"Angela Merkel schicke ich ab und zu eine SMS"
ZEITmagazin: Verdienen Sie heute mehr als zu Bürgermeisterzeiten?
Ole von Beust: Ja. Die Leute denken, ich sei nur auf Sylt und kassiere eine riesige Pension. Es ist umgekehrt, ich tue sehr viel und bekomme nichts vom Staat.
ZEITmagazin: Sylt – wie oft sind Sie dort?
Ole von Beust: Durchschnittlich ein verlängertes Wochenende pro Monat, also ungefähr so viel wie vorher. Es muss auch gar nicht mehr sein. Was mich reizt, ist der Wechsel zwischen Stadt und Land.
ZEITmagazin: Es war immer das Klischee, das man mit Ihnen verbunden hat: der Sylt-Urlauber.
Ole von Beust: Ich werde so schnell braun, ich konnte es nie verleugnen, wenn ich dort war. Aber es hat mir nicht geschadet. Was mich allerdings gewundert hat, ist das Klischee von Sylt. Morgens um zehn Champagner trinken und an Stehtischen Hummer essen, das ist nicht mein Sylt. Diese Insel ist für mich Natur, Möwen, Sturm, Sonne, Strand.
ZEITmagazin: Ihre Wohnung liegt in Westerland und soll 40 Quadratmeter groß sein. Das klingt fast nach Einsiedelei.
Ole von Beust: Mittlerweile sind es 70 Quadratmeter, vor drei Jahren habe ich eine neue Wohnung gekauft. Aber auch die jetzige ist im ersten Stock Landseite, in einem Hochhaus in Westerland, mit Blick auf die gegenüberliegende Häuserzeile. Es ist kein Statussymbol, aber eine schöne Wohnung, die ich mir für meine Verhältnisse gemütlich gemacht habe – vor allem ist sie bezahlt.
ZEITmagazin: Herr von Beust, wie nehmen Sie Politik heute wahr?
Ole von Beust: Ich lese Zeitungen, schaue einmal am Tag Nachrichten und gucke im Internet, was los ist. Aber all diese Fragen: Geht Brüderle, bleibt er, was macht Rösler, langweilen mich, manchmal bin ich fast amüsiert über die rituellen Abläufe in der Politik. Andere Themen dagegen fesseln mich: die Energiepolitik, Integration, der Euro.
ZEITmagazin: Gibt es etwas, das Sie geärgert hat?
Ole von Beust: Die großen Parteien waren in der Sarrazin-Debatte viel zu ängstlich. Sarrazins Thesen lösen doch keine Probleme, es geht ja nicht darum, wie viele Türken wir nach Deutschland holen, sondern darum, wie wir mit denen umgehen, die da sind. Die Parteien haben reflexhaft auf Sarrazin reagiert, sie wollten populär sein. Da hätte ich klarere Kante gezeigt. Oder die Art, wie die Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke im letzten Herbst angegangen wurde – als Reaktion auf die Diskussion in der CDU »Was ist konservativ?«. Man dachte, man muss sich wirtschaftsfreundlich zeigen. Die Quittung ist, dass man in Baden-Württemberg die Wahl vergeigt hat. Das kann man aus der Distanz, die ich jetzt habe, viel klarer sehen.
ZEITmagazin: Hätten Sie das, was Sie gerade gesagt haben, auch im CDU-Präsidium offen sagen können?
Ole von Beust: Im Präsidium: ja. Da haben wir meist sehr frei geredet.
ZEITmagazin: Mit wem aus der obersten CDU-Riege stehen Sie heute noch in Kontakt?
Ole von Beust: Mit Ronald Pofalla bin ich befreundet, mit ihm telefoniere und simse ich öfter mal. Auch Angela Merkel schicke ich ab und zu eine SMS, wenn ich etwas gut oder schlecht finde. Sie antwortet auch immer freundlich. Und mit Roland Koch habe ich einen zwar lockeren, aber guten Kontakt.
ZEITmagazin: Haben Sie sich mit ihm über Ihren Rückzug aus der Politik ausgetauscht?
Ole von Beust: Wir reden eher beruflich: Wie läuft’s bei dir? Ich besuche ihn manchmal in Frankfurt, und auf Sylt gehen wir ab und zu spazieren, weil er da auch eine Wohnung hat.
ZEITmagazin: Viele fanden Ihren Rücktritt leichtfertig, einige sogar verantwortungslos. Verstehen Sie die Kritik?
Ole von Beust: Im Nachhinein, mit dem Blick auf das Scheitern von Schwarz-Grün und auf das schlechte Wahlergebnis der CDU in Hamburg, verstehe ich, wenn Leute sagen: Warum hast du das getan? Aber diese Entwicklung war für mich damals nicht absehbar.
ZEITmagazin: Wie bitte? Es hieß doch gleich: Das geht nicht gut, diese Koalition hängt an Ole von Beust.
Ole von Beust: Vielleicht habe ich unterschätzt, wie groß mein eigener Anteil am Gelingen von Schwarz-Grün war. Aber viele Vorbehalte, zum Beispiel gegen die Schulreform , die wir machen wollten, sind auch erst im Nachhinein formuliert worden. 80 Prozent derjenigen in meiner Partei, die hinterher meckerten, hatten vorher munter mitgestimmt und mir auf die Schulter geklopft: »Wunderbar, das ist genau der richtige Weg!«
ZEITmagazin: Sind Sie enttäuscht von Ihrer Partei?
Ole von Beust: Enttäuscht nicht. Aber mir ist klar geworden, dass Sie, wenn Sie lange ein Führungsamt haben, Ihre Umgebung und die Meinung Ihrer Mitmenschen mehr prägen, als Sie selber gedacht hätten. Und je länger Sie da sind, desto angepasster wird die Entourage.
ZEITmagazin: Hamburg ist eine Stadt, die von manchen als ziemlich selbstgerecht empfunden wird, ein starres System. Es gilt nicht gerade als ein Ort, der sich verändern will.
Ole von Beust: Deshalb hat man mir ja auch so übel genommen und tut es bis heute, dass ich das Verhalten der Eliten kritisiert habe. Es gibt eine Reihe von Leuten, die sich zur Elite zählen und die immer gedacht haben: Der Bürgermeister ist einer von uns. Die waren dann verwundert, als ich in der Debatte über die Schulreform Partei für diejenigen ergriffen habe, denen es nicht so gut geht. Aber ich gehöre niemandem! Ich war immer Freigeist und bin auch so erzogen worden.
- Datum 30.05.2011 - 15:58 Uhr
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- Quelle ZEITmagazin, 1.6.2011 Nr. 23
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Mit diesem Thema haben sich schon viele beschäftigt.
Doch handelt es sich hier nicht viel mehr um überzogenes Machtgehabe, Prüderie und Neid auf der Seite derer, die vergessen haben, wer sie sind? :)
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