Ole von Beust "Ich gehöre niemandem!"
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"Ich habe gemerkt, dass ich schlechter wurde"

ZEITmagazin: Welche Rolle spielte es denn bei der Erziehung, dass Sie aus einer Adelsfamilie stammen? Sie sind ja ein Freiherr wie zu Guttenberg auch – nur dass es bei Ihnen nicht ständig dazugesagt wird.

Ole von Beust: Mein Vater hat den Adelstitel immer als eine große Verpflichtung angesehen. Die Frage, warum der Adel im »Dritten Reich« versagt hat – das war für ihn ein großes Thema. Mich hat der Adel als solches nie interessiert. Aber ich bin in diesem Geist groß worden: Nimm dich nicht so wichtig, nimm deine Verantwortung wahr und bewundere niemanden. Beurteile Menschen immer nur nach dem, was sie tun, und nicht nach dem, was sie haben.

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ZEITmagazin: Haben Sie je an Treffen von Adligen teilgenommen?

Ole von Beust: Nein, ich habe zwar freundliche Einladungen zum Gelben Kreis und zu Adelsbällen bekommen. Aber ich bin da nicht hingegangen. Mein Vater hatte eine Zeitung abonniert, das Deutsche Adelsblatt, die bestand zu 90 Prozent aus Todesanzeigen. Das fand ich alles sehr rückwärtsgewandt.

ZEITmagazin: Der Freigeist Ole von Beust – woran haben Sie gemerkt, dass es für Sie reicht mit der Hamburger Politik?

Ole von Beust: An drei Dingen. Erstens habe ich bemerkt, dass ich im Laufe der Jahre dünnhäutiger geworden bin. Das Gefühl, von den Medien ungerecht behandelt zu werden, hat mich früher nicht gestört. Vielleicht liegt es auch daran, dass man die Journalisten irgendwann gut kennt, da gibt es auch welche, die einem am Herzen liegen, und dann fragt man sich: Warum schreibt der jetzt so über mich? Zweitens wiederholen sich viele Dinge. Es gibt viele Termine, die Jahr für Jahr die gleichen sind. Die Leute erwarten zu Recht, dass ein Bürgermeister gerne dorthin geht. Ich dachte aber immer öfter: Warum schon wieder? Ich war doch schon acht Mal da. Ich weiß genau, welche Musik gespielt wird, welche Reden gehalten werden. Und drittens habe ich selber gemerkt, dass ich schlechter wurde. Wenn etwas schieflief, dachte ich: Ach, egal, wir machen trotzdem so weiter. Da wusste ich, dass es besser ist aufzuhören .

ZEITmagazin: Woran liegt es, dass ausgerechnet Unionspolitiker im vergangenen Jahr reihenweise zurückgetreten sind? Gerade diejenigen, die für Pflichtbewusstsein und Leistungsdenken standen: Roland Koch, Horst Köhler, Peter Müller, Sie?

Ole von Beust: Für Roland Koch, Peter Müller und mich gilt: Wir alle sind relativ früh in Führungsämter gekommen, mit Mitte 30 waren wir Fraktionschefs, mit Mitte 40 Regierungschefs. Früher war das anders, da ging es mit 40 erst los, dann hat man das eben gemacht bis zur Rente, bis Mitte 60.

ZEITmagazin: Nach 20 Jahren ist die Zeit für einen Politiker abgelaufen?

Ole von Beust: Es ist die Frage, welche Perspektive haben Sie? Hamburg ist eine tolle Stadt, aber irgendwann braucht man neue Herausforderungen. Wenn es diese Perspektive nicht gibt, ist es normal, sich zu fragen, ob man noch mal was anderes macht. Es überrascht mich manchmal, dass die Leute tun, als hätte ich mich aus dem Staub gemacht, kaum dass ich gewählt wurde. Ich war neun Jahre lang Bürgermeister, die zweitlängste Amtszeit in Hamburg.

ZEITmagazin: Haben Sie, die Zurückgetretenen, im Amt eine gewisse Leere verspürt?

Ole von Beust: Die Dichte ist eher das Problem. In den Siebzigern, Achtzigern hatte der NDR eine Fernsehsendung, Berichte vom Tage, beim Rundfunk gab es eine Viertelstunde Landespolitik auf NDR1, die Lokalpresse war eher regierungstreu, freundlich-unkritisch. Das können Sie mit heute nicht vergleichen. Heute haben Sie die fünf- bis siebenfache Anzahl von Medien, die alle zuspitzen müssen. Man erwartet von einem Bürgermeister, sich zu allen Weltdingen zu äußern. Die Beschleunigung, diese Erwartungshaltung hält man zwei Legislaturperioden aus, wenn man ein dickes Fell hat.

ZEITmagazin: Wäre es sinnvoll, politische Ämter wie das eines Ministerpräsidenten oder Bundeskanzlers zeitlich zu begrenzen, etwa auf zwei Legislaturperioden?

Ole von Beust: Ja. Meine Wunschvorstellung wäre die: eine Legislaturperiode von fünf Jahren und maximal zwei Amtszeiten. Die Verschleißerscheinungen treten ja nicht nur bei mir auf.

ZEITmagazin: Ist der politische Betrieb oberflächlicher geworden?

Ole von Beust: Mir kommt er manchmal weltfremd vor. Parteitage zum Beispiel. Die Atmosphäre, die Journalisten, die vielen Leute, anfangs war das für mich aufregend. Irgendwann fand ichs furchtbar. Da hieß es vorher: Ihr müsst lange klatschen, weil die Journalisten stoppen, wie lange der Beifall dauert. Sind die Zuhörer hinterher aufgestanden? Welcher Name ist in der Rede genannt worden? All das wurde auf einmal gedeutet. Aber ich gebe zu: Ich war selbst Bestandteil des Systems und habe kein Rezept, wie man anders auf diese Entwicklungen reagieren könnte.

ZEITmagazin: Die FDP hatte bei der Suche nach einem neuen Vorsitzenden das Problem, dass einige Kandidaten zuerst nicht recht mochten, aus familiären Gründen. In anderen Parteien gab es ähnliche Situationen. Verstehen Sie das Zögern der jüngeren Politiker, ihre Sehnsucht danach, einen Rest von Privatleben zu erhalten?

Ole von Beust: Wir haben in Deutschland noch eine majestätische Erwartung an Politiker. Man erwartet einen halben Heiligen, ein Politiker muss Vorbild sein in allem, was er tut, auch im Privaten. Wenn da jemand sagt, ich bin ein Mensch wie alle anderen auch, ich bin zwar gewählt, um, sagen wir: Gesundheitspolitik zu machen, aber ich habe auch Verantwortung für meine Familie, mein eigenes Leben, dann stutzen die Leute.

ZEITmagazin: Einer der Momente Ihrer Karriere, der in Erinnerung bleiben wird, war eine Situation, die für Sie selbst sehr unangenehm gewesen sein muss. Ihr Innensenator Ronald Schill stand im August 2003 in Ihrem Amtszimmer und erpresste Sie mit der Drohung, er werde Ihre Homosexualität öffentlich machen und dazu noch eine angebliche Liaison, die Sie mit Ihrem Justizsenator Roger Kusch hätten.

Ole von Beust: Diese Sache hat mich gar nicht so gekränkt, wie viele vermutet haben. Sie hat mich nicht in meinem Innersten berührt. Schill hatte einen Ausraster. Er fühlte sich existenziell bedroht – der eigentliche Streit ging ja um die Frage, ob sein Staatssekretär, der wesentliche Teile seiner Arbeit machte, rausgeworfen wird oder nicht. Wenn es nicht meine Homosexualität gewesen wäre, hätte er etwas anderes gefunden. Er wusste ja von mir selber, dass ich schwul bin. Es war nichts, was ich vor ihm geheim gehalten hätte.

Leser-Kommentare
  1. Mit diesem Thema haben sich schon viele beschäftigt.

    Doch handelt es sich hier nicht viel mehr um überzogenes Machtgehabe, Prüderie und Neid auf der Seite derer, die vergessen haben, wer sie sind? :)

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