"Schill war ein Mittel zum Zweck"
ZEITmagazin: Was hat Sie berührt, wenn nicht das Verhalten von Schill?
Ole von Beust: Dass Zeitungen anschließend monatelang mein Privatleben durchforstet haben. Die haben bei Handwerkern angerufen, ob es Vorrichtungen an der Wand gibt, an denen jemand gefesselt werden kann, ob es Spiegel überm Bett gibt. Bei Kneipenwirten fragten sie nach, mit wem ich da war, was ich getrunken habe. Dieses Gefühl, dass das eigene Umfeld abgeschöpft wurde – das hat mich wirklich belastet. Und Sie können sich nicht dagegen wehren.
ZEITmagazin: Warum nicht?
Ole von Beust: Wollen Sie den Verleger anrufen und fragen: Was soll das? Ich habe mit Journalisten gesprochen. Die sagten: Es geht nicht um dein Privatleben, wir wollen nur überprüfen, ob du gelogen hast.
ZEITmagazin: Hatten Sie sich in Schill getäuscht?
Ole von Beust: Dass er schwierig ist, habe ich gewusst. Dass es aber bis zum Selbstzerstörerischen geht, dass er in einer Mischung aus Cholerik und Wut jeden Maßstab verliert, hätte ich nicht gedacht. Unter vier Augen konnte er ein lustiger Geselle sein.
ZEITmagazin: Offensichtlich war er charakterlich ungeeignet für sein Amt. Sie hätten ihn nie ernennen dürfen.
Ole von Beust: Schill war ein Mittel zum Zweck. Die Koalition mit ihm war eine machtpolitische Entscheidung. Ich war der Meinung, nach 44 Jahren muss die SPD weg, und hatte gehofft, dass er sich im Amt fängt.
ZEITmagazin: Obwohl Ihre Homosexualität mit der Schill-Affäre öffentlich war, haben Sie selbst darüber auch weiterhin nicht gesprochen. Warum?
Ole von Beust: Ich wollte mir von Schill nicht diktieren lassen, wie ich mit diesem Thema umgehe.
ZEITmagazin: Das eigentliche Outing hat dann Ihr Vater übernommen, in einem Interview.
Ole von Beust: Damals war ich stinksauer und habe ihn sofort angerufen: Warum hast du mir nichts davon gesagt? Seine Antwort war: Dann hättest du es ja unterbunden.
ZEITmagazin: Wie lange waren Sie ihm böse?
Ole von Beust: Nicht lange. Er hatte ja recht. Es war besser für mich so.
ZEITmagazin: 2001, zwei Jahre vor Schills Rauswurf, hatte Klaus Wowereit seinen berühmten Satz gesprochen: »Ich bin schwul, und das ist auch gut so.« Wie wirkte das auf Sie?
Ole von Beust: Ich habe einen Schreck gekriegt, weil ich Angst hatte, geoutet zu werden. Ich war ausgerechnet in Berlin bei einer Tagung. Ich habe mein Schwulsein immer sehr offen gelebt, ich war, als ich jünger war, auch kein Kind von Traurigkeit und bin in einschlägige Lokale gegangen. Aber damals war ich noch nicht so weit, dass ich ein Outing als Befreiung empfunden hätte. Ich wollte mich nicht rechtfertigen müssen für Dinge, die keinen was angehen. Und ich wollte nicht der schwule Fraktionsvorsitzende sein, sondern der Fraktionsvorsitzende, der vielleicht auch schwul ist. Damals hätte ich das Attribut sofort als Markenzeichen bekommen.
ZEITmagazin: Klaus Wowereit hat es nicht geschadet, im Gegenteil.
Ole von Beust: Aber ich habe sehr gut ohne Outing gelebt. Im Innersten bin ich eher ein schüchterner Mensch. Über Privates öffentlich reden zu müssen hat mir nicht so gelegen, liegt mir heute noch nicht richtig.
ZEITmagazin: Wäre ein Outing in einer anderen Partei leichter gewesen? Was kann man in der CDU als Homosexueller werden?
Ole von Beust: Ministerpräsident ist das Äußerste. Ich selbst wäre auch nie Spitzenkandidat geworden, wenn die Leute geahnt hätten, dass ich gewinnen könnte. Ich war ja eher eine Verlegenheitslösung, der Jungspund, der immer so aussieht, als käme er gerade vom Segeln. Ich weiß, dass Helmut Kohl 1997 dagegen war, dass ich Spitzenkandidat wurde.
ZEITmagazin: Haben Sie gemerkt, dass Ihr Schwulsein in der Stadt und unter Journalisten ein offenes Geheimnis war?
Ole von Beust: Es gab Leute, die haben mich beiseitegenommen und pseudofreundschaftlich gesagt: Du weißt schon, die haben da ein Dossier über dich liegen. Wissen Sie, den Leuten reicht es ja nicht, wenn jemand schwul ist. Das wird immer noch angefettet. Sie glauben ja nicht, was ich alles gehört habe, wo ich mit wem gewesen sein soll, welche Vorlieben ich hätte. Man hat mir gesagt: Ich gebe dir mal ’n Tipp, in das und das Lokal würde ich nicht mehr gehen. Ich sagte: Ich war da nie. Die Antwort lautete: Ist ja egal, ich sag’s nur.
ZEITmagazin: Ein beliebtes Spiel: Prominenten nachzusagen, sie seien schwul, sie hätten bestimmte Vorlieben. Woran liegt das?
Ole von Beust: Also, wer in der Politik angeblich alles schwul ist... Schon als ich anfing: Minister, Kanzler... Krankheit, Alkoholprobleme, finanzielle Unregelmäßigkeiten, Nähe zum Kiezmilieu, alles wird einem unterstellt. Das Führungsamt hat den Sonnenschein, aber es hat eben auch die Kehrseite, dass unglaublich viel dummes Zeug über Sie erzählt wird.
ZEITmagazin: Warum sind Sie, solange Sie Bürgermeister waren, nie mit Ihrem Partner in der Öffentlichkeit aufgetreten?
Ole von Beust: Was komisch ist: Das stimmt gar nicht. Ich bin mit meinem jetzigen Partner beim Fußball gewesen, und wir sind zusammen ins Kino gegangen. Auch mit meinem vorherigen Partner, der nicht aus Hamburg war, habe ich mich nicht versteckt. Das hat aber niemand zur Kenntnis genommen.
- Datum 30.05.2011 - 15:58 Uhr
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- Quelle ZEITmagazin, 1.6.2011 Nr. 23
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Mit diesem Thema haben sich schon viele beschäftigt.
Doch handelt es sich hier nicht viel mehr um überzogenes Machtgehabe, Prüderie und Neid auf der Seite derer, die vergessen haben, wer sie sind? :)
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