreundlich zeigen. Die Quittung ist, dass man in Baden-Württemberg die Wahl vergeigt hat. Das kann man aus der Distanz, die ich jetzt habe, viel klarer sehen.

ZEITmagazin: Hätten Sie das, was Sie gerade gesagt haben, auch im CDU-Präsidium offen sagen können?

Ole von Beust: Im Präsidium: ja. Da haben wir meist sehr frei geredet.

ZEITmagazin: Mit wem aus der obersten CDU-Riege stehen Sie heute noch in Kontakt?

Ole von Beust: Mit Ronald Pofalla bin ich befreundet, mit ihm telefoniere und simse ich öfter mal. Auch Angela Merkel schicke ich ab und zu eine SMS, wenn ich etwas gut oder schlecht finde. Sie antwortet auch immer freundlich. Und mit Roland Koch habe ich einen zwar lockeren, aber guten Kontakt.

ZEITmagazin: Haben Sie sich mit ihm über Ihren Rückzug aus der Politik ausgetauscht?

Ole von Beust: Wir reden eher beruflich: Wie läuft’s bei dir? Ich besuche ihn manchmal in Frankfurt, und auf Sylt gehen wir ab und zu spazieren, weil er da auch eine Wohnung hat.

ZEITmagazin: Viele fanden Ihren Rücktritt leichtfertig, einige sogar verantwortungslos. Verstehen Sie die Kritik?

Ole von Beust: Im Nachhinein, mit dem Blick auf das Scheitern von Schwarz-Grün und auf das schlechte Wahlergebnis der CDU in Hamburg, verstehe ich, wenn Leute sagen: Warum hast du das getan? Aber diese Entwicklung war für mich damals nicht absehbar.

ZEITmagazin: Wie bitte? Es hieß doch gleich: Das geht nicht gut, diese Koalition hängt an Ole von Beust.

Ole von Beust: Vielleicht habe ich unterschätzt, wie groß mein eigener Anteil am Gelingen von Schwarz-Grün war. Aber viele Vorbehalte, zum Beispiel gegen die Schulreform , die wir machen wollten, sind auch erst im Nachhinein formuliert worden. 80 Prozent derjenigen in meiner Partei, die hinterher meckerten, hatten vorher munter mitgestimmt und mir auf die Schulter geklopft: »Wunderbar, das ist genau der richtige Weg!«

ZEITmagazin: Sind Sie enttäuscht von Ihrer Partei?

Ole von Beust: Enttäuscht nicht. Aber mir ist klar geworden, dass Sie, wenn Sie lange ein Führungsamt haben, Ihre Umgebung und die Meinung Ihrer Mitmenschen mehr prägen, als Sie selber gedacht hätten. Und je länger Sie da sind, desto angepasster wird die Entourage.

ZEITmagazin: Hamburg ist eine Stadt, die von manchen als ziemlich selbstgerecht empfunden wird, ein starres System. Es gilt nicht gerade als ein Ort, der sich verändern will.

Ole von Beust: Deshalb hat man mir ja auch so übel genommen und tut es bis heute, dass ich das Verhalten der Eliten kritisiert habe. Es gibt eine Reihe von Leuten, die sich zur Elite zählen und die immer gedacht haben: Der Bürgermeister ist einer von uns. Die waren dann verwundert, als ich in der Debatte über die Schulreform Partei für diejenigen ergriffen habe, denen es nicht so gut geht. Aber ich gehöre niemandem! Ich war immer Freigeist und bin auch so erzogen worden.

ZEITmagazin: Welche Rolle spielte es denn bei der Erziehung, dass Sie aus einer Adelsfamilie stammen? Sie sind ja ein Freiherr wie zu Guttenberg auch – nur dass es bei Ihnen nicht ständig dazugesagt wird.

Ole von Beust: Mein Vater hat den Adelstitel immer als eine große Verpflichtung angesehen. Die Frage, warum der Adel im »Dritten Reich« versagt hat – das war für ihn ein großes Thema. Mich hat der Adel als solches nie interessiert. Aber ich bin in diesem Geist groß worden: Nimm dich nicht so wichtig, nimm deine Verantwortung wahr und bewundere niemanden. Beurteile Menschen immer nur nach dem, was sie tun, und nicht nach dem, was sie haben.

ZEITmagazin: Haben Sie je an Treffen von Adligen teilgenommen?

Ole von Beust: Nein, ich habe zwar freundliche Einladungen zum Gelben Kreis und zu Adelsbällen bekommen. Aber ich bin da nicht hingegangen. Mein Vater hatte eine Zeitung abonniert, das Deutsche Adelsblatt, die bestand zu 90 Prozent aus Todesanzeigen. Das fand ich alles sehr rückwärtsgewandt.

ZEITmagazin: Der Freigeist Ole von Beust – woran haben Sie gemerkt, dass es für Sie reicht mit der Hamburger Politik?

Ole von Beust: An drei Dingen. Erstens habe ich bemerkt, dass ich im Laufe der Jahre dünnhäutiger geworden bin. Das Gefühl, von den Medien ungerecht behandelt zu werden, hat mich früher nicht gestört. Vielleicht liegt es auch daran, dass man die Journalisten irgendwann gut kennt, da gibt es auch welche, die einem am Herzen liegen, und dann fragt man sich: Warum schreibt der jetzt so über mich? Zweitens wiederholen sich viele Dinge. Es gibt viele Termine, die Jahr für Jahr die gleichen sind. Die Leute erwarten zu Recht, dass ein Bürgermeister gerne dorthin geht. Ich dachte aber immer öfter: Warum schon wieder? Ich war doch schon acht Mal da. Ich weiß genau, welche Musik gespielt wird, welche Reden gehalten werden. Und drittens habe ich selber gemerkt, dass ich schlechter wurde. Wenn etwas schieflief, dachte ich: Ach, egal, wir machen trotzdem so weiter. Da wusste ich, dass es besser ist aufzuhören .

ZEITmagazin: Woran liegt es, dass ausgerechnet Unionspolitiker im vergangenen Jahr reihenweise zurückgetreten sind? Gerade diejenigen, die für Pflichtbewusstsein und Leistungsdenken standen: Roland Koch, Horst Köhler, Peter Müller, Sie?

Ole von Beust: Für Roland Koch, Peter Müller und mich gilt: Wir alle sind relativ früh in Führungsämter gekommen, mit Mitte 30 waren wir Fraktionschefs, mit Mitte 40 Regierungschefs. Früher war das anders, da ging es mit 40 erst los, dann hat man das eben gemacht bis zur Rente, bis Mitte 60.

ZEITmagazin: Nach 20 Jahren ist die Zeit für einen Politiker abgelaufen?

Ole von Beust: Es ist die Frage, welche Perspektive haben Sie? Hamburg ist eine tolle Stadt, aber irgendwann braucht man neue Herausforderungen. Wenn es diese Perspektive nicht gibt, ist es normal, sich zu fragen, ob man noch mal was anderes macht. Es überrascht mich manchmal, dass die Leute tun, als hätte ich mich aus dem Staub gemacht, kaum dass ich gewählt wurde. Ich war neun Jahre lang Bürgermeister, die zweitlängste Amtszeit in Hamburg.

ZEITmagazin: Haben Sie, die Zurückgetretenen, im Amt eine gewisse Leere verspürt?

Ole von Beust: Die Dichte ist eher das Problem. In den Siebzigern, Achtzigern hatte der NDR eine Fernsehsendung, Berichte vom Tage, beim Rundfunk gab es eine Viertelstunde Landespolitik auf NDR1, die Lokalpresse war eher regierungstreu, freundlich-unkritisch. Das können Sie mit heute nicht vergleichen. Heute haben Sie die fünf- bis siebenfache Anzahl von Medien, die alle zuspitzen müssen. Man erwartet von einem Bürgermeister, sich zu allen Weltdingen zu äußern. Die Beschleunigung, diese Erwartungshaltung hält man zwei Legislaturperioden aus, wenn man ein dickes Fell hat.

ZEITmagazin: Wäre es sinnvoll, politische Ämter wie das eines Ministerpräsidenten oder Bundeskanzlers zeitlich zu begrenzen, etwa auf zwei Legislaturperioden?

Ole von Beust: Ja. Meine Wunschvorstellung wäre die: eine Legislaturperiode von fünf Jahren und maximal zwei Amtszeiten. Die Verschleißerscheinungen treten ja nicht nur bei mir auf.

ZEITmagazin: Ist der politische Betrieb oberflächlicher geworden?

Ole von Beust: Mir kommt er manchmal weltfremd vor. Parteitage zum Beispiel. Die Atmosphäre, die Journalisten, die vielen Leute, anfangs war das für mich aufregend. Irgendwann fand ichs furchtbar. Da hieß es vorher: Ihr müsst lange klatschen, weil die Journalisten stoppen, wie lange der Beifall dauert. Sind die Zuhörer hinterher aufgestanden? Welcher Name ist in der Rede genannt worden? All das wurde auf einmal gedeutet. Aber ich gebe zu: Ich war selbst Bestandteil des Systems und habe kein Rezept, wie man anders auf diese Entwicklungen reagieren könnte.

ZEITmagazin: Die FDP hatte bei der Suche nach einem neuen Vorsitzenden das Problem, dass einige Kandidaten zuerst nicht recht mochten, aus familiären Gründen. In anderen Parteien gab es ähnliche Situationen. Verstehen Sie das Zögern der jüngeren Politiker, ihre Sehnsucht danach, einen Rest von Privatleben zu erhalten?

Ole von Beust: Wir haben in Deutschland noch eine majestätische Erwartung an Politiker. Man erwartet einen halben Heiligen, ein Politiker muss Vorbild sein in allem, was er tut, auch im Privaten. Wenn da jemand sagt, ich bin ein Mensch wie alle anderen auch, ich bin zwar gewählt, um, sagen wir: Gesundheitspolitik zu machen, aber ich habe auch Verantwortung für meine Familie, mein eigenes Leben, dann stutzen die Leute.

ZEITmagazin: Einer der Momente Ihrer Karriere, der in Erinnerung bleiben wird, war eine Situation, die für Sie selbst sehr unangenehm gewesen sein muss. Ihr Innensenator Ronald Schill stand im August 2003 in Ihrem Amtszimmer und erpresste Sie mit der Drohung, er werde Ihre Homosexualität öffentlich machen und dazu noch eine angebliche Liaison, die Sie mit Ihrem Justizsenator Roger Kusch hätten.

Ole von Beust: Diese Sache hat mich gar nicht so gekränkt, wie viele vermutet haben. Sie hat mich nicht in meinem Innersten berührt. Schill hatte einen Ausraster. Er fühlte sich existenziell bedroht – der eigentliche Streit ging ja um die Frage, ob sein Staatssekretär, der wesentliche Teile seiner Arbeit machte, rausgeworfen wird oder nicht. Wenn es nicht meine Homosexualität gewesen wäre, hätte er etwas anderes gefunden. Er wusste ja von mir selber, dass ich schwul bin. Es war nichts, was ich vor ihm geheim gehalten hätte.

ZEITmagazin: Was hat Sie berührt, wenn nicht das Verhalten von Schill?

Ole von Beust: Dass Zeitungen anschließend monatelang mein Privatleben durchforstet haben. Die haben bei Handwerkern angerufen, ob es Vorrichtungen an der Wand gibt, an denen jemand gefesselt werden kann, ob es Spiegel überm Bett gibt. Bei Kneipenwirten fragten sie nach, mit wem ich da war, was ich getrunken habe. Dieses Gefühl, dass das eigene Umfeld abgeschöpft wurde – das hat mich wirklich belastet. Und Sie können sich nicht dagegen wehren.

ZEITmagazin: Warum nicht?

Ole von Beust: Wollen Sie den Verleger anrufen und fragen: Was soll das? Ich habe mit Journalisten gesprochen. Die sagten: Es geht nicht um dein Privatleben, wir wollen nur überprüfen, ob du gelogen hast.

ZEITmagazin: Hatten Sie sich in Schill getäuscht?

Ole von Beust: Dass er schwierig ist, habe ich gewusst. Dass es aber bis zum Selbstzerstörerischen geht, dass er in einer Mischung aus Cholerik und Wut jeden Maßstab verliert, hätte ich nicht gedacht. Unter vier Augen konnte er ein lustiger Geselle sein.

ZEITmagazin: Offensichtlich war er charakterlich ungeeignet für sein Amt. Sie hätten ihn nie ernennen dürfen.

Ole von Beust: Schill war ein Mittel zum Zweck. Die Koalition mit ihm war eine machtpolitische Entscheidung. Ich war der Meinung, nach 44 Jahren muss die SPD weg, und hatte gehofft, dass er sich im Amt fängt.

ZEITmagazin: Obwohl Ihre Homosexualität mit der Schill-Affäre öffentlich war, haben Sie selbst darüber auch weiterhin nicht gesprochen. Warum?

Ole von Beust: Ich wollte mir von Schill nicht diktieren lassen, wie ich mit diesem Thema umgehe.

ZEITmagazin: Das eigentliche Outing hat dann Ihr Vater übernommen, in einem Interview.

Ole von Beust: Damals war ich stinksauer und habe ihn sofort angerufen: Warum hast du mir nichts davon gesagt? Seine Antwort war: Dann hättest du es ja unterbunden.

ZEITmagazin: Wie lange waren Sie ihm böse?

Ole von Beust: Nicht lange. Er hatte ja recht. Es war besser für mich so.

ZEITmagazin: 2001, zwei Jahre vor Schills Rauswurf, hatte Klaus Wowereit seinen berühmten Satz gesprochen: »Ich bin schwul, und das ist auch gut so.« Wie wirkte das auf Sie?

Ole von Beust: Ich habe einen Schreck gekriegt, weil ich Angst hatte, geoutet zu werden. Ich war ausgerechnet in Berlin bei einer Tagung. Ich habe mein Schwulsein immer sehr offen gelebt, ich war, als ich jünger war, auch kein Kind von Traurigkeit und bin in einschlägige Lokale gegangen. Aber damals war ich noch nicht so weit, dass ich ein Outing als Befreiung empfunden hätte. Ich wollte mich nicht rechtfertigen müssen für Dinge, die keinen was angehen. Und ich wollte nicht der schwule Fraktionsvorsitzende sein, sondern der Fraktionsvorsitzende, der vielleicht auch schwul ist. Damals hätte ich das Attribut sofort als Markenzeichen bekommen.

ZEITmagazin: Klaus Wowereit hat es nicht geschadet, im Gegenteil.

Ole von Beust: Aber ich habe sehr gut ohne Outing gelebt. Im Innersten bin ich eher ein schüchterner Mensch. Über Privates öffentlich reden zu müssen hat mir nicht so gelegen, liegt mir heute noch nicht richtig.

ZEITmagazin: Wäre ein Outing in einer anderen Partei leichter gewesen? Was kann man in der CDU als Homosexueller werden?

Ole von Beust: Ministerpräsident ist das Äußerste. Ich selbst wäre auch nie Spitzenkandidat geworden, wenn die Leute geahnt hätten, dass ich gewinnen könnte. Ich war ja eher eine Verlegenheitslösung, der Jungspund, der immer so aussieht, als käme er gerade vom Segeln. Ich weiß, dass Helmut Kohl 1997 dagegen war, dass ich Spitzenkandidat wurde.

ZEITmagazin: Haben Sie gemerkt, dass Ihr Schwulsein in der Stadt und unter Journalisten ein offenes Geheimnis war?

Ole von Beust: Es gab Leute, die haben mich beiseitegenommen und pseudofreundschaftlich gesagt: Du weißt schon, die haben da ein Dossier über dich liegen. Wissen Sie, den Leuten reicht es ja nicht, wenn jemand schwul ist. Das wird immer noch angefettet. Sie glauben ja nicht, was ich alles gehört habe, wo ich mit wem gewesen sein soll, welche Vorlieben ich hätte. Man hat mir gesagt: Ich gebe dir mal ’n Tipp, in das und das Lokal würde ich nicht mehr gehen. Ich sagte: Ich war da nie. Die Antwort lautete: Ist ja egal, ich sag’s nur.

ZEITmagazin: Ein beliebtes Spiel: Prominenten nachzusagen, sie seien schwul, sie hätten bestimmte Vorlieben. Woran liegt das?

Ole von Beust: Also, wer in der Politik angeblich alles schwul ist... Schon als ich anfing: Minister, Kanzler... Krankheit, Alkoholprobleme, finanzielle Unregelmäßigkeiten, Nähe zum Kiezmilieu, alles wird einem unterstellt. Das Führungsamt hat den Sonnenschein, aber es hat eben auch die Kehrseite, dass unglaublich viel dummes Zeug über Sie erzählt wird.

ZEITmagazin: Warum sind Sie, solange Sie Bürgermeister waren, nie mit Ihrem Partner in der Öffentlichkeit aufgetreten?

Ole von Beust: Was komisch ist: Das stimmt gar nicht. Ich bin mit meinem jetzigen Partner beim Fußball gewesen, und wir sind zusammen ins Kino gegangen. Auch mit meinem vorherigen Partner, der nicht aus Hamburg war, habe ich mich nicht versteckt. Das hat aber niemand zur Kenntnis genommen.

ZEITmagazin: Berichtet wurde über Sie und Ihren Partner erst, als Sie nicht mehr Bürgermeister waren. Drei Wochen nach dem Ausscheiden sind Sie gemeinsam zur Eröffnung eines Armani-Shops erschienen. Haben Sie gedacht, das interessiert keinen mehr?

Ole von Beust: Mich hat die Reaktion gewundert. Ich dachte, dass man mit dem Ausscheiden aus dem Amt nicht mehr Gegenstand der öffentlichen Betrachtung ist. Da war ich naiv.

ZEITmagazin: Ihr Partner ist mehr als 30 Jahre jünger als Sie . Auch aus diesem Grund war die Überraschung groß.

Ole von Beust: Das ist doch bei anderen genauso. Denken Sie nur an Joschka Fischer oder an Franz Müntefering und seine heutige Frau. Darüber wurde genauso geschrieben.

ZEITmagazin: Es gab nach der Konfrontation mit Schill noch eine zweite Situation, in der das Private für Sie politisch wurde. Sie hatten mit Roger Kusch einen Freund zu Ihrem Justizsenator gemacht. Nach einer Reihe von politischen Affären haben Sie ihn 2006 entlassen. War es im Rückblick ein Fehler, jemanden zum Senator zu machen, der Ihnen nahestand?

Ole von Beust: Wenn Sie mit jemandem lange befreundet sind, sind Sie befangen, positiv wie negativ. Es ist daher schwierig, einen Freund in ein Amt zu berufen, das Sie selbst vergeben. Ich würde es nicht wieder machen.

ZEITmagazin: Sehen Sie Kusch heute noch?

Ole von Beust: Wir hatten zunächst lange Zeit keinen Kontakt mehr, aber das hat sich wieder normalisiert. Ich bin nach wie vor mit ihm befreundet. Manches, was er sagt, halte ich für richtig, manches für falsch.

ZEITmagazin: Sie meinen Kuschs Einsatz als Sterbehelfer , der sogar staatsanwaltschaftliche Ermittlungen nach sich gezogen hat.

Ole von Beust: Dafür kritisiere ich ihn. Wobei ich mich mehr an der Form stoße als an der Sache.

ZEITmagazin: Herr von Beust, welches war die beste Zeit in Ihrem Leben?

Ole von Beust: Die Jahre 2004 bis 2008, als wir in Hamburg mit absoluter Mehrheit regiert haben. Da war ich sehr frei und konnte im Grunde machen, was ich wollte.

ZEITmagazin: Sie galten als König von Hamburg...

Ole von Beust: ...ach, immer hieß es, ich würde präsidial regieren. Vielleicht sehe ich so aus, vielleicht rede ich so, aber ich habe mein Amt sicher nicht wie ein Präsident geführt.

ZEITmagazin: Wäre Bundespräsident eigentlich etwas für Sie gewesen?

Ole von Beust: Ach, wenn man mich gefragt hätte – ich hätte nicht Nein gesagt.

ZEITmagazin: Und heute? Könnten Sie sich denn vorstellen, noch einmal in die Politik zurückzukehren?

Ole von Beust: Ich sehne mich nicht danach, und ich bitte nicht darum. Aber wenn es eine interessante Aufgabe gäbe, dann würde ich darüber nachdenken.

 
Leser-Kommentare
  1. Mit diesem Thema haben sich schon viele beschäftigt.

    Doch handelt es sich hier nicht viel mehr um überzogenes Machtgehabe, Prüderie und Neid auf der Seite derer, die vergessen haben, wer sie sind? :)

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