Film "Hangover 2"Ihr lasst euch gehn!

Gedächtnisverlust als letzte Chance: Die Jungskomödie "Hangover 2" von Anke Leweke

Hangover vor zwei Jahren in der globalen Unterhaltungslandschaft ein. Die Handlung: die Sau rauslassen. Genauer: vor dem endgültigen Eintritt ins Erwachsensein ein letztes Mal entgleisen. Strukturell mochte sich Todd Phillips Hangover nicht von verwandten Filmen des "Buddy-Genres" unterscheiden, auch hier durfte der Mann vor seiner Hochzeit noch einmal die Hüllen der Zivilisation fallen lassen, standen Komasaufen, exzessive Drogen- und Sexerfahrungen auf dem Programm.

Wie eine flächendeckende Regression schlug die Jungskomödie

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Bei Phillips haben die Tabubrüche jedoch einen Hintersinn. Seine Geschmacklosigkeiten sind geprägt von einem anarchischen Geist und von einem liebevoll-emphatischen Blick auf vier Helden, die sich gehen lassen, bevor sie soziale Rollen mit einem gewissen, nun ja, Endgültigkeitspotenzial übernehmen: Gatte, Karrierist, Ernährer, Erzeuger und so weiter.


Todd Phillips weiß, wovon er erzählt. Bevor er zum Spielfilm wechselte, drehte er den gut recherchierten Dokumentarfilm Frat House über amerikanische fraternities (studentische Verbindungen, Anm. d. Red.) und die Entgrenzungs- und Demütigungsrituale, die sie bei der Initiation ihrer Mitglieder anwenden. Seine Erfahrungen verarbeitete er in Komödien wie Road Trip, Old School und Hangover ; nun legt er eine durch den Schauplatz Bangkok ins Exotische gehobene Fortsetzung nach.

Auch in Hangover 2 gelingt es Phillips, seine Durchschnittshelden präzise zu zeichnen, ohne sie auszustellen. Da sind der von Ehe, Kind und dem Leben gelangweilte Schönling Phil, der völlig unauffällige, eigentlich nur übers Handy an die Filmhandlung angedockte Doug sowie der spießige Zahnarzt Stu, der jetzt in Thailand seine Traumfrau Jamie ehelichen möchte. Last but not least: der neurotische Nerd Alan. Im Gegensatz zu seinen Kumpeln ist er noch nicht im Erwachsensein angekommen und kann getrost vor sich hin pubertieren. Schon im Vorgängerfilm setzte er die verhängnisvollen Ereignisse in Gang: durch die heimliche Verabreichung von Drogen und den damit einhergehenden Gedächtnisverlust.

Hangover 2 beginnt mit dem Blackout und einem Verschwundenen, den es zu suchen gilt: Es ist der Bruder der Braut, das 16-jährige Wunderkind Teddy. Nur seinen Finger findet man zwischen Scherben, Flaschen und Möbeln in einem schmuddeligen Hotelzimmer. Da das Budget des Films auf 80 Millionen Dollar aufgestockt wurde, ist die Suche begleitet von deutlich mehr Schauwerten (das thailändische Meer mit seinen bizarren Felsen) und Actioneinlagen (Verfolgungsjagd durch enge Gassen).

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Nur leider wird die Feier der Zügellosigkeit und Entgrenzung auch in Hangover 2 zur moralischen Lehrstunde: Vier Männer dürfen ihre eigene Männlichkeitsfantasie nur in der thailändischen Ferne und im Modus des Erinnerungsverlusts durchleben. Dass die Welt, in die sie zurückreisen, für rauschhafte Auszeiten nicht den geringsten Raum bietet, ist die wohl wahre Erkenntnis auch dieser Jungskomödie.

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Leserkommentare
  1. Die Zeit hat ein neues Wort erfunden: "Jungskomödie"! Wikipedia kann mit diesem Begrieff nichts anfangen und Google kennt ihn erst seit diesem Artikel. Ein neues Genre ist gebohren!
    [...]

    Liebe Zeit, nehmt solche Filme doch nicht so "Bier"-ernst! Es sind nunmal Kommödien, eine willkommene Abwechslung zu Supergau, Krieg und Verderben!

    Bitte formulieren Sie Kritik sachlich. Danke. Die Redaktion/lv

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Die vielen, vielen Rechtschreibfehler sind durch mein Mobiltelefon entstanden. Bitte zensieren Sie nicht meinen Beitrag, sondern beseitigen Sie die Fehler, danke ;-)

  2. Die vielen, vielen Rechtschreibfehler sind durch mein Mobiltelefon entstanden. Bitte zensieren Sie nicht meinen Beitrag, sondern beseitigen Sie die Fehler, danke ;-)

    Antwort auf ""Jungskomödie" ?"
  3. ...was interessiert es die Leser dieser Zeit, welche Jungskomödien im Kino anlaufen?

    Bitte beteiligen Sie sich mit sachlichen Argumenten an der Artikeldiskussion. Danke. Die Redaktion/lv

    • soykas
    • 01. Juni 2011 9:00 Uhr

    Wer Emphase und Empathie verwechselt (wie der Rezensent), ist in diesem Film gut aufgehoben.

  4. Eine Jungskomödie ist die freie deutsche Übersetzung für ein Buddy-Movie. Also ein Kumpel-Film, der sich nicht wie Wikipedia schreibt ausschließlich auf zwei Kumpel beschränken muss. Gängige Begriffe in der Filmbranche. Merke: Nur weil etwas nicht in Wikipedia steht, heißt das nicht, dass es das nicht gibt...

    3 Leserempfehlungen
  5. Selten so gelacht wie bei Hangover 1!

    Hoffe sehr, der Nachfolger ist nicht nur ein Duplikat vor neuer Kulisse. Humor ist immer Geschmackssache, über die wunderbar schrägen Einfälle der Drehbuchautoren kann es jedoch keine zwei Meinungen geben. Den Tiger von Mike Tyson von hinten zu nehmen - erfrischend haarsträubend!!!

  6. Zunächst ein Eingeständnis: Ich habe mich während des Films nicht gelangweilt! Allerdings war ich nahezu permanent entsetzt: Vom Einsatz vermenschlichter Affen halte ich im Film sowenig wie im Zirkus oder Vorabendfernsehen. Aber nicht nur Tiere werden belustigt bis verächtlich betrachtet (neben dem Affen auch das zerplatzende Schwein), sondern auch Asiaten (der humorlose Vater, der tuntige Verbrecher Chow), Russen und Araber (Kriminelle) und Frauen (Ehefrau oder Prostituierte, aber stets nur Dekoration) während der US-Amerikaner als Stellvertreter des westlichen Mannes sich entweder als guter Polizist entpuppt oder trotz aller Dummheit dem coolen Happy End nicht entgeht. Im Kino fühlte ich mich umgeben von vom realen Leben gelangweilten Menschen, die die Helden des Films um ihre Abenteuer beneideten (Es gab Szenenapplaus!) und bereits Pläne für den nächsten Malle-Urlaub schmiedeten: Endlich mal Grenzen überschreiten und was erleben! Armes Mallorca! Arme zivilisierte (?) westliche Welt, in der man(n) im Alltag als Vater und Ehemann funktionieren muss, obwohl man lieber Kind (Alan) und ignorant wäre. Aber zum Glück gibt es ja Urlaubsparadiese, die nur darauf warten, dass man(n) sich dort austobt!

    Abschließend eine kleine Korrektur: Stus Traumfrau heißt nicht Jamie, sondern Lauren.

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  • Schlagworte Dokumentarfilm | Erzeuger | Spielfilm | Wunderkind | Thailand | Bangkok
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